Mit KI und Kamera zur Supermacht?

Eine Stadt in der alles transparent und kontrollierbar ist. Überwachungssysteme, die jeden Schritt, jede Bewegung aufzeichnen und auswerten. Vom Geschwindigkeitsmesser auf der Straße bis zum smarten Klassenzimmer, das Bewertungen aufgrund von Mimik-Interpretation erstellt. Der Personalausweis ist nicht mehr nötig, weil Kameras per Gesichtserkennung alle notwendigen Informationen abrufen können. Die Kreditwürdigkeit von Personen beurteilt ein gesellschaftliches Bonitäts-System. All dies ist Teil der Vision von Xi Jinping für China, Vorsitzender der kommunistischen Partei China.

Diese Vision ist das Thema dieses Blogs. Es werden die Zusammenhänge von Big Data mit der Überwachung, der KI und der totalitären Machtbestrebungen in der Volksrepublik China erläutert.

Chinas besondere Rolle in der KI Forschung

China will bis 2049 zur führenden Weltmacht werden (Stepan, 2018, S. 5). Dazu werden sowohl politisch, wie auch finanziell, immense Anstrengungen unternommen (Bsp. Abwerbung? S.9-10 DLF). Im internationalen Vergleich ist China weit fortgeschritten in der Entwicklung von KI, Überwachungssystemen, Datenspeicherung und dem viel diskutierten gesellschaftlichen Bonitätssystem.

Auch wenn die USA nach den Aussagen von Lee Kai-fu, ehemaliger Chef von Google China, in der KI Forschung  vorne liege, würde China derzeit bereits die Anwendungen um KI liefern, denn die Top-Unternehmen im Bereich der Sensorik und KI seien mittlerweile in China. Ein Beispiel sind die Überwachungs-Systeme der chinesischen Firma Watrix. Sie arbeiten mit Gangerkennung, welche eine höhere Präzision, als herkömmliche Gesichtserkennung hat. Ermittlungs- und Überwachungsbehörden, wie die Polizei in Peking und Shanghai, setzen die Software bereits ein. Nach eigenen Aussagen sei die Erkennung nicht täuschbar. (Dorloff, 2019)

Eine andere Datenkultur

Grund für Chinas besondere Rolle in der KI Forschung ist nicht nur die politische und finanzielle Unterstützung, sondern auch eine andere Datenkultur. Während die westliche Haltung zu personenbezogenen Daten (s. DSGVO) den Charakter von Besitz hat, ist es in China ein Pragmatismus. Solange es erleichtert, verbessert oder Effizienz bringt, wird das Sammeln von Informationen über eine Person von vielen als „sinnvoll“ angesehen.

Die Zugänglichkeit zu Daten macht China zur optimalen Entwicklungsumgebung für intelligente Software. Eine Software zur Gesichtserkennung braucht adäquate Daten, um zu lernen. Das Netz von Kameras ist um ein Vielfaches größer und dichter, als das der USA oder Deutschland. Die Daten dieses Netzes bieten deswegen eine bessere Lernumgebung.

Nur aufgrund der Haltung zu Daten, ist es der Regierung möglich, dass global viel diskutierte und kritisierte Sozialkreditsystem zu testen. Das Projekt sieht die Verteilung sozialstaatlicher und finanzieller Leistungen nach besonderen Kriterien vor. In die Beurteilung von Kreditwürdigkeit fließen neben der Liquidität auch Konsumdaten, Verkehrsdelikte und Angaben zum Freundeskreis mit ein. In Deutschland würde das Aussprechen für solch ein System aufgrund der Datenkultur die Karriere eines jeden Politikers im Sekundenschlag ruinieren. (Dorloff, 2019, S. 5-6)

Totalitäres Streben in der Ein-Parteien-Politik

Die Kommunistische Partei hat einen absoluten Machtanspruch. Dieser drückt sich in zunehmender Integration der Partei in den Staat aus. Beispielhaft dafür ist, dass der Beamtenapparat nicht mehr durch eine staatliche Abteilung bezahlt wird, sondern durch die Kommunistische Partei selbst. Der Führungsanspruch der Partei ist im ersten Absatz der chinesischen Verfassung festgeschrieben. Es gibt eine Nationale Kommission gegen Korruption. Diese hat nahezu unbegrenzte Befugnisse in ihrer Ermittlung. All dies sind klare Zeichen eines totalitären Staates. (Stepan, 2018, S. 5) Gesetzesänderungen und Innovationen werden mit Korruptionsbekämpfung, Wirtschaftswachstum und Umweltschutz begründet. Gesellschaftliche Bonitätssysteme und dichte Kameranetze zeigen jedoch die andere Seite der Führung, die Totalitäre, in China auf.

Mittels intelligenter Algorithmen und High-Tech Lösungen zur totalitären Gesellschaft?

Die Kombination von totalitärer staatlicher Macht, fortgeschrittener technischer Innovation und freizügigem Datenumgang ist gefährlich. Ein chinesischer Unternehmer erläutert:

„Es geht also nicht darum, ob die Künstliche Intelligenz Dinge macht, vor denen wir Angst haben. Sondern es geht darum, ob die politischen Absichten der Regierungen gut sind.“ (Dorloff, 2019, S. 10)

Gibt ein Sozialkreditsystem und umfassende intelligente Kameraüberwachung einer Regierung zu viel Macht? Macht, die missbraucht werden kann? Meiner Meinung nach machen diese die Regierung zu stark. Die Regierung, welche bereits eine Ein-Parteien-Stellung innehat, hat sowieso keine demokratischen Bezüge mehr und noch weniger ein System mit „Checks and Balance“. Was also, wenn politische Absichten nicht mehr mit denen der Bevölkerung übereinstimmen? Wenn die Verfassung nicht wehrhaft ist, wer ist es dann? Die gläserne Bevölkerung, die keinen Schritt machen kann ohne, dass Kameras Alarm schlagen? Ich glaube nicht.

Einschränkend ist zu alldem jedoch anzumerken, dass es, bis zur wirklichen Implementierung, beispielsweise eines gesellschaftlichen Bonitätssystems, noch viele größere Innovationen und mehr Zeit braucht. Die Technik ist noch nicht weit genug fortgeschritten für die Verarbeitung solch großer Datenmengen (Stepan, 2018, S. 7). Der totalitäre High-Tech Staat ist momentan noch ein Hirngespinst, aber ein Gespinst, dem wir immer näherkommen. China, als Vorreiter auf diesem Weg, folgt dieser Vision jedoch mit voller Entschlossenheit. Wovor wir Achtung bewahren müssen ist, wenn technische Innovation das totalitäre Machtgefüge in China festigt.

Literaturverzeichnis

Dorloff, A. (04. 02 2019). Die Supermacht der Algorithmen. Deutschlandfunk, S. 10.

Stepan, M. (13. 05 2018). Marxisten an der Macht. Zeit, S. 7.

 

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One thought on “Mit KI und Kamera zur Supermacht?

  1. Marcus Birkenkrahe

    Ich verfolge die Ereignisse in China nur oberflächlich, deshalb enthielt dieser Artikel viele interessante Informationen für mich. Besonders interessant fand ich Ihre Erwähnung der “anderen Datenkultur”. Ich denke, dass, von oberflächlicher Antipathie gegen wahlloses Datensammeln abgesehen, die Haltung “mehr Daten sind doch immer sinnvoll” letztlich auch bei uns dominant ist. Zwar wird Datenschutz breit diskutiert und es gibt politische Konsequenzen (wie die DSGVO), aber das persönliche Verhalten der Einzelnen gegenüber den datensammelnden Firmen bspw. ändert sich nicht (und an Informationsmangel kann es nicht liegen). Oder sehen Sie das anders, bzw. kennen Sie viele Gleichaltrige/Studierende, die in den letzten Jahren ihr Verhalten in der Datenkultur (Apps, Email, Browser usw.) konkret geändert haben? Bin neugierig.

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