Bessere Vorlesungen mit Clickern und Apps

Der Dozent betritt den Vorlesungssaal. Der Raum wird von den Gesprächen der Studenten beschallt. Während der Lehrende zunächst den Computer ansteuert, um das Veranstaltungsskript an die Wand zu projizieren, werden an einigen Tischen bereits High-Tech Arbeitsplätze aufgebaut. Neben Mate-Flaschen oder Kaffeebechern ergänzen Laptops, Tablets und Smartphones das Sichtfeld der Studierenden. Ein nüchternes „Guten Morgen“ markiert den Startschuss für die kommenden 130 Minuten Wissensaneignung. Die Gespräche verstummen. Vom Dozenten wird kurz an die vergangenen Stunden gedacht und der Fahrplan für den heutigen Tag verkündet. Ein Teil von Romantikern kritzelt angeführt vom Vorlesungsthema und Datum fleißig auf karierte College-Blöcke.

Ein Studierender fragt nach der Klausurrelevanz und wird auf die letzte Veranstaltung vor der Prüfungsphase verwiesen. Um  die Aufmerksamkeit der anderen Lernenden nicht direkt zu verlieren, leitet der Dozent mit einem aktuellen Beispiel das Thema ein. Es folgt ein gradliniger und mit Fachwissen vollgestopfter Monolog. Unglücklicherweise ist das Thema sehr von Theorie bestimmt, weshalb zwischendurch zur Einbindung der Zuhörer eine Verständnisfrage in den Raum geworfen wird. Obwohl einigen der Studierenden die Verzweiflung bereits ins Gesicht geschrieben steht, streiken Arme und Sprechorgane zugleich. Vor der versammelten Studentenschaft möchte man sich ungern die Blöße geben.

©PromoMadrid, Max Alexander
Quelle: https://www.flickr.com/photos/promomadrid/5786433557/ ©PromoMadrid, Max Alexander

Das ist für beide Seiten unvorteilhaft, da die Fragen unbeantwortet bleiben und der Dozent den vermittelten Inhalt als Kenntnisstand voraussetzen muss. Ein klassisches Kommunikationsproblem, dass in vielen Vorlesungsveranstaltungen zu beobachten ist. Dabei stehen einer besseren Kommunikation nicht nur die Hemmungen seitens der Studenten im Wege, sondern auch die Händelbarkeit einer Interaktion mit den Zuhörern an sich. Bei einer Vielzahl von Studierenden kann der Dozent schwerlich durch Handmeldungen eine repräsentative Rückmeldung erwarten oder auf individuelle Fragen eingehen, auch wenn diese vom allgemeinen Interesse sein könnte.

Zur Lösung dieses Problems gibt es verschiedene Ansätze und Möglichkeiten. Eine Minimierung der Kursgroße, um individueller auf die Studenten eingehen zu können, ist bei wachsenden Studierendenzahlen in den wenigsten Hochschulen oder Universitäten möglich. Der vollkommene Verzicht auf Interaktion würde sich nachteilig auf den Lernprozess auswirken. Die Verbannung von Laptops oder Tablets im Vorlesungssaal wird von einigen Institutionen angewendet, jedoch fördern Verbote nicht zwingend die aktive Teilnahme an den Veranstaltungen. Ein vielversprechender Ansatz ist der Einsatz von Audience Response Systems bzw. Abstimmungssystemen. Solche Abstimmungssysteme sollen die Lehrenden in Vorlesungen unterstützen, um durch Abstimmungen die Lehre interaktiv zu gestalten. Dafür stellen die Lehrkörper eine oder mehrere Fragen an die Zuhörer. Mit Hilfe eines Clickers, einer Fernbedienung, oder einem internetfähigen Mobilgerät übermitteln diese ihre Antworten zurück an den Dozenten bzw. an einen Computer. Dieser stellt im Anschluss der Abstimmung die Ergebnisse dem Lehrenden zur Verfügung. Wie mit den gewonnenen Informationen in die Vorlesung einfließen, liegt im Ermessen des Dozenten. Zweifelsfrei wird dadurch eine Vorlesung dynamischer. Eine klassische Vorlesung ist einseitig. Die Lehrperson referiert und die Studenten sollen konzentriert zuhören. Durch die Einbindung eines Abstimmungssystems bzw. Votingtools können die Vorlesungsteilnehmer miteinbezogen werden und die Referenten Feedback erhalten. Der Gefahr der Ablenkung wird durch Aktivierung der Studenten entgegengewirkt.

Doch stellt sich beim Einsatz die Frage, inwieweit diese Systeme in die Vorlesungen eingebunden werden sollten oder welches System sich am besten zur Verwendung eignet. Aus didaktischer und organisatorischer Sicht gibt es Stolpersteine, die zu beachten sind. Zunächst sollte die Frage gestellt werden, ob man Fernbedienungen oder mobile Endgeräte verwendet. Fernbedienungen sind einfach zu bedienen und sind gegebenfalls immer direkt vor Ort. Jedoch müssen diese gekauft, gewartet und unter Aufsicht verliehen werden. Mobilgeräte, insbesondere Smartphones, sind flexibler mittlerweile überwiegender Standard bei Studierenden, doch Ausnahmen gibt es immer. Zudem sollten Apps für alle Betriebssysteme kompatibel sein, damit niemand von den Abstimmungen ausgeschlossen wird. Damit geht die Frage einher, von welchem Anbieter man die Software bezieht. Die Angebote werden zunehmend vielfältiger und sollten nach den Bedürfnissen der Dozenten gewählt werden. Wie tiefgreifend ein Audience Response Systeme letztendlich eine Vorlesungen einbaut, muss ein jeder Dozent für sich entscheiden. Ein übermäßiger und koordinierter Einsatz kann jedoch dazu führen, dass die Veranstaltungen ins Stocken geraten.

Seit einigen Jahren werden in einigen deutschen Hochschulen und Universitäten Pilotversuche mit verschiedenen Abstimmungssystemen durchgeführt. Der Physiker Prof. Dr. Christian Kautz setzte bereits in 2003, nach einem Aufenthalt in den USA, ein System mit Clickern an der TU Hamburg Harburg ein. Die Ergebnisse gelten, auch in Namen der Hochschulrektorenkonferenz, als gutes Beispiel für den erfolgreichen Einsatz eines Abstimmungssystems. Mit der zunehmenden Digitalisierung, auch in der Lehre, ist es absehbar, dass Audience Response Systeme vermehrt in deutschen Vorlesungssälen Einzug halten werden. In Zukunft können dadurch die Hürden zur Kommunikation und Interaktionen zwischen Lehrenden und Studierenden abgebaut werden und dadurch die Qualität der Lehre und des Lernprozesses gesteigert werden.

Weitere Informationen gibt es unter:

www.e-teaching.org/lehrszenarien/vorlesung/abstimmungssysteme

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Bildquellen

  • Bessere Vorlesungen mit Clickern und Apps: https://www.flickr.com/photos/promomadrid/5786433557/

2 Gedanken zu „Bessere Vorlesungen mit Clickern und Apps

  1. Lina Mey

    Solche audience response systems oder clicker-Systeme sind wirklich eine wunderbare Möglichkeit eine Vorlesung interaktiver und interessanter zu gestalten. Als ich das erste Mal in einer Vorlesung saß, in der clicker verwendet wurden, fühlte ich mich wie bei “Wer wird Millionär?”. Die Aufmerksamkeit eines jeden Studierenden war geweckt!
    Auch Varianten mit mobilen Endgeräten werden fleißig von DozentInnen (oder ihren Hilfskräften) ausprobiert, ein gutes Beispiel dafür ist ARSnova. Der Start kann dort schwerer fallen, das Interesse und die Motivation seitens der Studierenden ist aber auf jeden Fall gesichert.

  2. susannemey

    Ich kenne die Clicker-Systeme von Konferenzen und mich stört (neben der Banalität mancher Frage) der Technikaufwand. Die Clicker werden ausgeteilt, überwacht, eingesammelt, gezählt,… Und ist den ein Gerät mit nur einer Funktion noch zeitgemäß?

    Mein Lieblingsanbieter ist wahrscheinlich Pingo von der Universität Paderborn(http://trypingo.com/de/tour/) – kostenlos, einfach und mit der Möglichkeit Freitextantworten einzufügen. Und wenn es stört, dass der passwortgeregelte Zugang eine mehrfache Teilnahme an der Abstimmung ermöglicht, können wir die Moodleabstimmung (mit Login, für mehr Möglichkeiten besser noch die Aktivität “Feedback”) empfehlen.

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