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Die gerechtere Bewertung der Zukunft – Über Noten und Erfahrungspunkte

Lina Mey 5 November 2017 2 Comments

Als Teil des E-Learnings-Teams ist man stets bemüht, neue Anwendungen zu entdecken, auszuprobieren und weiterzureichen. Manchmal schwimmt man dabei gegen den Strom, denkt neu und muss Traditionelles überdenken. Manchmal erreicht man damit Großes, manchmal aber geht man nur kleine Schritte. Einen kleinen Anstoß, einmal über Bewertung und Notengebung nachzudenken, soll heute dieser Artikel geben. Vier Fragen und Antworten zum Nachdenken und Neudenken.

Abb. 1: Menschen (Quelle: libreshot)

  1. Warum werden Zensuren, Zeugnisse und Leistungssituationen teilweise so negativ von Lernenden aufgenommen?

Die Einschätzung von Leistung und die Vergabe von Noten ist ein schwieriges Feld für Lernende und Lehrende. Assoziationen wie Undurchsichtigkeit und Willkür beherrschen es, auch wenn sie es in keinem Falle tun sollten. Dabei besteht die Schwierigkeit auf der Seite der Lehrenden, relevante, transparente und faire Noten zu vergeben und auf der Seite der Lernenden diese nachzuvollziehen und anzunehmen. Ziffernoten stellen seit Jahrhunderten (erstmals nachgewiesen in Sachsen um 1530) die Grundlage der Bewertung dar und trotzdem sind sie seit Jahren aufgrund mangelnder Objektivität, Validität und Reliabilität in die Kritik geraten. Alternative Bewertungssysteme wie Portfolios, Kompetenzraster oder Bewertungsgespräche sind gerechter, aber aufwändiger und nicht eindeutig genug. Und nur wer den Numerus Clausus der Universitäten und Hochschulen erreicht, wird für künftige Bildung zugelassen. Wie kann also der Spagat zwischen Schule und Universität erreicht werden, aber gleichzeitig die Bewertung transparenter gemacht werden? Lernende können während der Lernphase oft schwer eigene Leistungen einschätzen und wissen nicht, welchen Notenstand sie zurzeit haben. Weder diese Ungewissheit noch die Bekanntgabe der Endnote am Ende des Semesters ohne Chancen zur Verbesserung steigern die Motivation bei Lernenden. Meist bleibt unklar, wofür gute Noten vergeben werden oder wie eingereichte Leistungen bewertet werden.

Abb. 2: Zeugnis (Quelle: flickr)

      2. Welche Alternative gibt es zu dem traditionellen Notensystem mit größtmöglicher Transparenz und Motivationssteigerung?

Der große Begriff Gamification war bereits in aller Munde und auch auf unserem Blog wurde darüber schon ausführlich berichtet (z. B. classcraft). Die Elemente von Spielen lassen sich aber nicht nur in Quizzen oder als Unterrichtskonzept nutzen, sondern auch als Prinzip der Leistungsbewertung. Die Grundlage liegt dabei in der Bewertung anhand erbrachter Leistungen, Stichwort ist die ständige Transparenz. Die Alternative “XP-based grading system” lässt sich einfach erklären, für Computerspielende sollte der Begriff (XP= experience points) fast selbsterklärend sein.

Lernende starten am Anfang des Semesters mit 0 XP (entsprechend Note 5) und bekommen für jede positive Aktion oder Interaktionen XP gutgeschrieben. Diese werden vorher definiert und können unterschiedlich ausfallen und dementsprechend unterschiedlich viele XP Wert sein. Ein Beispiel: Anwesenheit (5XP), Meldung mit produktiver Aussage (5XP), Präsentation (20XP), gut erledigte Hausaufgabe (15 XP), überragend erledigte Hausaufgabe (35XP) usw. XP können aus Motivationsgründen dabei nicht verloren gehen oder entwendet werden. Dafür muss der Lehrende zu Beginn des Semesters im Vorfeld verschiedene Sektionen des Semesters und ein XP-Limit dafür festlegen. Nun kann der Lernende in den Sektionen XP sammeln und damit Level bzw. Endnoten aufsteigen. Ihm ist dabei zu jeder Zeit bewusst, wie viele XP er bereits verdient hat, für welche Aktionen er wie viele XP bekommt und wie viele weitere XP er benötigt, um die nächst bessere Teilnote zu erlangen. Sammelt ein Lernender mehr XP als nötig in einer Sektion, können diese in andere Sektionen übertragen werden, sodass Schwächen ausgeglichen werden können und Stärken gefördert werden. Dies ist allerdings ein optionaler Punkt. Am Ende des Semesters kann das Level in die jeweilige Note umgerechnet werden, sodass die Vorteile der Ziffernnoten wie Übersichtlichkeit und Integration in Universitäten und Hochschulen bestehen bleiben.

Das System wurde von Christian Haschek entworfen, einem österreichischen Lehrer. Der Schlüssel zum Erfolg ist für Haschek die Umsetzung von Gamifizierung in Bezug auf das Bewertungssystem. In Spielen ist den Spielern stets bewusst, welches Level sie gerade sind, was sie tun müssen, um XP zu erlangen und wie viele XP sie für das nächste Level benötigen. Dies überträgt er, wie beschrieben, auf sein System. Passend dazu hat er eine Website erstellt, welche sich Socialcube nennt. Dieses web-based E-Learning System stellt eine Art Social Network mit Bewertungsraster dar und ist genau auf dieses System ausgelegt, sodass dort Kurse angelegt und XP vergeben werden, welche von Lernenden jederzeit eingesehen werden können. Die Plattform ist frei verfügbar für private Lehrer und Bildungseinrichtungen. In dieser Art und Weise ist für Lernende sowie Lehrende jederzeit ersichtlich, auf welchem Level der Lernende sich bereits befindet, welcher Teil- und Gesamtnote dies entspricht, welche Leistungen er in der Vergangenheit erbracht hat und was er für bessere Noten tun muss. So ist Nachvollziehbarkeit, Transparenz und Gerechtigkeit gegeben.

Abb. 3: Level up (Quelle: wikimedia)

        3. Welche Vor- und Nachteile bietet das XP-based grading system?

Sicherlich stellt auch dieses System keine Patentlösung dar und ist nach eigener Meinung von Haschek noch ausbaufähig. Allerdings lassen sich einige deutlich positive Eigenschaften des Systems erkennen, wenn auch die negativen Seiten beleuchtet werden sollen.

  • + Transparenz über qualitative und quantitative Interaktionen in der Klasse
  • + Schüler in die Notengebung involviert
  • + Lehrer gibt XP während des Unterrichts, keine nachfolgende Bewertung
  • + Begabungsförderung, Ausnutzen von Stärken und Ausgleichen von Schwächen
  • + Förderung der Selbsteinschätzung bei Lernenden sowie Förderung der Unterscheidung von extrinsischer und intrinsischer Motivation
  • + Vermeidung von Strafen durch positive Fehlerkultur
  • + laufende Leistungsbewertung im Semester, keine punktuelle oder endständige Bewertung
  • + Förderung von sachlichen sowie sozialen Kompetenzen durch die Bewertung von Gruppenarbeiten und sozialen Interaktionen

 

  • – Datensicherheit und Datenschutz (mögliche Einsicht und Manipulation trotz Verschlüsselung auf Social cube)
  • –  mögliche Überforderung von Schülern durch das Starten bei der geringsten Stufe
  • – Eigenständigkeit der Lernenden nötig (Durchführung des Systems eher in höheren Altersstufen empfohlen)
  1. Welche Erfahrungen konnten bereits mit dem System gewonnen werden, eignet sich das XP-based grading system auch für mich?

Haschek berichtet über viele positive Rückmeldungen von Kollegen, welche sein System ausprobiert haben. Besonders hervorgehoben werden die positiven Rückmeldungen von Lernenden zu der Transparenz, die gesteigerte Motivation, besonders bei fleißigen/leistungsstarken Lernenden mit zunehmender XP-Anzahl und das direkte Feedback auf Lernenden- sowie Lehrendenseite. Das System bietet sich nicht für jeden an, wer keinen Computer besitzt, nicht während des Unterrichts bewerten möchte, nur Tests/Arbeiten bewertet oder mit dem vorhandenen System zufrieden ist, der sollte beim traditionsgemäßem Bewerten bleiben. Alle anderen sollten einmal neudenken und in Erwägung ziehen, das XP-based grading system selbst anzuwenden.

  1. Ich bin interessiert, welche weiterführende Literatur und Links gibt es zu diesem Thema?
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2 Gedanken zu „Die gerechtere Bewertung der Zukunft – Über Noten und Erfahrungspunkte“

  1. Zu: Die gerechtere Bewertung der Zukunft – Über Noten und Erfahrungspunkte

    Toller Artikel, vielen Dank dafür. Schwierige Situation und kreative Lösung. Ob diese Lösung wirklich von Haschek erfunden wurde? Es gab vorher (2008?) bereits den Multiplayer-Classroom (ein Student von mir macht dazu im nä. Semester sogar eine Bachelorarbeit) von Lee Sheldon, der auf derselben Idee fusst (Sheldon hat dazu Bücher geschrieben). Leider referenziert Haschek ihn nicht – was mir als Wissenschaftler bei der geringen Zahl von Publikationen in diesem Bereich etwas unangenehm aufstösst…

    Noch eins zum Inhalt. Du schreibst: “Kompetenzraster oder Bewertungsgespräche sind gerechter, aber aufwändiger und nicht eindeutig genug.” Nicht eindeutig genug für wen und im Vergleich zu was? Wenn es sich nicht um Mathematik-Aufgaben handelt, bei denen es nur um falsch/richtig geht, dann ist Transparenz m.E. wichtiger als “Eindeutigkeit”, die es vom Prinzip her bei nicht-mathematischen Leistungen gar nicht geben kann. Die Bewertung ist immer ein mehrschrittiger Prozess: mit entsprechender Transparenz (z.B. durch eine Rubric, ein Kompetenzraster) kann ein Gespräch oder eine Rückmeldung die Bewertung verständlicher machen oder auch verhandelbar. Es scheint mir, als ob viele Kollegen keine solchen Raster verwenden. Und (belegbar) viele (genauer: fast alle) Studierenden nehmen die Möglichkeit von Rückmeldungen durch Bewertungsgespräche (zu denen wir verpflichtet sind) nicht in Anspruch. In 10 Jahren waren genau 2 Studierende bei mir zu den vereinbarten Terminen, die es für JEDEN Kurs in JEDEM Semester gibt und geben muss.

    Ob der XP-Entwurf das wirklich eliminiert? Ein bisschen denke ich, dass hier eine Verschiebung vorliegt – das Problem wird in einen Bereich verschoben, wo einfach (und auch noch spielerisch) das Punktesammeln als Aktivität betrieben und dann weniger hinterfragt wird. Die Organisation als Social Media Veranstaltung könnte Hascheks eigene Idee sein – da sehe ich auch Probleme. Z.B. (ich habe die Quelle nicht zur Hand, aber es gibt sie) lehnen Studierende nicht-anonyme Ranking Tables (Leaderboards) stark ab. “Grading on the curve” ist eine andere Praxis, die von diesem System nicht berührt zu werden scheint. Ich bin kein Experte, nur Praktiker, aber Leistungen zu bewerten bleibt nach wie vor schwierig. Und das XP-System ohne Veränderung der anderen Unterrichtsteile geht auch nicht, denke ich. Trotzdem “glaube” ich an diesen multiplayer classroom und es juckt mir schon in den Fingern, das mal zu probieren – mit realen Studierenden!
    Wäre schön, wenn wir solche didaktischen Alternativen mal diskutieren würden…leider passiert das hier auf dem Blog zu wenig! Schade!

  2. Lina Mey sagt:

    Danke für das Feedback und den Anstoß einer Diskussion, denn dafür sollte der Artikel da sein 😉
    Ich habe mich bisher nur genauer mit Hascheks Ansatz beschäftigt und dort wurde, wie du beschrieben hast, Sheldon nicht zitiert. Ich bezweifle aber gar nicht, dass beide Systeme ähnlich sind oder gar auf der gleichen Idee beruhen. Also guter Tipp zum Nachlesen.

    Ziffernnoten sind im Vergleich zu Kompetenzrastern/Gesprächen eindeutiger in der Hinsicht, dass auf einen Blick ersichtlich ist, wie gut/schlecht ich war bzw. welche Leistung ich erbracht habe im Vergleich zu anderen Lernenden. Es wird natürlich bei Rastern viel deutlicher, wo meine Stärken und Schwächen liegen, allerdings lässt die Vergleichbarkeit nach (das wird unter anderem von Eltern in der Schule zum Teil bemängelt). Deshalb wird auch oft eine Kombination aus beiden Systemen eingesetzt, wobei die Note in einem Raster aufgeschlüsselt wird. Das halte ich für gut und sinnvoll, denn hier wird die Transparenz deutlich, ohne die Eindeutigkeit bzw. Vergleichbarkeit zu verlieren, welche unter anderem in Universitäten etc. gefordert wird. Leider kann ich nur bestätigen, dass viele DozentInnen Raster nicht einsetzen, Einsichtstermine werden zwar angeboten, allerdings gehen dort viele StudentInnen nicht hin, das mag eventuell auch daran liegen, dass diese Besprechungen als unnütz, nicht transparent oder “zu spät” angesehen werden.

    Ich konnte den XP-Entwurf noch nicht ausprobieren, meine Hoffnung ist nun einfach, dass durch die feste Definition von bewerteten Aktivitäten die Transparenz und Motivation auf der Lernenden-Seite steigt. Wichtig erscheint mir dabei, dass die Aktivitäten und XP dafür vorher festgelegt und mitgeteilt werden, sodass die Transparenz vorher gegeben ist. Übertrieben gesagt: Was nützt mir die Aufschlüsselung meiner Leistung nachdem ich die Leistung erbracht habe? Wenn geeignete Kompetenzraster (die habe ich schon für mündliche Mitarbeit oder Referate gesehen) vorher bekannt gegeben werden, erscheint mir das genauso sinnvoll wie das XP-System. Außer, dass gerade dieses System bei den Lernenden bekannt ist und nachvollzogen werden kann, und so (vielleicht) die Motivation steigert.
    Wie gesagt, ich habe es nicht probiert, allerdings habe ich es vor, sobald ich kann. Mich würde zusätzlich interessieren, worüber die Bachelor-Arbeit verfasst wird. 🙂

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