Forschungsworkshop “Didaktische Innovationen im Rahmen von E-Learning – Möglichkeiten und Grenzen am Beispiel Problemorientiertes-Lernen”

von Externer Autor

1 Okt, 2012

„Didaktische Innovationen im Rahmen von E-Learning – Möglichkeiten und Grenzen am Beispiel Problem-Orientiertes-Lernen“ Ein Forschungsworkshop mit Prof. Dr. Birgit Weyer und Tanja von Frantzius, auf der Tagung „E(r)lernen: Zukunftskonzepte zur Lehre mit den neuen Medien.“ Die Frage unseres Workshops war es, ob und wie innovative Lehr- / Lernkonzepte auf E-Learning übertragbar sind, welche Chancen und […]

„Didaktische Innovationen im Rahmen von E-Learning – Möglichkeiten und Grenzen am Beispiel Problem-Orientiertes-Lernen“ Ein Forschungsworkshop mit Prof. Dr. Birgit Weyer und Tanja von Frantzius, auf der Tagung „E(r)lernen: Zukunftskonzepte zur Lehre mit den neuen Medien.“
Die Frage unseres Workshops war es, ob und wie innovative Lehr- / Lernkonzepte auf E-Learning übertragbar sind, welche Chancen und Schwierigkeiten sich daraus ergeben, welche Funktionen Tools haben müssten und wie der Prozess begleitet werden müsste. Als Beispiel für eine interaktive, teilnehmerzentrierte Lehr- / Lernmethode wählten wir das Problemorientierte Lernen (POL).

Der didaktische Charakter war als interaktiver Forschungsworkshop konzipiert. In Arbeitsgruppen wurden Fragen erarbeitet, Ergebnisse produziert, reflektiert und diskutiert und in einem weiteren Schritt im Plenum präsentiert und weiter vertieft. Die Methode POL wurde im Workshop vorgestellt, und für die Erarbeitung der Fragestellung in der Arbeitsgruppe praktisch angewendet.

Durch das interaktive Format und die Anwendung der neuen Lehr- und Lernform POL innerhalb der Arbeitsgruppen, sollten die Facetten neuer Lehr- und Lernformen unmittelbar erlebbar gemacht werden, um damit auch Möglichkeiten und Grenzen besser ausloten zu können. Weiteres Ziel war es den Austausch, Dialog und Wissenstransfer zu fördern, um damit zur Entwicklung einer Lernkultur beizutragen, die die Vielzahl von Perspektiven nutzt um zu fundierten, konkreten Ergebnissen für die Umsetzung einer Problemstellung zu kommen und gleichzeitig Schlüsselkompetenzen wie Selbstorganisation, Teamarbeit, Selbstreflexion, Prozesssensibilität und Kommunikationskompetenz schärft.

Ausgangslage für die Fragestellung

Der Ausgangspunkt unseres Forschungsinteresses ist die Gemengelage unserer Zeit:

Zum einen gibt es Chancen durch Technologien: Sie bieten viele Vorteile und neue Möglichkeiten abseits der traditionellen Präsenzlehre, z.B. Wechsel zwischen Lernorten, die  Möglichkeit Studierende während eines Auslandsaufenthaltes weiter zu betreuen, Fernstudiengänge, Arbeit in internationalen Teams, Vereinbarkeit von Studium und Kinderbetreuung oder Ermöglichung von Zugängen zu Studium und Bildung für Menschen denen eine Präsenz nicht möglich wäre.

Sie werden jedoch oft nicht innovativ verwendet und bleiben damit hinter ihren Möglichkeiten zurück: Ein wirkliches Umdenken in der Herangehensweise der Lehre und die Entwicklung von Schlüsselkompetenzen und Lernfähigkeit  findet oft nicht statt. Technische Möglichkeiten werden zu einer Verlängerung oder Verbesserung gängiger frontaler, rezeptiver Lehrmethoden.

Doch was sind die Gründe die eine Innovation der Didaktik – auch im Bereich des E-learning erforderlich machen?

–        Die Lernforschung der letzten 50 Jahre lässt keinen Zweifel daran, dass Menschen individueller, selbstbestimmter, subjektiver und emotionaler lernen, als dies in frontalen, kognitiven einseitig rezeptiven Lehrmethoden ermöglicht und gefördert wird.

–        Die Fähigkeit zu Lernen – d.h. sich selbst Wissen anzueignen, es zu reflektieren, in bestehendes Wissen zu integrieren, Sinnzusammenhänge zu bilden, und es wieder anzuwenden, auch transferiert auf ähnliche Felder und als Kompetenzen für Problemlösungen ist die zukunftsweisende Kompetenz sowohl für die Qualifizierung für die Wirtschaft als auch für die Wissenschaft, und damit eine Kernaufgabe von Hochschulen. Sie wird jedoch durch traditionelle Lehr- / Lernmethoden wenig bis gar nicht ausgebildet.

–        Die Nachfrage aus der Wirtschaft nach Schlüsselkompetenzen wie selbstständigem Lernen, Teamfähigkeit, Innovationsfähigkeit und Prozessgestaltung aber auch Medienkompetenz und der kompetente Umgang mit Informationen und Wissensmanagement erfordert  neben der Vermittlung fachlicher Kenntnissen die Entwicklung dieser Kompetenzprofile. Diese müssen in die Lern- und Ausbildungsziele der Hochschule integriert werden.

–        Die heutige Studierendengeneration ist in ihrem Informations- und Kommunikationsverhalten  stark durch Anwendung von Technologie und dem Web 2.0 geprägt. Der Umgang mit sozialen Netzwerken ist tief verinnerlicht und spiegelt sich im Umgang mit Lernen und (dem immer schneller veränderlichen) Wissen wieder. Das Lernen außerhalb des Individuums (z.B. in Communities) und die Vernetzung von Wissensquellen gewinnen immer mehr an Bedeutung.

Daraus ergeben sich neue Herausforderungen für die zeitgemäße Entwicklung von Lehr- und Lernformen, die Modernisierung bestehender Lehre, Überarbeitung von Prüfungsformen, Veränderung und Umgestaltung von Curricula, das Schaffen neuer Studiengänge und die weitere Anpassung und Verbesserung der Qualität des Studiums auf die Masse der Studierenden.

Ablauf des Workshops:

Der Ablauf war charakterisiert durch Austausch und Dialog in Gruppenarbeit, unterfüttert mit Impulsvorträgen über aktuelle Lernforschung und eine Einführung in die Methode POL, sowie einem Anteil Selbststudium für das wir Materialien auf der Lernplattform Moodle zur Verfügung gestellt hatten.

Bei den Inputs ging es uns um eine Wissensvermittlung und Sensibilisierung der Teilnehmenden für den neuen Ansatz und eine Innovation der Lehr- und Lernformen an der Hochschule:

Lehrerzentrierung:

Klassische Lehrmethoden fungieren nach dem Prinzip des „Nürnberger Trichters“. Ein  aufbereitetes Wissen (des Lehrenden) wird in den Lernenden eingetrichtert. Der Lehrende kann zufrieden sein, wenn er mit dem Stoff durchgekommen ist. Die Frage, ob dieser bei den Lernenden angekommen ist, verarbeitet und gespeichert wurde, ist nicht ausschlaggebend für die Wahl der Methodik.

Ob der Lehrstoff behalten und angewendet werden kann, wird erst für Prüfungen relevant. Dort soll das aufgenommene, vorgefertigte, vermittelte Wissens oft nur 1 : 1 wiedergegeben werden. Eigene Denkleistungen oder Problemlösungskompetenzen, kreative Lösungen oder um die Ecke denken, sind meist nicht erwünscht.

Nach der Wiedergabe ist von dem vorher „reingeschütteten“ Wissen meist nicht mehr viel übrig. Der Begriff des „Bulimie-Lernens“ wurde für diesen Ablauf geprägt.

Im Zentrum des Unterrichts steht der Lehrende, nicht jedoch der Lernende mit seinen individuellen Bedürfnissen.

 Lernen als Ein- und Ausatmen

Lernen ist jedoch mehr ein ein- und ausatmen, bei dem jeder Schritt der Aufnahme, Verarbeitung und Verankerung, der Wiedergabe und Anwendung und Transfers eine individuelle Verknüpfung, Interpretation, Füllen mit Sinn, Bildern, Emotionen, Gerüchen und Geschichten darstellt – in Abhängigkeit von biologischen Anlagen, Vorerfahrungen, Sozialisation, Bildungs- und Wissensstand und Interesse und Motivation für eine Sache. Lernen ist hochindividuell – und ein hochaktiver Denkvorgang, der mit gängigen einseitig rezeptiven Lehrmethoden nicht nur nicht gefördert, sondern auch beeinträchtigt wird. Lernen findet oft TROTZ der Lehre statt – aber nicht aufgrund dessen.

 Konsequenzen für die Hochschullehre? Vom Lehren zum Lernen – From Teaching to Learning

Statt zu dozieren müssen Hochschulen qualifizieren und Kompetenzen ausbilden – für die Wirtschaft, die Gesellschaft aber auch für den wissenschaftlichen Nachwuchs.

Lehr- / Lernformen an der Hochschule müssen in ihren Konzepten den aktiven Wissenserwerb und Wissensmanagement und den lebenslangen Ausbau von Kompetenzen in der Kollaboration, der Informationsauswahl und –verwendung ausbilden. Im Prinzip entspricht das dem Kerngedanken der Hochschule – Ein forschendes Lernen und Vermitteln von Forschungsergebnissen in einem gegenseitigen Denk- und Lernprozess der Studierenden und Professoren.

Mit dem Unterschied der heutigen Herausforderungen und technologischen Möglichkeiten.

Eignet sich POL für E-Learning?

Beginn der Arbeit mit POL

Die Teilnehmenden erhielten, nach der Einführung in die Methode, ihren POL Fall, mit der groben Beschreibung. Und mussten im Folgenden in den definierten Schritten als Gruppe selbst an der Fragestellung arbeiten.

POL-Fall: Neue didaktische Methoden
An unserer Hochschule führen wir E-Learning ein und möchten darin neue Lehr- und Lernformen, wie z.B. POL integrieren. Es geht uns darum, selbstgesteuertes Lernen der Studierenden und Teamkompetenzen auch im Rahmen des E-Learning zu fördern. Wir möchten sicherstellen, dass E-Learning nicht einfach eine andere Form des Frontalunterrichtes ist. Die technischen Rahmenbedingungen an unserer Hochschule sind erstklassig. Wir brauchen uns deshalb darüber keine Gedanken zu machen (wie viele Laptops, die Schnelligkeit der Verbindung etc. spielt keine Rolle.)

(Die Schritte 1-5 fanden am ersten Tag, dem 3.9.2012 statt, der Schritt 6 zwischen den Workshops und 7 und 8 fanden am zweiten Workshoptag (4.9.2012)

  1. Schritt: Verständnisfragen klären. z.B. wurde hier die Frage nach der genauen Definition von E-Learning diskutiert
  2. Schritt: Fragestellung schärfen und damit bereits Denkrichtungen, Sackgassen, Unklarheiten und Wissenslücken zu identifizieren
  3. Schritt: Ideen und Hypothesen sammeln
  4. Schritt: Diese ordnen und zusammenfassen
  5. Schritt: Ein Lernziel formulieren. In Anbetracht der Kürze der Zeit wurde ein Lernziel vereinbart: Studierenden überlegen wie POL als E-Learning an der Hochschule eingeführt werden kann.
  6. Schritt: Für das Selbststudium, das vom 3.9.2012 auf den 4.9.2012 stattfinden sollte, wurden von uns Materialien zu POL, Lerntypen, mentalen Modellen, Teamphasen und ein Film zu MOOC (Mass open online course) in einen speziell für diesen Workshop eingerichteten Moodle-Kurs gestellt, in dem die Teilnehmer/innen Zugang hatten.
  7. Schritt: Am nächsten Tag ging es im Schritt Performanz, um das Zusammentragen des Wissens. Im Plenum wurden Schwierigkeiten und Vorstellungen ausgelotet und eine Einigung über das weitere Vorgehen erzielt. Mit dem Etherpad titanpad.com und parallel am Metaplan wurden zu den einzelnen POL-Schritten Funktionen, Schwerpunkte und Notwendigkeiten aber auch Probleme diskutiert und die Funktionen für E-Learning Tools festgelegt. Es wurden auch Beispiele genannt. Wichtig war der Gruppe zu definieren, welche Tools mit ihrer Funktion welche Schritte unterstützen können und ob Arbeitsschritte z.B. von den Kursteilnehmern eines potentiellen E-Learning POL Veranstaltung synchron oder zeitlich unabhängig stattfinden kann. Auch menschliche Bedürfnisse nach Kennenlernen, Vertrauen schaffen durch Präsenzveranstaltung, wurden ebenso thematisiert wie technische Voraussetzungen oder ein Verhaltenskodex für digitale Arbeit, bzw. Regeln zur Kollaboration und Kooperation online.
  8. Schritt: Die Evaluation wurde aus Zeitgründen in das Abschlussrunde /Puzzle verlegt.

Ergebnisse der Teilnehmenden und Ergebnisse aus unserer Sicht:

–        Es war ein interessanter und nicht immer einfacher Gruppenprozess, bei dem deutlich wurde, dass neue Lernformen, die auf sehr viel Eigenverantwortung und Aktivität der Teilnehmer/innen ausgelegt sind, oft auf große Widerstände stößt, es mühsam sein kann sich in den Prozess zu geben und immer wieder die Aussage auftauchte: „wir dachten Sie (also die Moderatoren) sagen uns wie es geht“ oder „ich dachte wir bekommen die Lösung hier von Ihnen…“.

–        Unser Anspruch war es aber, gerade nicht die Lösung zu bieten, sondern mit auf die Reise zu gehen das Themenfeld auszuloten, sich über die verschiedenen Annahmen und Ebenen klarer zu werden und anhand des Beispiels POL wirklich über die Funktion und Aufgabe der zu wählenden Tools im Klaren zu werden. Die Wünsche nach mehr Input nahmen wir natürlich auf und reflektierten sie gemeinsam. Denn es macht deutlich wie wir heutige Erwachsene auch sozialisiert sind – mit frontalen Methoden von der Schule, über Hochschule und beruflicher Weiterbildung. Das aufzubrechen ist ein Ringen und ein Prozess des immer wieder voneinander lernens zwischen Dozenten und Teilnehmenden.

–        Zum Ende des Workshops gab es ein aus unserer Sicht gutes Ergebnis, bzw. eine Sammlung von Tools für die jeweiligen Schritte aus denen nun ein individueller POL-Online-Workshop gestaltet werden könnte. Das Ergebnis wurde im titanpad gesammelt und ist hier abrufbar.

–        Weiteres Vorgehen: interessant wäre nun einen POL-Online-Kurs zu gestalten und diesen zu evaluieren. Ebenso wünschenswert wäre ein weiterer Austausch zwischen den Teilnehmenden des Workshops um die seither gemachten Erfahrungen und Reflexionen zu multiplizieren.

 Birgit Weyer / Tanja von Frantzius

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