

{"id":10503,"date":"2015-07-08T10:00:10","date_gmt":"2015-07-08T08:00:10","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.hwr-berlin.de\/elerner\/?p=10503"},"modified":"2018-07-20T15:28:52","modified_gmt":"2018-07-20T13:28:52","slug":"lernende-organisation-und-lern-subjekt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.hwr-berlin.de\/elerner\/lernende-organisation-und-lern-subjekt\/","title":{"rendered":"Lernende Organisation und Lern-Subjekt"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_10513\" style=\"width: 397px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/opensourceway\/5445002493\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-10513\" class=\"wp-image-10513\" src=\"https:\/\/blog.hwr-berlin.de\/elerner\/wp-content\/uploads_elerner\/2015\/06\/Foto_StampflGAstbeitrag.jpg\" alt=\"Foto_StampflGAstbeitrag\" width=\"387\" height=\"217\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-10513\" class=\"wp-caption-text\">Flickr Open Source, letzter Aufruf 22.06.15 https:\/\/www.flickr.com\/photos\/opensourceway\/5445002493\/<\/p><\/div>\n<p>Euphorisch werden von den einen das Aufkommen eines selbststeuernden Lern-Subjekts begr\u00fc\u00dft, w\u00e4hrend andere die Kapitulation vor der v\u00f6lligen Technologisierung und Kommerzialisierung aller Lebensbereiche bef\u00fcrchten. Beides sind konfrontativ-erstarrte Reaktionen auf den Markt und die technologische Dynamik, nicht zuletzt aber auch auf einen Aufkl\u00e4rungsprozess, der sich zwischen \u201eVerabsolutierung des wissenschaftlichen Fortschritts im Rahmen der Einzelwissenschaften\u201c so Eric Schumacher auf der Lernplattform der ZEIT vom 24.04.2014 und dem humanen Anspruch der Befreiung aus Unm\u00fcndigkeit bewegt (vgl. Horkheimer\/Adorno: Dialektik der Aufkl\u00e4rung).<\/p>\n<p>Die Betriebswirtschaftlerin und Organisationsberaterin Nora S. Stampfl und der P\u00e4dagoge und New Business-Berater Jean-Paul K\u00fchne\u00a0 wollen es bei einem Pro und Contra nicht belassen, sondern Schnittstellen und starting points aufzeigen, an denen Unternehmen und Lernende konkret ansetzen k\u00f6nnen. Nora S. Stampfl stellt \u201eCorporate Moocs\u201c, die Entwicklung von Lern-Landschaften in Unternehmen, in den Zusammenhang der \u201elernenden Organisation\u201c. Jean-Paul K\u00fchne sieht darin, von Lernenden Initiative und Selbststeuerungkompetenz zu erwarten, eine Folge, sie gezielt als Marktteilnehmer anzusprechen. Dabei soll die unterschiedliche Gewichtung und Charakter beider Stellungnahmen erhalten bleiben, um den produktiven Dialog und Widerspruch anzusto\u00dfen.<!--more--><\/p>\n<p><strong>Nora S. Stampfl: Corporate Moocs: Neue Wege zur lernenden Organisation<\/strong><\/p>\n<p>Die Verwirklichung der Idee der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Lernende_Organisation\">lernenden Organisation<\/a> ist dringlicher denn je. Denn Unternehmen agieren in einem Umfeld, das nie schnelllebiger war als heute. Best\u00e4ndig, so scheint es, ist einzig der Wandel. Weil die Halbwertszeit von Wissen stetig f\u00e4llt, wird Lernf\u00e4higkeit zu einer entscheidenden Schl\u00fcsselkompetenz. Die Masse des Neuen, die aufgenommen werden will, hat in vielen Sektoren ein Ma\u00df erreicht, das nicht nur die Wahrnehmung einer vorhandenen Kompetenzl\u00fccke n\u00e4hrt, sondern auch den Druck auf den Einzelnen st\u00e4ndig wachsen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Ein wesentlicher Treiber der immensen Lernanforderungen ist die Durchdringung aller Lebens- und Arbeitsbereiche mit Technologie. In ihrem Buch <a href=\"http:\/\/andrewmcafee.org\/2011\/10\/race-against-the-machine-the-book-and-the-blurbs\/\">\u201eRace Against the Machine\u201c<\/a>[1] argumentieren Erik Brynjolfsson and Andrew McAfee, dass die Fortschritte in der Informationstechnologie ein Niveau erreicht h\u00e4tten, das zunehmend nicht nur k\u00f6rperliche, sondern auch geistige Arbeit durch Maschinen ersetzbar macht. Sollen daher die menschlichen F\u00e4higkeiten \u00f6konomisch weiterhin von Bedeutung bleiben, so m\u00fcssen wir uns auf einen Wettlauf zwischen Bildung und Technologie einlassen. Aber es ist nicht nur der technologische Fortschritt, der jeden Einzelnen zum Schritthalten durch kontinuierliches Lernen zwingt; auch der globale Wettbewerbsdruck, der nach st\u00e4ndigen Leistungssteigerungen und maximaler Innovationskraft ruft sowie verk\u00fcrzte Produkt- und somit Produktionszyklen tun ihr \u00dcbriges.<\/p>\n<p>Damit Unternehmen im beschriebenen Wettbewerbsumfeld bestehen k\u00f6nnen, ist es jedoch bei weitem nicht genug, den gewandelten Anforderungen auf der individuellen Ebene des Lernens zu begegnen. Die Organisation als Ganzes muss wendiger und anpassungsf\u00e4higer werden. Exakt dies ist das Ziel des Konzepts der lernenden Organisation. Bereits Anfang der 1970er-Jahre hat Donald A. Sch\u00f6n[2] die Notwendigkeit formuliert, Lernen als Element von Systemen zu begreifen. Denn in einer Welt, die im Wandel ist, reicht es nicht aus, Transformationen anzusto\u00dfen als Reaktion auf sich ver\u00e4ndernde Situationen und Anforderungen, vielmehr m\u00fcssen Organisationen als lernende Systeme gestaltet werden, die andauernd eigenst\u00e4ndig ihre eigene Transformation herbeif\u00fchren. Popul\u00e4r gemacht hat die Idee der lernenden Organisation in den 1990er-Jahren Peter Senge[3] mit seinem Konzept der f\u00fcnf Disziplinen, die jedes Unternehmen beherrschen m\u00fcsse, um im globalen, turbulenten Wettbewerb ausreichend flexibel und anpassungsf\u00e4hig zu sein. Die Crux an der hei\u00df diskutierten Managementidee war bislang, dass das Konzept der lernenden Organisation von Anbeginn an vage blieb, die praktische Umsetzung schwer fiel. Vorzeigebeispiele lernender Organisationen sucht man nach wie vor vergeblich, es blieb bei der Vision \u2013 was jedoch nicht verwunderlich ist, immerhin spricht selbst Senge davon, dass es die lernende Organisation nicht g\u00e4be, \u201ees ist eine Vision \u2013 eine Richtung, in die sich eine Organisation entwickeln sollte\u201c.<\/p>\n<p>Frische Impulse f\u00fcr die Praxistauglichkeit der lernenden Organisation k\u00f6nnte nun eine aus dem Hochschulbereich stammende Technologie bringen, die mit keinem geringeren Anspruch antrat als den gesamten Bildungsbereich zu revolutionieren: <a href=\"https:\/\/www.e-teaching.org\/lehrszenarien\/mooc\">Massive Open Online Courses (MOOCs)<\/a>, jene kostenlosen, offen zug\u00e4nglichen online Lehrveranstaltungen, haben jedenfalls bereits zu einem Nachdenken \u00fcber Lernen und Wissensvermittlung gef\u00fchrt. Denn MOOCs machen Lernen einer breiten Masse zug\u00e4nglich, stellen den Lernenden in den Mittelpunkt, individualisieren Lernumgebungen und -erfahrungen je nach den Bed\u00fcrfnissen des jeweiligen Lernenden und erm\u00f6glichen jedem Einzelnen, im eigenen Tempo den eigenen Lernpfad zu beschreiten. Das MOOCs- Format vereint formales und informelles Lernen genauso wie es eine Reihe von Medien (eLearning-Module, Videos, Podcasts, Buchausz\u00fcge, Artikel, Blogbeitr\u00e4ge) einbindet, Lernende \u00fcber die verschiedensten Kan\u00e4le (Diskussionsforen, Chats, Wikis, Social Media) kommunizieren l\u00e4sst und durch die Integration von Storytelling-Techniken, spielbasierter Elemente sowie die Nutzung von Simulationen und Szenarien zur Ein\u00fcbung von Probleml\u00f6sung und Entscheidungsfindung wirkungsvolle Lernerfahrungen stiftet. MOOCs erm\u00f6glichen Lernen, wann immer es gerade ben\u00f6tigt wird, indem sie den nahtlosen Wechsel zwischen formellen und informellen sowie individuellen und sozialen Lernformen erlauben.<\/p>\n<p>Insbesondere ihre Eigenschaft, individuelles und soziales Lernen zu vereinen, pr\u00e4destiniert MOOCs zu Wegbereitern der lernenden Organisation. Denn einerseits erm\u00f6glichen sie selbstgesteuertes Lernen: Im Gegensatz zu dozentengef\u00fchrten Kursen wird Lernen zeit- und ortsunabh\u00e4ngig und erfolgt just-in-time. Lernen wird zum st\u00e4ndigen Begleiter, weil es integraler Bestandteil des Arbeitens wird und nicht losgel\u00f6st parallel dazu abl\u00e4uft. Andererseits f\u00f6rdern MOOCs den Austausch zwischen Lernenden, f\u00f6rdern die Entstehung von Lerngemeinschaften und l\u00f6sen die strikte Trennung zwischen Lehrenden und Lernenden auf. Damit werden MOOCs auch zu einem wertvollen Wissensspeicher, der ebenso explizites wie implizites Wissen vorh\u00e4lt. Weil sie durch ihre soziale Natur nicht nur individuelles Lernen bereichern, sondern auch organisationalem Lernen den Boden bereiten, bieten sich MOOCs als Dreh- und Angelpunkt einer v\u00f6llig neuen Lern- und Wissenskultur in Unternehmen an.<\/p>\n<p>Versteht man MOOCs gleicherma\u00dfen als Lernplattformen wie als Kollaborationstools, stellen sie eine ideale Infrastruktur zur Verf\u00fcgung, s\u00e4mtliche von Senges f\u00fcnf Disziplinen zu unterst\u00fctzen. Unzweifelhaft leisten MOOCs zur ersten Disziplin, \u201ePersonal Mastery\u201c, einen Beitrag, indem sie jedem einzelnen Organisationsmitglied immer und \u00fcberall Lernressourcen zur Verf\u00fcgung stellen und somit zu Selbstverbesserung, -schulung und &#8211; f\u00fchrung verhelfen. Angestrebt wird ein nie endender Lernmodus, der eine Erweiterung sowohl der Kompetenzen und F\u00e4higkeiten als auch der pers\u00f6nlichen Vision herbeif\u00fchren soll. F\u00fcr Senge garantiert zwar individuelles Lernen noch kein organisationales Lernen, aber umgekehrt kann eine lernende Organisation nicht ohne Lernen auf der individuellen Ebene entstehen. Des Weiteren bieten MOOCs f\u00fcr die Verwirklichung der zweiten Dimension, \u201eMental Models\u201c, eine geeignete Plattform des Austausches. Denn es geht dabei um die expliziten und impliziten Grundannahmen, die wir zur Erkl\u00e4rung unserer Welt besitzen und MOOCs dienen dazu, diese sichtbar, verhandelbar und damit zum Gegenstand der Fortentwicklung zu machen. Auch die dritte Dimension, \u201eShared Visioning\u201c, wird durch die Kollaborationsfunktion von MOOCs unterst\u00fctzt. Denn die Verst\u00e4ndigung \u00fcber gemeinsame Ziele und die Entwicklung einer gemeinsamen Vision gelingt einfacher dadurch, dass s\u00e4mtliche Mitglieder auf eine gemeinsame Wissensbasis zugreifen k\u00f6nnen und ein kontinuierlicher Austausch \u00fcber alle Organisationsgrenzen hinweg den Zweck von Einzelbeitr\u00e4gen und deren Einordnung in das Gesamtgef\u00fcge nachvollziehbarer macht.<\/p>\n<p>Durch die vielf\u00e4ltigen Kollaborationsm\u00f6glichkeiten unterst\u00fctzen MOOCS jedenfalls die vierte Disziplin, Team Learning\u201c, wenn sich im Austausch der Mitglieder untereinander gemeinschaftliches Verstehen vollzieht und durch die Teamarbeit \u00fcber die pers\u00f6nliche und fachliche Kompetenzerweiterung jedes Einzelnen hinaus noch in gr\u00f6\u00dferem Ma\u00dfe die Organisation profitiert \u2013 nach dem Motto \u201eDas Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile\u201c. Schlie\u00dflich erleichtern MOOCs das Denken in Systemen, indem sie explizites und implizites Wissen zug\u00e4nglich machen. Senges f\u00fcnfte Disziplin \u201eSystems Thinking\u201c ist die Krone des Konzepts, sie integriert die anderen Disziplinen zu einem koh\u00e4renten Ganzen. Weil MOOCs dazu bef\u00e4higen, \u00fcber das eigene Arbeitsumfeld hinauszublicken und organisatorische Silos aufbrechen, wird f\u00fcr jedermann eine ganzheitliche Betrachtung m\u00f6glich und Wirkungszusammenh\u00e4nge werden sichtbar. Werden MOOCs im Unternehmen konsequent mit s\u00e4mtlichen Prozessen rund um Lernen, Wissensaufbau und -austausch verwoben, so k\u00f6nnen sie der Idee der lernenden Organisation wieder frischen Schwung verleihen.<\/p>\n<p>[1] Vgl. Brynjolfsson, Erik; McAfee, Andrew (2011): Race Against the Machine: How the Digital Revolution is Accelerating Innovation, Driving Productivity, and Irreversibly Transforming Employment and the Economy. Lexington, Mass.<br \/>\n[2] Vgl. Sch\u00f6n, Donald A. (1973): Beyond the Stable State: Public and Private Learning in a Changing Society. New York.<br \/>\n[3] Vgl. Senge, Peter M. (1990): The Fifth Discipline. The Art and Practice of the Learning Organization. London.<\/p>\n<p><strong>Jean-Paul K\u00fchne: Lern-Subjekt und Markt<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt Berufe, f\u00fcr die die Aneignung und Identifizierung mit dahin unbekannten Metiers zum Berufsbild geh\u00f6rt, ohne dass dies Teil der Aus- oder Fortbildungbildung w\u00fcrde. Exemplarisch seien Werbeberufe genannt. Heute suchen Wirtschaft und Wissenschaft verst\u00e4rkt nach Qualifikationen, die bisher verschiedenen Profilen zugeordnet waren:<\/p>\n<p>Initiativ sein, wissensbasiert handeln, Kreativit\u00e4t und Empathie mitbringen, Innovationen entwickeln, die (\u00f6kologisch\/\u00f6konomischen) Rahmenbedingungen im Auge behalten etc., Qualifikationen, in vielen F\u00e4llen, die der Markt nachfragt. Auch das neu sich herausbildende Lern-Subjekt weist diese Merkmale auf. Merkmale, die das Verh\u00e4ltnis zwischen Markt und Lern-Subjekt neu definieren oder akzentuieren.<\/p>\n<p><strong>Ansatzpunkte f\u00fcr ein neues Verh\u00e4ltnis zwischen Markt und Lern-Subjekt<\/strong><\/p>\n<p>1. Der \u201edisruptive\u201c Charakter, der f\u00fcr Neuanfang und Paradigmenwechsel in Wissenschaft und Wirtschaft ben\u00f6tigten Innovationen entspringt aus der Konfrontation von Gegens\u00e4tzen, aus der \u201eHeterogenit\u00e4t\u201c, die gegen\u00fcber homogenen Konzepten des Wandels im Vorteil sind. Dies bedeutet: Mehr Spielraum f\u00fcr das Handeln und Lernen.<br \/>\n2. Der Doppelcharakter der Entwicklung manifestiert sich heute zuallererst im Subjekt. Der Selbststeuerungskompetenz (Lern-Subjekt) steht die Technologiebeherrschung gegen\u00fcber, die auf Lernen und Wissen zur\u00fcckgreift (Ressource).<br \/>\n3. Formulierungen wie \u201eimplizites Wissen\u201c, \u201einformelles Lernen\u201c, \u201eStory-Telling\u201c spiegeln einen erweiterten Verst\u00e4ndigungshorizont, der Sinn und Ziel des Lernens umfasst und \u00fcber den jeweiligen Lerngegenstand hinausreicht.<br \/>\n4. Recruiting- und Personal-Entwicklungstrategien nehmen verst\u00e4rkt die individuellen Qualifikationskombinationen des Kandidaten ins Visier. \u00dcber die Teilnahme an MOOCs und interaktiven Lermodulen gibt der Kandidat viel ersch\u00f6pfender Auskunft dar\u00fcber als es ein auflistendes Qualifikationsprofil oder auch ein zeitlich viel enger befristetetes Assessmentcenter k\u00f6nnen.<br \/>\n5. Unternehmen werben f\u00fcr sich zunehmend mit Informationen \u00fcber ihren Forschungsund Wissenstand auch via MOOCs und perforieren damit die Trennung zwischen beiden Bereichen; die Anforderung an die Urteilsf\u00e4higkeit des Lern-Subjekts steigt dadurch.<\/p>\n<p><strong>Das selbststeuernde Lern-Subjekt fragt nach einer Didaktik pers\u00f6nlicher Lernwege<\/strong><\/p>\n<p>Hinsichtlich der Orientierung des Lern-Subjekt in personalisierten Lernlandschaften, die sich aus einzelnen ganz unterschiedlichen Lernerfahrungen zusammensetzen, stellt sich f\u00fcr den Einzelnen die didaktische Frage nach dem Warum, Wohin, Was und Wie. Dabei sind unter den eingef\u00fchrten schul- und unterrichtsdidaktischen Modellen solche vom Ansatz her geeigneter, die sozio-kulturelle Voraussetzungen, Lernhintergrund, Lernstile, also die gesamte Lebenswelt, einbeziehen, um die Lernenden dabei zu unterst\u00fctzen, in gr\u00f6\u00dftm\u00f6glicher Selbstbestimmung zu handeln (vgl. Wolfgang Schulz: Lehrtheoretische Didaktik in: W. Schulz Unterrichtsplanung, M\u00fcnchen 1980).<\/p>\n<p>Besteht allerdings innerhalb der Kurse, Trainings und des digitalisierten Lernens keine M\u00f6glichkeit zur Verst\u00e4ndigung und Auseinandersetzung, auch nicht in Form projektbezogener \u201eKollaborationen\u201c, bleibt dem Lern-Subjekt, sich au\u00dferhalb und eigeninitiativ mit anderen Interessenten auszutauschen.<\/p>\n<p>So entstehen Netzwerke und Gruppen, in wechselnder Zusammensetzung, abh\u00e4ngig von Anlass und Gegenstand, ob im Zusammenhang mit (B\u00fcrger-) Initiativen vor Ort oder via Internet und Social Media. Schon durch die Vielzahl der Lern-Angebote und Orte werden die Grenzen zwischen privat und beruflich \u00fcberschritten und die Lebenswelt umfassender einbezogen.<\/p>\n<p>F\u00fcr das Lern-Subjekt folgt daraus: Die Bezugs- und Deutungsrahmen der pers\u00f6nlichen Lern-Biografien wechseln st\u00e4ndig, kommentieren und widersprechen einander. Dabei liegt es in der Verantwortung des Lern-Subjekts, sich nicht auf Bezugs- und Deutungsrahmen zu beschr\u00e4nken, die den eigenen Hintergrund best\u00e4tigen, sondern aktiv die Auseinandersetzung mit anderen Erfahrungswelten zu suchen. Ein Beispiel f\u00fcr die Vielschichtigkeit der Bezugs- und Deutungsrahmen:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Suche ich, bspw. angeregt von der Diskussion um education, den deutschen Songtext von &#8222;we don&#8217;t need no education&#8220; erscheint auf meinem Smartphone die Werbung der Fa. Paracelsus: &#8222;Werde Heilpraktiker&#8220;. Der Sachbezug education sowie der pers\u00f6nliche Bezug, im Internet mit dem Begriff Heilpraktiker zu tun gehabt zu haben, erweitert die Suchergebnisse in Richtung Berufswelt und Markt.Bezieht man die k\u00fcnstlerische Interpretation ein, sieht man sich mit Kritik und Reflexion konfrontiert.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Letztlich entscheidend daf\u00fcr, an welchen Problemen und Widerspr\u00fcchen sich die pers\u00f6nliche Frage nach dem Warum, Wohin, Was und Wie entz\u00fcndet, wird sein, welche Antwort f\u00fcr den Einzelnen den gravierendsten Unterschied macht, sich gerade mit diesem und keinem anderen Gegenstand und Ziel zu befassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Das selbststeuernde Lern-Subjekt lernt anders<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der Mathematiker und Wissenschaftsjournalist der New York Times, Benedict Carey, bringt sein Pl\u00e4doyer f\u00fcr neues Lernen auf den Punkt, Schule sei \u201eerst gestern\u201c entstanden, Lernen aber so alt wie die Menschheit (Benedict Carey, Neues Lernen, Hamburg 2015, 308). Angesichts der heute entstehenden Lernlandschaften, in denen sich das Lern-Subjekt orientieren muss, liest sich dies wie eine Navigationshilfe. Danach<\/p>\n<ul>\n<li style=\"text-align: left;\">ist das Gehirn durch die nomadische Lebensweise auf st\u00e4ndige Aktualisierung seiner inneren Landkarte trainiert, was bedeutet, gerade in wechselnder Umgebung Informationen abzurufen zu k\u00f6nnen. Carey nennt das die Kombination aus situationsbedingtem Abruf und speichernder Erinnerung, eine Leistung, die der schulisch<br \/>\neinge\u00fcbten Konzentration vielfach \u00fcberlegen sei (Carey, 48 ff.; 307 ff.)<\/li>\n<li style=\"text-align: left;\">verst\u00e4rken Ablenkungen, St\u00f6rungen, Herumprobieren, gerade auch das Vergessen, wie andere Inkubationszeiten, im Endeffekt die Sch\u00e4rfe des Erkennens und Wiedererinnerns erheblich (Carey, 163 ff.)<\/li>\n<li style=\"text-align: left;\">wird die (beil\u00e4ufige) \u201ePerkolation\u201c, das Durchsickern, D\u00e4mmern von Einsichten geradezu Voraussetzung sowohl f\u00fcr kreatives Probleml\u00f6sen als auch schlagartige Einsicht, allein schon deshalb, weil das Gehirn die Eindr\u00fccke (unbewusst) erg\u00e4nzt<\/li>\n<li style=\"text-align: left;\">kommt ebenso der \u201ePerzeptuellen Diskrimination\u201c, dem Scharfstellen, der Fokussierung auf das Erkenntnisobjekt, die durch das Hin und Herschalten zwischen verschiedenen<br \/>\nKontexten und Gegenst\u00e4nden entsteht, entscheidende Bedeutung zu (Carey, 195 ff.).<\/li>\n<\/ul>\n<p>Carey f\u00fchrt als Beispiel das Unterscheiden von Kunststilen an: Probanden (ohne Vorkenntnnisse) erzielten h\u00f6here Trefferquoten, wenn die Exponate gemischt dargeboten und im weiteren Verlauf des Tests nicht, auch nicht durch die Teilnehmer, geordnet wurden. Das jeweilige Vergleichen zwischen Einzelobjekten, eben die \u201eperzeptuellen Diskrimination\u201c war der theoriegeleiteten Systematisierung (\u201een bloc\u201c) \u00fcberlegen, vor allem in der Besch\u00e4ftigung mit neuen unbekannten (!) Lern-Gegenst\u00e4nden (Carey, 239-241).<\/p>\n<p>Fazit: Ob es um Innovationen mit technologischer oder gesellschaftlicher Reichweite geht, bilden sich, auch im globalen Masstab, nicht nur unterschiedliche Lern-Landschaften,sondern auch unterschiedlich strukturierte Lern-Subjekte heraus. Ein Modell des Lernens zu generalisieren hie\u00dfe, Lernen und Bildung auf ein bestimmtes technischwissenschaftliches Fortschrittsmodell festzulegen.<\/p>\n<p><em>Nora S. Stampfl studierte Wirtschaftswissenschaften und verf\u00fcgt \u00fcber langj\u00e4hrige Berufserfahrung in der internationalen Unternehmensberatung. Sie ist Gr\u00fcnderin von f\/21 B\u00fcro f\u00fcr Zukunftsfragen. Als Organisationsberaterin, Zukunftsforscherin und Publizistin ist sie dem gesellschaftlichen Wandel auf der Spur. Zurzeit befasst sie sich intensiv mit der Zukunft des Lernens und neuen Bildungswelten. Sie verfasste B\u00fccher und zahlreiche Artikel zu diversen Zukunftsthemen. Nora S. Stampfl lebt und arbeitet in Berlin.<\/em><\/p>\n<p><em>Jean-Paul K\u00fchne studierte Erziehungswissenschaften an der Universit\u00e4t Hamburg und ist seit mehr als zwei Jahrzehnten in der New Business-Beratung f\u00fcr Werbe und Marketingagenturen t\u00e4tig. Sein besonderes Augenmerk gilt z. Zt. zum einen Innovationen im Werkstoffbereich, von der Glas-, Carbonfaser \u00fcber Vliese, Verbundstoffe bis zu Naturfaserstoffen, zum anderen der Frage, inwieweit internetgest\u00fctzte Module, wie Moocs, die Interaktion zw. Bewerber und Arbeitgeber bspw. auf Job- und Karrieremessen ver\u00e4ndern.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Euphorisch werden von den einen das Aufkommen eines selbststeuernden Lern-Subjekts begr\u00fc\u00dft, w\u00e4hrend andere die Kapitulation vor der v\u00f6lligen Technologisierung und Kommerzialisierung aller Lebensbereiche bef\u00fcrchten. 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