Der Research Methods – Online Kurs

Prof. Dr. Marcus Birkenkrahe, HWR Berlin / Fachtagung E-Learning, 21.-22.09.2017

Zielsetzung

Im Herbst 2015 begann ich, einen Online-Vorkurs zum Thema “Research Methods”(Forschungsmethoden) für Master-Studierende der Berlin Professional School (BPS) an der HWR Berlin zu konzipieren. Ich hatte die folgenden Ambitionen für den Kursus:

  • Die Inhalte sollten leicht veränderbar sein
  • Der Kurs sollte für das Selbststudium attraktiv sein
  • Die Zahl der Teilnehmer sollte im Prinzip unbegrenzt sein können
  • Die Art der Kurserstellung sollte sich durch andere nachahmen lassen
  • Im Folgenden diskutiere ich kurz die Ambitionen und die Ergebnisse der Entwicklung und des Einsatzes dieses Kurses in den vergangenen zwei Jahren.

Beispiel-Vorkurs

Der Vorkurs “Research Methods” selbst ist zur Zeit lediglich auf der Moodle-Lernplattform der HWR Berlin verfügbar. Ich stelle den Kurs in diesem 15-minütigen Screencast im Detail vor: einige der hier gemachten Bemerkungen machen vermutlich erst Sinn, wenn Sie sich den Kurs einmal angesehen haben. Die didaktischen Aspekte werden in dieser Präsentation kategorisiert und erläutert.

Veränderbarkeit der Inhalte

Was für Präsenzkurse selbstverständlich ist, dass der Lehrende Inhalt und Vermittlung den Studierenden anpassen kann – beispielsweise, indem er langsamer vorgeht oder indem er zusätzliche Materialien anbietet – ist bei Onlinekursen nicht selbstverständlich. Diese sind vom Prinzip her eher wie Bücher: einmal gedruckt, muss man für Fehlerkorrekturen die Neuauflage abwarten.

Im Zentrum der meisten Online-Kurse steht nämlich eine Konserve, und die passt sich, anders als ein lebendiger Dozent, nicht flexibel an. Bei Online-Kursen wird die Last der Anpassung auf den Lernenden verschoben! Die meisten modernen Lernenden lösen das, indem sie die große Zahl von frei im Internet verfügbaren Zusatzmaterialien nutzen. So ein unkontrolliertes Lernen, wenn es auch die Selbstständigkeit fördert, ist natürlich nicht ohne Gefahren, denn externes Wissen, das nur aufgrund eines impliziten, systemimmanenten Mangels der Primärleistung, eingebracht wird, ist unkontrolliert, passt meistens doch nicht genau und kann auch einfach falsch sein.

Das Problem lässt sich vollumfänglich nicht lösen – Konserven bleiben Konserven (das ist ja gerade ihre Stärke – sie bewahren etwas auf), aber Online-Kurse können durch weitgehende Modularisierung des Angebots ihre Flexibilität doch steigern. D.h., dass die einzelnen Wissensbausteine (die traditionellen Kapitel, Abschnitte, Lektionen usw.) möglichst unabhängig voneinander sein müssen. Wo Verbindungen bestehen, müssen diese Verbindungen logisch und nicht inhaltlich sein: z.B. kann ich Lektion N erst bearbeiten, wenn ich die vorangegangene Lektion N-1 bearbeitet habe (logische Abhängigkeit), aber zum Verständnis von Lektion N darf ich nicht von der Form der Darstellung, von spezifischen Wortdefinitionen abhängen, die nur in Lektion N-1 stehen. Dadurch kann ich jetzt die beiden aufeinanderfolgenden Lektionen unabhängig voneinander aktualisieren, erweitern oder verändern.

Es ist klar, dass eine solche Modularisierung nicht für alle Themen und Lernstufen sinnvoll ist. Wenn ein Fachgebiet nur geschlossen präsentiert werden kann, weil es beispielsweise um gesicherte Grundlagen geht, ist eine Modularisierung, eine Zerlegung der Inhalte mit dem Ziel der Veränderbarkeit schwierig.

Im Beispiel des Themas Forschungsmethodik gilt dies nur für einen kleinen, überschaubaren Teil des Themas, nämlich für die Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens. Alles Wissen darüberhinaus ist Veränderung unterworfen. Bei einem Vorkurs ist die breite, einführende Darstellung wichtiger als die Tiefe. Der Kurs ist daher eher leichter veränderbar. In der Praxis der letzten zwei Jahre habe ich ihn tatsächlich nach Feedback von Studierenden vergleichsweise stark verändert – ganze Lektionen ausgetauscht, gekürzt oder erweitert.

Das Postulat der Veränderbarkeit beeinflusst auch die Medienwahl: beispielsweise muss man darauf achten, möglichst viele Medien einzusetzen, die sich einfach aktualisieren lassen: eine Animation ist leichter zu aktualisieren als ein Video aus dem Studio. Die Audio-Aufnahme eines Interviews ist leichter zu aktualisieren als eine Animation, und eine Solo-Audio-Aufnahme ist leichter zu aktualisieren als eine Audio-Aufnahme mit zwei oder mehr Personen. Und jedes statische Medium (Text, Bild) ist leichter zu aktualisieren als jedes dynamische Medium.

Attraktivität für das Selbststudium

Es gibt nicht viele Themen an Fachhochschulen, bei denen die Studierenden so wenig intrinsisch motiviert sind wie Forschungsmethoden. Die extrinsische Motivation hingegen wird oft erst kurz vor der Abschlussarbeit wirksam, was in vielen Fällen zu spät ist.

Wenn man daher einen solchen per se nicht attraktiven Inhalt effektiv online vermitteln will, muss man etwas tiefer in die Trickkiste der Didaktik und der Medienwerkzeuge greifen. Der gegenwärtig populärste Zugang, um den Prozess des Lernens interessanter zu gestalten, lautet “Gamifizierung”. Mit verschiedenen Methoden wird hier dem Studierenden vorgemacht, dass er sich den Stoff spielerisch erarbeitet. Ich sage “vorgemacht”, denn die Kurse sind eben nur gamifiziert, sie verwenden Elemente von Spielen, sie sind aber selbst keine Spiele. Didaktische Ansätze zur Überführung der gesamten Lehrveranstaltung in ein Spiel gibt es ebenfalls – Stichworte sind: “Multiplayer Classroom” und “Serious Games”.

Ich selbst habe den Effekt dieser Gamifizierung nicht wissenschaftlich untersucht, sondern einfach angenommen, dass er wirksam ist. Einzelbeobachtungen aus den verschiedenen Kursen scheinen zu bestätigen, dass die folgenden Mechanismen der Gamifizierung die Motivation der Studierenden erhöhen können:

  • Auszeichnungen (“Badges”)
  • Kursfortschritt signalisieren (“Levels”)
  • Animationen mit Storytelling-Aspekten (“Cut scenes”)

Weitergehende Gamifizierung ist denkbar – bspw. Eine Einteilung der Teilnehmer in verschiedene Spieler-Klassen je nach Vorwissen oder Interesse. Analog einem Rollenbasierten Videospiel, bei dem man zwischen den Spieler-Klassen “Zauberer”, “Krieger” od. dgl. Wählen kann und entsprechend unterschiedliche Inhalte erhält.

Auch die Unmittelbarkeit oder Relevanz des Inhalts für die Zielgruppe lässt sich steigern, was unmittelbar die Attraktivität erhöht: im Beispiel-Kursus wird das vor allem durch die Interviews erreicht, die ich mit Kollegen an der HWR und auch außerhalb der HWR geführt habe. Diese gehen in Form von insgesamt 150 Audio-Clips in den Kurs ein. Über den Grund für den Erfolg dieses Formats kann ich nur spekulieren: es handelt sich vermutlich um ein Mischung aus

  • Relevanz des Inhalts: die Professoren wurden zu einzelnen typischen Studentenproblemen befragt und stehen lokal überwiegend für Nachfragen oder Betreuung zur Verfügung;
  • Unmittelbarkeit: auch wegen der Dialogform – ein Interview ist, und wirkt, immer direkter und ansprechender als ein Vortrag;
  • Einfachheit des Mediums: Audio-Formate können, sofern die Clips kurz genug sind, leichter gestreamt und gehört werden.

Im Beispielkursus verwende ich eine große Zahl von Animationen mit Cartoon-Charakter. Diese dienen weniger zur effektiven Vermittlung und eher zur Entspannung durch Unterhaltung und Abwechslung. Ob sie für den Lernerfolg wichtig oder entscheidend sind, weiß ich nicht – im studentischen Feedback werden sie selten hervorgehoben. Was ich weiß ist, dass mir als Kursersteller die Entwicklung mehr Spaß macht, wenn ich Animationen mache – Medienwechsel funktioniert auf beiden Seiten des digitalen Klassenzimmers.

Außer dem Inhalt, dem Aufbau und dem Layout des Kurses kann auch der Ablauf im Semester wesentlich zur Attraktivität beitragen. Beispielsweise haben die folgenden Aspekte beim Ablauf die Teilnahme am Kursus maßgeblich erhöht:

  • Verbindlichkeit der Fristen, bspw. für Abgabe einer Aufgabe oder Abschluss einer Lektion: für Online-Kurse nicht selbstverständlich aber vielleicht noch wichtiger als in der Präsenz (vor allem auch für das Zeitmanagement der Teilnehmer);
  • Kurslänge von maximal acht Wochen, d.h. deutlich weniger als die übliche Semesterlänge. Das ist natürlich nicht vom Kursumfang unabhängig – aber umgekehrt sollte man bei der Planung darauf achten, dass der Kursus in nicht mehr als 8 Wochen abgeschlossen werden kann;
  • Relevanz der Abschlussleistung: die Studierenden arbeiten auf einen Research Proposal, also einen Forschungsantrag hin, den sie dann bei potentiellen Betreuern oder Partnerfirmen einreichen können.
  • Interaktivität und Konnektivität: das ist nicht dasselbe – ein Quiz liefert Interaktivität; ein Forum oder eine Peer-Review Übung hingegen liefern Konnektivität.

Feedback zu erfragen und auch zu berücksichtigen ist bei Online-Kursen sicherlich noch wichtiger als in der Präsenzlehre: es ist einfach zu leicht möglich, Lektionen oder Übungen, von denen man schon weiß, dass sie besser sein könnten, einfach “stehen zu lassen”.

Skalierbarkeit der Teilnehmerzahlen

Im Paradies der Online-Kursentwickler sind die Teilnehmerzahlen nach oben unbeschränkt. Das impliziert eine perfekte Skalierung: der Online-Kurs lässt sich ohne großen Aufwand auf 500, 5.000, 50.000 oder mehr Teilnehmer erweitern – ist aber gleichzeitig mehr als eine Sammlung von Materialien (Videos oder Podcasts od. dgl.).

Natürlich ist diese “perfekte Skalierung” nicht vereinbar mit “perfekter Didaktik”. Eigentlich ist sie sogar ihr genaues Gegenteil. “Perfekte Didaktik” wäre nämlich, auf den Einzelnen bezogen (der immer noch im Zentrum eines jeden Kurses steht), Personalisierung und nicht Standardisierung. Online-Kurse sind aber moderne Beispiele der didaktischen Standardisierung.

Die einfachste Möglichkeit, um den Online-Kurs nicht völlig zur Konserve werden zu lassen ist, Supervision zu ermöglichen. D.h. konkret, dass zu gewissen Zeiten, entweder synchron oder asynchron, lebendige Tutoren oder Dozenten verfügbar sind, um Fragen zu beantworten, zu kommentieren oder sogar zu dozieren.

Im Netz gibt es hier ein ganzes Spektrum von Möglichkeiten, die von den großen MOOC-Anbietern bzw. Plattformen wie Coursera, Udacity (beide Stanford U.), edX (MIT und Harvard) und FutureLearn (Open University) auch genutzt werden. Drei Typen von Supervision möchte ich hier kurz erwähnen:

  • Virtuelle Live-Sitzungen, bspw. mit Webinar-Software wie Adobe Connect. Hierbei diskutiert der Lehrende synchron mit teilnehmenden Studierenden, auch z.B. via Twitter oder chat.
  • Aufzeichnung von Zusammenfassungen (FAQs); Feedback oder Fragen werden gesammelt und per Video oder Audio wird eine Antwort formuliert und asynchron gesendet.
  • Offline-Feedback: Dozent schaltet sich entweder geplant oder ungeplant in Online-Unterhaltungen (Forum) ein und gibt Feedback wo nötig oder sinnvoll.

Im Beispiel-Kursus habe ich alle drei Methoden ausprobiert. Die letzte Methode verwendet ich regelmäßig in allen supervisierten Kursen mit Erfolg an – das Feedback der Studierenden ist sehr positiv. Allerdings laufen auch mehrere Kohorten parallel, die den Kursus lediglich als Konserve benutzen (ohne Supervision) – und die Rückmeldungen der betreffenden Dozentinnen und Dozenten sind ebenfalls positiv.

Transfer und Nachahmung

An der BPS/HWR Berlin wurden im Rahmen eines Projekts 2015-16 mehrere Online-Kurse vom selben Typ wie der Beispiel-Kursus “Research Methods” entwickelt. Dadurch konnten die Bereiche Finanzen, Volkswirtschaft und Strategisches Management durch Vorkurse abgedeckt werden. Die beteiligten Dozentinnen und Dozenten machten sehr unterschiedliche Erfahrungen. Bei der Entwicklung und der Durchführung wenn nicht als Team, so doch wenigstens als Community of Practice oder Community of Interest zusammenzuarbeiten stellte sich dabei als wesentlich für den Erfolg der Kurse heraus. Die Vorkurse, die dabei entstanden, werden allesamt als Vorbedingung für die Belegung von Hauptkursen in Präsenzlehre (bzw. Blended Learning) eingesetzt – mit stetig steigenden Teilnehmerzahlen.

Auch in diesem Bereich gibt es eine Make-or-Buy-Entscheidung – soll man Kurse selber entwickeln oder einkaufen, und soll man sie auf einer eigenen Plattform vertreiben oder in Partnerschaft mit einem (kommerziellen) Anbieter? An der HWR Berlin haben wir bisher nur mit der Eigenentwicklung breite Erfahrungen gemacht, dafür aber recht gute. Ein wichtiger Vorteil der Eigenentwicklung ist, dass dadurch eine viel größere Zahl von Lehrenden in die Online-Lehre einbezogen wird. Da es hier nicht bloß um einen Service oder ein Produkt geht, sondern auch um einen Change Management Prozess, scheint diese Strategie nützlich – an der HWR Berlin hat sie sich zumindest ausgezahlt. Die Belastung für die Beteiligten ist aber selbstverständlich höher, als wenn lediglich Kurse eingekauft und/oder angepasst werden müssen.

An der HWR Berlin hilft die gute Organisation von E-Learning durch ein Kompetenzzentrum, das die meisten Aktivitäten in diesem Bereich bündelt, hier strategisch sinnvolle Entscheidungen zu treffen. Kurse wie den Beispiel-Kursus im Eigenbau zu erstellen, auch nur durch einen einzelnen Lehrenden, ist durchaus möglich. In der Praxis (mit Studierendenzahlen im fünf- oder sechsstelligen Bereich) ist aber meist eine große Zahl von Lehrenden (auch im zweistelligen Bereich) mit er Entwicklung und der Durchführung solcher Kurse befasst.

Schlussfolgerung und Ausblick

In diesem kurzen Artikel habe ich die Erweiterbarkeit, die Attraktivität, Skalierbarkeit und Transfer von Online-Kursen im Allgemeinen (als Ambition eines Kursentwicklers) und am Beispiel eines Forschungsmethodik-Kurses für Master-Studierende diskutiert.

Meine Erfahrungen im Hinblick auf diese vier Aspekte an der HWR Berlin sind ohne Einschränkung positiv. Allerdings sind in zwei Jahren auch viele Rückmeldungen zusammengekommen und die Technologie hat sich ebenfalls erneut weiterentwickelt. Moodle hat sich als tragfähige Plattform für diese Art von Kursen herausgestellt (was wir vorher noch nicht wussten). Deshalb entwickle ich gegenwärtig einen zweiten Kursus zum Thema “Business Information Systems” für MBA Studierende an der BPS/HWR Berlin.

MOOCs, in der hier beschriebenen Form, eröffnen sehr interessante neue Perspektiven für alle Beteiligten – Lehrende, Studierende und für die ganze Hochschule einschließlich völlig neuer Geschäftsmodelle und auch neuer Möglichkeiten der Partnerschaft mit Einzelnen, Verbänden und Unternehmen.

Literaturhinweise

Viele der im Text erwähnten Stichworte (bspw. “Gamifizierung”), die dem Leser vielleicht nicht so vertraut sind, lassen sich durch einfache Internet-Suche schnell klären. Darüberhinaus habe ich mit meinen Mitarbeitern und Mitstreitern in den letzten Jahren eine Reihe von Artikeln geschrieben, die alle mehr oder weniger relevant sind. Eine Publikationsliste für 2011-2017 finden Sie auf meinem Blog. “Klassische” Texte zur Online-Lehre gibt es meines Erachtens nach (noch) nicht. Dafür ist das Fachgebiet in zu rascher Entwicklung begriffen bzw. sind viele der didaktischen Grundlagen nichts Neues.