Notunterkunft Kreuzberg – Florian

Ich habe schon zu Beginn der Flüchtlingskrise darüber nachgedacht mich zu engagieren. Letztendlich kam ich nie dazu den ersten Schritt zu machen und einfach loszulegen. Es war keine Angst vor dem Unbekannten, sondern eher ein Verstecken hinter meinen tagtäglichen Aufgaben.

Als ich die Vorlesung „Service Learning in der Flüchtlingsarbeit“ im Angebot der HWR entdeckte, war ich sofort neugierig und wollte mehr Wissen. Die persönlichen Erfahrungen von Frau Tilden-Machleidt und die vielen nützlichen Informationen ermutigten mich, den Schritt zu wagen und die nächstgelegene Notunterkunft aufzusuchen. Vor Ort reagierte man sehr positiv auf mich und ich lernte tolle und sehr offene Menschen kennen.

Die Notunterkunft Kreuzberg (NUK) in der Ohlauer Straße ist hauptsächlich durch die Besetzung der Gerhart – Hauptmann – Schule in den Medien und nicht durch die großartige Arbeit, die das Team der Johanniter dort in einem anderen Trakt leistet. Es werden ca. 80 Menschen aus unterschiedlichsten Ländern und Kulturkreisen (Naher Osten, Afrika, Asien, Osteuropa) betreut, versorgt und beraten. Die NUK ist eine Einrichtung für besonders schutzbedürftige Menschen, d. h. ca. 50% der Menschen sind Kinder. Familien, Alleinreisende Frauen und unbegleitete Jugendliche haben sich zu einer Gemeinschaft zusammengefunden. Es wird gemeinsam gespielt, gelacht und gehofft.

Die Kinder der Einrichtung gehen alle in Kindergärten und Schulen der Nachbarschaft und können alle bereits sehr gut Deutsch. Ein Unterschied zu den anderen Kindern und Jugendlichen, denen man in Kreuzberg begegnet, ist nicht wahrnehmbar. In den Räumlichkeiten findet Nachhilfeunterricht durch die zahlreichen Paten und Helfer aus der Nachbarschaft statt und für die Kleinsten werden Geschichten vorgelesen. Kunstprojekte und zahlreiche andere Aktivitäten finden ebenfalls statt. In diesem Umfeld haben die Kinder tatsächlich die Chance anzukommen und sich im Kiez zu integrieren.

Für die Eltern, bzw. die Erwachsenen ist dies deutlich schwerer. So lange wie sie einen Deutschkurs besuchen, kommen sie aus der Einrichtung raus und können Erfahrungen sammeln. Dadurch, dass die Helfer in der Einrichtung und die Lehrer bei den Deutschkursen die einzigen Kontaktpersonen sind, ist es aber unglaublich schwierig die erlernten Fortschritte beim Lernen unserer Sprache tatsächlich anzuwenden. Es wäre sehr wichtig, den Erwachsenen den Schritt nach draußen, in den Kiez, die Gemeinschaft und unser Leben, zu ermöglichen.

Ich habe Männer getroffen, die darunter leiden ihre Familie nicht selber zu versorgen und beobachtet, wie sehr sich Frauen darüber gefreut haben, an der gemeinsamen Weihnachtsfeier ausnahmsweise die Küche der Einrichtung nutzen zu dürfen. Für sie war es das erste Mal seit Monaten und Jahren, das sie kochen durften und die Freude darüber war für mich erschütternd.

Diese Menschen brauchen dringend eine klare Perspektive. Eine konkrete Aussage bezüglich einem Abschiebedatum wäre wohl humaner, als diese unsäglichen Hängepartien von Termin zu Termin. Das Warten und die Ungewissheit können jeden Lebensmut irgendwann brechen und wer dann vielleicht eines schönen Tages endlich die Nachricht erhält bleiben zu dürfen, hat schon zahllose Monate ohne jede Aufgabe dagesessen und gewartet.

„Die Menschenwürde, ist unantastbar.“ Zu diesem schönen Satz aus unserem Grundgesetz gehört nicht nur das Dach einer Schule, einer Turnhalle oder eines Flughafenhangars über dem Kopf. Würdevoll Leben kann man, wenn man ein freies, selbstbestimmtes Leben führen kann. Wenn man vorbehaltlos willkommen geheißen wird und wenn dieses „Willkommen“ nicht auch das direkte „Auf Nimmerwiedersehen“ beinhaltet.

Jeder Flüchtling, mit dem ich mich bisher unterhalten habe, hat den Wunsch zu arbeiten. Jeder sagte, dass er Deutschland liebt und etwas zurückgeben möchte. Besonders einprägsam war das Gespräch mit N. (15) aus Afghanistan. Er möchte nach dem MSA gerne Polizist werden, um Deutschland und die Menschen zu beschützen. Falls das nicht geht, möchte er gerne ein Johanniter werden und Flüchtlingen und anderen Menschen in Not helfen.

Mit N. besorgte ich auch einen Weihnachtsbaum für unsere gemeinsame Weihnachtsfeier. Er fragte mich, warum wir den Baum in ein Zimmer stellen und ob wir alle um ihn herumtanzen werden. Ich erzählte ihm die Weihnachtsgeschichte und ihre Bedeutung für mich. Für mich steht nicht der christliche Glaube im Vordergrund, sondern die Familie, Tradition, die festliche Stimmung, gemeinsam Essen, Trinken und Lachen und die Freude, die der Weihnachtsbaum bei Jung und Alt hervorruft.

Während ich dies erzählte wurde mir klar, dass der Baum ein Baum ist. Die Menschen um ihn herum machen ihn zum Weihnachtsbaum und den Feiertag zu unserem Fest. Ich merkte, dass es nicht klappen wird, wenn ich darauf warte, dass z.B. N. meine Kultur entdeckt und sich bitte auch integriert. Ich muss ihm meine Kultur zeigen und mir auch seine zeigen lassen. Vielleicht finden wir einen gemeinsamen Mittelweg oder der eine nimmt etwas vom anderen an. Vielleicht freuen wir uns auch nur an der Kultur des anderen und jeder geht seiner Wege. Sicher ist nur, dass nichts passieren wird, wenn ich nicht selber etwas unternehme.

Meine Frau, meine Kinder und ich übernehmen eine Familienpatenschaft von einer arabischen Flüchtlingsfamilie. Wir wollen gemeinsam spielen, lachen, kochen und feiern. Wir wollen arabisch lernen und ihnen deutsch beibringen. Wir wollen Freunde werden.

     

 

Florian Jost

Schreibe einen Kommentar