

{"id":202,"date":"2014-03-31T00:52:13","date_gmt":"2014-03-30T22:52:13","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.hwr-berlin.de\/leitbild\/?p=202"},"modified":"2014-11-18T15:56:43","modified_gmt":"2014-11-18T13:56:43","slug":"nur-hinblicken-ueberblicken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.hwr-berlin.de\/leitbild\/nur-hinblicken-ueberblicken\/","title":{"rendered":"Sehen, hinblicken, \u00fcberblicken"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/about.me\/birkenkrahe\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft  wp-image-181\" alt=\"marcus_birkenkrahe_pic\" src=\"https:\/\/blog.hwr-berlin.de\/leitbild\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/marcus_birkenkrahe_pic.jpg\" width=\"102\" height=\"110\" \/><\/a>Der erste Workshops zur Leitbildentwicklung, \u201e<a href=\"http:\/\/www.hwr-berlin.de\/leitbild\/workshops\/tradition-und-innovation\/\">Tradition und Innovation<\/a>&#8220; (20.11.2013) k\u00fcndigt eine Reihe von Fragen an, die ich als Dauerbrenner der Debatten On- und Off-Campus wiedererkenne. Und nicht nur an unserer Hochschule, nein, sondern \u00fcberall in unserer Gesellschaft. Es ist dieselbe Frage, die uns bei jedem Umzug begleitet: wie viel von dem alten Gep\u00e4ck nehmen wir in die neue Wohnung mit?<\/p>\n<p>Die Lekt\u00fcre, die mir in den letzten Wochen die S-Bahn Fahrt vers\u00fc\u00dft hat, passt zu dieser Frage: es handelt sich um \u201e<a href=\"http:\/\/bilder.buecher.de\/zusatz\/06\/06261\/06261200_lese_1.pdf\">Die Schicksalsreise<\/a>\u201c von Alfred D\u00f6blin, geschrieben 1948. Das Buch beschreibt D\u00f6blins Flucht aus Paris im Jahre 1940, die ihn und seine Familie \u00fcber Spanien und Portugal in die USA f\u00fchrt, von wo sie nach Kriegsende wieder nach Deutschland zur\u00fcckkehren. Immer wieder hadert der Autor, einer der gro\u00dfen Zauberer der deutschen Sprache, mit dem Grund, warum er seine Geschichte, die \u201ekein blo\u00dfer Bericht von mehr oder weniger belangvollen Ereignissen\u201c ist, \u00fcberhaupt erz\u00e4hlt. Er tut es nicht \u201ewegen ihres besonderen, historischen Charakters, sondern um das Auff\u00e4llige, Eigent\u00fcmliche, Unheimliche dieses Zeitabschnitts festzuhalten.\u201c <!--more...Weiterlesen--><\/p>\n<p>Der Schriftsteller schreibt auf, was er erlebt hat. Aber weil er ahnt, dass im Tumult des Krieges und der Vertreibung etwas ganz besonderes mit ihm vorgeht, l\u00e4sst er sich nicht einfach von Ereignis zu Ereignis treiben, sondern er h\u00e4lt immer wieder inne und sp\u00fcrt in sich hinein. An einer Stelle beschreibt er, wie er der geworden ist, der er ist:<\/p>\n<div style=\"width: 180px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Alfred_D%C3%B6blin\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"   \" alt=\"\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/5\/53\/Alfred_Doeblin_1930.jpg\" width=\"170\" height=\"242\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Alfred D\u00f6blin (1878\u20141957)<\/p><\/div>\n<blockquote><p>\u201eIch bin eigentlich nur wie eine Pflanze gewachsen, habe meine Nahrung von da und dort geholt und bin so geblieben. Was mich trieb, dieses und jenes zu wollen, habe ich nie ernsthaft gepr\u00fcft. Ich wurde getrieben, und ich nahm ohne weiteres an: das bin ich, der treibt. Ich habe mich nie mit dem befasst, was sich als mein \u00bbIch\u00ab ausgab und was da wollte und ablehnte. Ich tat es bewusst nicht. Sokrates lehrte: Erkenne dich selbst! Aber wie soll man sich selbst erkennen, wenn man zu gleicher Zeit das ist, was erkennt, und das, was erkannt werden soll.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Warum berichte ich gerade von diesem Buch? Nicht blo\u00df, weil ich es gerade gelesen habe. Die Themen Krieg und Vertreibung haben f\u00fcr jedes Zeitalter Pr\u00e4senz und Signifikanz, auch ohne Nazi-Diktatur und Weltenbrand. Zwischen dem Alten und dem Neuen, zwischen den Alten und den Jungen, herrscht immer eine Form von Kriegszustand. Der Konflikt zwischen Tradition und Innovation, zwischen Bewahrung und Erneuerung l\u00e4sst sich nicht vollst\u00e4ndig aufl\u00f6sen. Allerh\u00f6chstens l\u00e4sst sich ein Gleichgewicht suchen \u2013 vielleicht als Analogie zu einem Waffenstillstand? \u2014 denn einen Sieger darf es nicht geben in diesem Krieg, sonst w\u00fcrden die Alten oder die Jungen, die Konservativen oder die Progressiven, die Bewahrer oder die Erneuerer, jeweils verschwinden m\u00fcssen: sie werden aber beide gebraucht, damit das gro\u00dfe Rad des Fortschritts sich weiter dreht: nicht zu rasch, aber auch nicht zu langsam.<\/p>\n<p>Die Einsicht des weisen, 1948 schon siebzigj\u00e4hrigen Schriftstellers D\u00f6blin lautet: \u201eWas jetzt in meinem R\u00fccken, auch unter meinen F\u00fc\u00dfen liegt, will ich, muss ich nun sehen. Gerichtstag? Nein. Nicht ich bin es, der Gericht halten kann, am wenigsten \u00fcber sich, \u2013 nur hinblicken, \u00fcberblicken.\u201c Was k\u00f6nnte das f\u00fcr uns hei\u00dfen?<\/p>\n<div id=\"attachment_211\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/statelibraryofnsw\/8739115901\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-211\" class=\"size-medium wp-image-211\" alt=\"Wer ist der Dickh\u00e4uter? Tradition oder Innovation?\" src=\"https:\/\/blog.hwr-berlin.de\/leitbild\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/image-300x228.jpg\" width=\"300\" height=\"228\" srcset=\"https:\/\/blog.hwr-berlin.de\/leitbild\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/image-300x228.jpg 300w, https:\/\/blog.hwr-berlin.de\/leitbild\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/image.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-211\" class=\"wp-caption-text\">Wer ist der Dickh\u00e4uter? Tradition oder Innovation?<\/p><\/div>\n<p>Ich muss gestehen, dass ich mich von den in diesem ersten Workshop \u201eTradition und Innovation\u201c erarbeiteten <a title=\"Thesen des WS &quot;Tradition und Innovation&quot;\" href=\"https:\/\/blog.hwr-berlin.de\/leitbild\/?cat=3\" target=\"_blank\">21 Thesen<\/a> etwas erschlagen f\u00fchlte \u2013 obwohl wir von Luthers 95 Thesen (Gott sei Dank) noch weit entfernt sind. In Erinnerung bleiben wird mir die <a href=\"http:\/\/www.hwr-berlin.de\/leitbild\/workshops\/tradition-und-innovation\/\" target=\"_blank\">Zusammenfassung der Ergebnisse<\/a>, in welcher der Prozess durch Text und Bild veranschaulicht und nahe gebracht wird \u2013 das Bild \u201e<a href=\"http:\/\/www.hwr-berlin.de\/typo3temp\/pics\/faf35e38c3.jpg\">Auflockerungs\u00fcbung<\/a>&#8220; verursachte ein L\u00e4cheln: locker werden, locker bleiben ist gut. Im Vergleich dazu wirken die Thesen auf dem Blog ein wenig wie Vorl\u00e4ufer gerichtlicher Verf\u00fcgungen. Die kurzen Diskussionen, die man in den Kommentaren zu ihnen lesen kann, scheinen das zu best\u00e4tigen: sch\u00f6n w\u00e4re es, wenn hier eine lebendige Debatte entstehen k\u00f6nnte (beteilligen Sie sich!). Vielleicht, k\u00f6nnte man sagen, ein Artefakt des Blogging. Vielleicht geht aber auch beim &#8222;Thesen-Machen&#8220; zu viel von der Energie und der Spontaneit\u00e4t des kreativen Augenblicks verloren. Ob die Hochschule einen kontinuierlichen Prozess braucht, der Ver\u00e4nderung begleitet und reflektiert?<\/p>\n<p>D\u00f6blin nimmt fast nichts auf seine Reise mit, und was er mitnimmt, ver\u00e4ndert sich, genauso wie er sich ver\u00e4ndert hat, als er nach langen Umwegen wieder an seinen Ausgangspunkt, die (zerst\u00f6rte) Stadt Berlin zur\u00fcckgekehrt. Diese Wiederbegegnung wird ihm zum Anlass f\u00fcr die Einsicht: \u201eEin Mensch hat es leichter als eine Stadt, sich zu \u00e4ndern. Ein Mensch kann sich wandeln. Eine Stadt st\u00fcrzt ein.\u201c Ist die Hochschule eher wie ein Mensch, oder eher wie eine Stadt? Kann sie sich wandeln? Gewiss, sie hat es ja bereits getan ohne einzust\u00fcrzen.<\/p>\n<p>Mag das Gleichnis auch wackeln &#8211; wie weit man auch immer die Reise der Hochschule als D\u00f6blinsche &#8222;Schicksalsreise&#8220; deuten mag &#8211; Parallelen dr\u00e4ngen sich mir auf. Es sind dies die alten Konflikte, die (Hochschul-)Entwicklung zu allen Zeiten begleitet haben. Der Kampf zwischen Tradition und Innovation, zwischen Bewahrung und Erneuerung l\u00e4sst sich nicht vollst\u00e4ndig aufl\u00f6sen. D\u00f6blins teuer errungener Rat ist im Lichte des Leitungsbild-Prozesses bedeutungsvoll: was in unserem (historischen) R\u00fccken liegt, wollen, m\u00fcssen wir sehen, wenn wir nach vorne wollen. Sehen heisst nicht richten, sondern nur hinblicken, \u00fcberblicken.<\/p>\n<p>N\u00e4chste Woche ist &#8222;<a href=\"https:\/\/blog.hwr-berlin.de\/leitbild\/?p=278\" target=\"_blank\">Wissenschaft und Praxis<\/a>&#8220; dran; mal sehen, was mir dazu einf\u00e4llt. Alles ist mit allem verbunden, deshalb bin ich da ganz zuversichtlich.<\/p>\n<blockquote><p><a href=\"https:\/\/blog.hwr-berlin.de\/leitbild\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/red-question-mark-circle-clip-art.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright  wp-image-287\" alt=\"red-question-mark-circle-clip-art\" src=\"https:\/\/blog.hwr-berlin.de\/leitbild\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/red-question-mark-circle-clip-art-150x150.jpg\" width=\"90\" height=\"90\" srcset=\"https:\/\/blog.hwr-berlin.de\/leitbild\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/red-question-mark-circle-clip-art-150x150.jpg 150w, https:\/\/blog.hwr-berlin.de\/leitbild\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/red-question-mark-circle-clip-art-300x300.jpg 300w, https:\/\/blog.hwr-berlin.de\/leitbild\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/red-question-mark-circle-clip-art.jpg 425w\" sizes=\"auto, (max-width: 90px) 100vw, 90px\" \/><\/a>Frage an die Leser: Wie halten Sie es selbst mit dem Konflikt von &#8222;Tradition und Innovation&#8220; \u2014 Problem oder nicht? Vielleicht haben Sie ein Beispiel, das Sie hier mitteilen m\u00f6chten?<\/p><\/blockquote>\n<hr \/>\n<p><small><em><a href=\"http:\/\/about.me\/birkenkrahe\" target=\"_blank\">Marcus Birkenkrahe<\/a>\u00a0bloggt in den <a href=\"https:\/\/blog.hwr-berlin.de\/leitbild\/?s=birkenkrahe\" target=\"_blank\">sechs Wochen<\/a> vor dem Workshop \u201c<a href=\"http:\/\/www.hwr-berlin.de\/leitbild\/workshops\/innen-und-aussen\/\" target=\"_blank\">Innen und Au\u00dfen<\/a>\u201d zum Leitbild-Entwicklungsprozess. Er bloggt au\u00dferdem mit \u00fcber 70 anderen Autoren auf\u00a0<a href=\"http:\/\/elerner.de\/\" target=\"_blank\">elerner.de<\/a>, dem E-Learning Blog der HWR Berlin.<\/em><\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der erste Workshops zur Leitbildentwicklung, \u201eTradition und Innovation&#8220; (20.11.2013) k\u00fcndigt eine Reihe von Fragen an, die ich als Dauerbrenner der Debatten On- und Off-Campus wiedererkenne. 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