Jugendtreffs in der Netzwerkgesellschaft

Was müssen soziale Treffpunkte für junge Menschen leisten um in der Netzwerkgesellschaft noch zu bestehen?


In den 70er Jahren etablierte sich in vielen Klein- und Mittelstädten Deutschlands eine Jugendzentrumsbewegung. Junge Menschen lösten sich erstmals aus den Familienstrukturen und forderten für die Freizeit eigene, selbstverwaltete Räume. In der Hochphase der Jugendzentrumsbewegung von 1970-80 waren diese Orte Treffpunkte und Entstehungsorte für Jugendkultur. Der Leitspruch der Jugendzentrumsbewegung war: „Was wir wollen: Freizeit ohne Kontrollen!“. Die Alternativbewegungen der 70er Jahre, verbunden mit Begriffen wie Hausbesetzung, Frauenbewegung, Friedensbewegung, verfolgte die Ziele Emanzipation, Partizipation, soziales Engagement, Integration und Authentizität. Ursache war eine sich emanzipierende Jugendgeneration, die sich aus der Unmündigkeit löste und ihre Lebensphase nicht mehr als unselbständige und hörige begriff. (bpb: 2010a)

Dem folgte in den 80er Jahren eine Resignationsphase. Aus Rock und Rebellion wurde Neue Deutsche Welle und Spaßpunk. Verbunden mit der Wirtschaftskrise war „No future“ ein Leitspruch von Jugendlichen. Gleichzeitig entstanden sich von einander abgrenzende Jugendkulturen. Popper, Punks, Hippies, Rocker usw. waren Ausdrücke eines jugendlichen Lebensgefühls, dass zunehmend auch vermarktet wurde. Organisiert wurde das jugendliche Zusammensein in Cliquen, die sich an eigenen Orten trafen. (bpb: 2010b). Familie, die Clique, Massenmedien und reale Sozialisationsorte, zu denen auch Jugendtreffs gehörten, waren die Bestandteile der äußeren Umwelt an denen Sozialisation stattfand.

 

(Quelle: https://c1.staticflickr.com/7/6200/6068892127_cb3809801e_b.jpg)


Mit der Entwicklung von mobilen Internetzugängen und digitalen, sozialen Netzwerken ab ca. 2000 verlagert sich die Beziehungspflege zunehmend ins Internet. Die Trennung von allein sein und mit anderen sein verändern sich in ein „dazu gehören“. Die Jugendkultur entwickelt sich heute von den differenzierten Offline-Kulturen der 80er und 90er zum digitalen Schwarm. Mainstream ist nun kein Schimpfwort mehr, und es herrscht der Wunsch nach Aufgehoben sein und Akzeptiert werden vor. (Sinusstudie: 2016) Wichtiger als ein „Sich abgrenzen“ ist ein „Gesehen werden“.

Seit Beginn der 2000er Jahre erleben die Jugendzentren einen Besucherschwund, eine Entdemokratisierung sowie einen Bedeutungsrückgang als Orte der Jugendkultur. Hier stellt sich die Frage, welche Leistungen  und Angebote Jugendtreffs zukünftig bieten müssen, um in der Netzwerkgesellschaft Bedarfe zu erfüllen.

Um sich der Frage nach Handlungsstrategien von Jugendtreffpunkten in der Netzwerkgesellschaft zu nähern, wird in dieser Arbeit zuerst die Frage bearbeitet, was die Netwerkgesellschaft ausmacht. Im Anschluss gehe ich auf die Grundaufgaben der Jugendarbeit ein. Im Fazit beschreibe ich Entwicklungsmöglichkeiten für Jugendtreffs, die an die Bedarfe der Jugend in der Netzwerkgesellschaft anknüpfen.


Ausgehend von der Definition des Lexikons zur Soziologie ist ein Netzwerk ein Graph “… aus einer endlichen Menge Knoten, der durch Kanten zwischen diesen (evtl. auch mit Ausgangs- als Endknoten, „Schleifen“) zusammenhängt.“(Lexikon zur Soziologie 2011: 463)

Übertragen auf soziale Netzwerke versteht man in der soziologischen Netzwerkforschung die Struktur der zwischen Personen und/oder anderen Akteuren (z. B. Institutionen, Firmen, Staaten) bestehenden Beziehungen. Die Akteure werden in der formalen Analyse als Knoten, die Beziehungen zwischen diesen Knoten als Kanten bezeichnet.(Jansen 2006: 13) Dabei zeichnet sich das soziale Netzwerk durch eine „one to many“ und „many to one“ Kommunikation aus. Anders als die klassischen Massenmedien TV, Radio und Zeitung sind soziale Netzwerkre reziprok angelegt. Durch die digitale Durchdringung der Gesellschaft und der massenhaften Nutzung von digitalen Netzwerkstrukturen entwickelt sich eine neue Organisationsform der Gesellschaft, die „Netzwerkgesellschaft“.

 

Harmony vs Chaos: Keep Employees on the Same Page

(Quelle: http://www.strategydriven.com/wp-content/uploads/Connections-1030×728.jpg)


Der Begriff “Netzwerkgesellschaft” wurde von Manuel Castells in seiner dreibändigen Abhandlung „Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft“ geprägt.(Castells 1996)

In der dort entwickelten Netzwerktheorie beschreibt er die Entwicklung einer neuen Gesellschaft, der Netzwerkgesellschaft. Dieser Transformationsprozess finden unter dem Einfluss der Informations- und Kommunikationstechnologien statt. Die Hauptthese des Wandels von einer hierarchischen Gesellschaft zu einer Netzwerkgesellschaft sieht er in der Ablösung von Hierarchien zu Netzwerken als Basis der Wirtschaft und Kommunikation.

Grundlage dieser Entwicklungen sind nach Castells erstens die wirtschaftlichen Krisen der sechziger und siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts, welche zu einer Internationalisierung der Wirtschaft führten, zweitens die Entwicklung von Kommunikations- und Informationstechnologien, welche die Entwicklung der Globalisierung wesentlich voran brachten und drittens die sozialen Bewegungen seit den sechziger Jahren, welche Werte wie Individualisierung, kulturelle Freiheit und Persönlichkeitsentfaltung hervorbrachten.

Somit ist die Entwicklung des Internets nur eine Voraussetzung für das Entstehen der Netzwerkgesellschaft. “…we could say that while technology per se does not determine historical evolution als social change, technology embodies the capacity of societies to transform themselves as well as the uses to which societies always in a conflictive process decide to put their technological potential.” (Castells 2010: 7)

Wandel vom Raum der Orte zum Raum der Ströme

In der Netzwerkgesellschaft ändert sich nach Castells die Bedeutung der Raumes. Waren in der hierarchischen Gesellschaft noch physische Orte und deren Entfernung relevant für die soziale Interaktion, so ist der dominierende Sozialraum heute das Netz. Die physische Begrenzung des Raumes hebt sich damit auf, und die Distanz verschwindet. Erste vergleichbare Entwicklungen ergaben sich mit der massenweisen Nutzung des Telefons. Beziehungen konnten somit auch über große Distanzen in Echtzeit gepflegt werden. Erst aber durch die Entwicklung von mobilen Endgeräten ist die Echtzeitkommunikation an nahezu jedem Ort der Welt mit Menschen an beliebigen anderen Orten möglich. Somit “schrumpft” der Raum. Castells nennt dies den Wandel vom “space of places” zum “space of flows”.

Gleichzeitig verliert der reale Raum an Relevanz für die Kommunikation und soziale Interaktion. Diese findet zukünftig im virtuellen Netz, also im Raum der Ströme statt. Zunehmend ist es dabei notwendig, diesem Raum anzugehören. Wer keinen virtuellen sozialen Netzwerken angehört und keine Möglichkeiten der mobilen Echtzeitkommunikation hat, ist zukünftig aus dem sozialen Netz weitgehend ausgeschlossen. Heute schon gibt es kaum Möglichkeiten Jobangebote und Wohnungsangebote zu finden, ohne eine Anbindung an das Internet zu haben.

Der digitale Austausch im Netz ist zugleich die dominante Kommunikationsform geworden. Der Raum der Strömungen ist somit die dominante Manifestation von Macht und Funktion der Gesellschaft. Nach Castells ist das Netzwerk die Hauptorganisationsform jeglicher sozialer Aktion geworden.

„Networks constitute the new social morphology of our societies, and the diffusion of networking logic substantially modifies the operation and outcomes in processes of production, experience, power and culture. While the networking form of social organisation has existed in other times and spaces, the new information technology paradigm provides the material basis for its pervasive expansion throughout the entire social structure.” ,  schreibt Castells. (Castells 2010: 500)

Daraus folgt, dass eine Grundvoraussetzung für die Teilnahme an der Interaktion der Zugang zur technologischen Infrastruktur ist. Nur wer einen Zugang zum Netz hat und die Fähigkeit besitzt, mit den entsprechenden Kommunikationskanälen umzugehen, ist nicht aus dem Netz in einer selektiven Vorauswahl ausgeschlossen.

Somit ergibt sich durch die Netzwerkgesellschaft auch eine soziale Umschichtung, in der der Zugang  und die Fähigkeit zum Umgang mit dem Netzwerk als Zugangskriterium gilt.Wer nicht “on”, sondern “off” ist, ist ausgeschlossen aus den Strömungen des Reichtums, der Macht und der Information.

(Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/e/ec/User-Chaza93-Online.png)

Wandel der Zeit

Doch nicht nur der Ort verändert sich, auch die Zeit wird zeitlos und nur noch von “on” oder “off” bestimmt. (Castells 2010: 502)

Gab es in der hierarchischen Gesellschaft noch festgelegte Zeiten, wie den heiligen Sonntag, weitgehend gleiche Arbeitszeiten, so ist die Zeit heute nur noch eine Netzwerkzeit. Es gilt die Zeit, die in einem Netzwerk von Bedeutung ist. Durch diese Ungleichzeitigkeit der Zeit in verschiedenen Netzwerken ist die Schnittstelle der Kommunikation die Echtzeit. “Always on” ist die neue Zeiteinheit der Netzwerkgesellschaft. Wer nicht in Echtzeit an das Netz angebunden ist, kann die zunehmend wichtiger werdenden Strukturen des Netzes nicht nutzen und an großen Teilen der Gesellschaft nicht mehr teilnehmen.

Mitglied der Netzwerkgesellschaft zu sein und zu ihren Bedingungen dazuzugehören ist somit existentiell geworden. Je mehr Kommunikation in digitalen Netzwerken geführt wird, desto weniger Information ist offline verfügbar.

Die Frage stellt sich, wie Jugendtreffs angesichts der skizzierten gesellschaftlichen Entwicklung den an sie gestellten Anforderungen gerecht werden  können.

Nach § 11 SGB VIII sind jungen Menschen die zur Förderung ihrer Entwicklung erforderlichen Angebote der Jugendarbeit zur Verfügung zu stellen. Sie sollen an den Interessen junger Menschen anknüpfen und von ihnen mitbestimmt und mitgestaltet werden, sie zur Selbstbestimmung befähigen und zu gesellschaftlicher Mitverantwortung und zu sozialem Engagement anregen und hinführen. (§ 11 SGB VII)

Kinder und Jugendliche sollen in der Kinder- und Jugendarbeit unterstützt werden ihre Selbstbestimmungspotentiale zu erfahren und zu erweitern. Dazu soll Kinder- und Jugendarbeit ihnen „Angebote zur Verfügung stellen“, die sich an den Subjekten und ihren Themen und Interessen orientieren. Mit anderen Worten: Kinder- und Jugendarbeit soll den Eigensinn der AdressatInnen zum Ausgangspunkt nehmen.

Dies begründet die grundsätzliche Subjektorientierung der Kinder- und Jugendarbeit. Dass sie Kindern und Jugendlichen „Angebote zur Verfügung stellen“ soll, betont den freiwilligen Charakter der Kinder- und Jugendarbeit und verdeutlicht, dass es nicht um (präventive, kontrollierenden oder erzieherische) Maßnahmen, sondern Bildungsangebote geht, die AdressatInnen der Kinder- und Jugendarbeit für ihre (selbstbestimmte) Entwicklung nutzen können.

Sie sollen die Möglichkeit bekommen, die Angebote und damit auch ihre Bildung selbstbestimmt zu gestalten. Den Kindern und Jugendlichen soll Selbstbildung eröffnet werden. (Sting/Sturzenhecker 2013: 375-388)

Der Bildungsauftrag der Jugendarbeit (Scheer 2002: 93-106) sowie die Abgrenzung zum schulischen Bildungsbegriff, werden auch in Abs. 3. Nr. 1 des Paragraphen festgelegt. Dort wird die „außerschulische Jugendbildung“ als ein Schwerpunkt der Jugendarbeit benannt. Diese Selbstbildung bezeichnet Albert Scherr (2002: S. 94) „als eine nicht plan- und steuerbare Eigenaktivität des sich bildenden Individuums“. Das Handlungsziel der Kinder- und Jugendarbeit, also eine Arbeitsaufgabe der dort pädagogisch Tätigen ist es, solche Selbstbildungserfahrungen zu ermöglichen und zu stärken.

Diese Erfahrungen sollen konzeptionell in partizipativem Handeln erfolgen. Kinder und Jugendliche sollen in der Kinder- und Jugendarbeit mitgestalten und mitbestimmen, wie sie welche Bildungserfahrungen machen. Das Wirkungsziel ist dabei Kinder zur zu gesellschaftlicher Mitverantwortung und sozialem Engagement anzuregen. (§11 SGB VIII Abs. 1). Ziel und Inhalt der Jugendarbeit ist somit das “mündige Individuum, welches sich in einer zivilgesellschaftlichen Demokratie aktiv einbringt. (Sturzenhecker/Schwerthelm 2016: 189)

Damit dies nicht nur plakativ, sondern auch verbindlich geschieht müssen die Kinder und Jugendlichen frei entscheiden können, wann sie was mit wem und wozu machen. Dies erfordert eine Offenheit sowie das Prinzip der Freiwilligkeit in der Kinder- und Jugendarbeit. Erst wenn die Kinder und Jugendlichen auch Urheber ihrer Entscheidungen sind, können sie erfahren, “dass die mit anderen verhandelten Regeln für einen bestimmten Zeitraum subjektiv und objektiv Gültigkeit haben”.(Sturzenhecker 2013: 330)

Das Aushandeln und die Einhaltung von Regeln verlangt wiederum nach Beziehungen. Die Kinder- und Jugendarbeit kann somit als Demokratiearbeit beschrieben werden in denen die Personen immer wieder klären, “…wie sie sich gegenseitig sehen und anerkennen und wie sie ihre Beziehung gestalten wollen. (Lindner 2006: 181)

Die Beziehungsgestaltung zählt zu den grundlegenden Tätigkeiten in der Sozialen Arbeit, da nur durch gelingende Beziehungen eine konstruktive Arbeit mit den Besuchern möglich ist.(Müller-Teusler 2013: 124)
Wie kann aber gelingende Beziehungsarbeit aussehen, die Selbstbildungserfahrungen beinhaltet, wenn Beziehungen zunehmend über das virtuelle Netzwerk gestaltet und gepflegt werden und reale Orte für die Beziehungspflege an Bedeutung verlieren?

(Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/23/User-Chaza93-Offline.png)

Welche Ereignisse gehen nicht virtuell?

Die Fragestellung, welche Bedürfnisse auch zukünftig nicht im Netz befriedigt werden können, kann einen Weg zu möglichen Antworten aufzeigen. Das gemeinsame Aufsuchen eines Ortes, um dort etwas zu erleben, erfordert heute noch und auch in absehbarer Zeit eine physische Präsenz.

Gerade kreative Angebote, die auch die Selbstdarstellungsfähigkeit erhöhen, werden bei Jugendlichen sehr gut angenommen. Als Beispiel seien Graffiti-Kurse, Radio-machen, Tanzen, Schmink-Kurse, Musik samplen, Skate-Events etc. genannt. Die Ergebnisse können die Jugendlichen dann wieder im Netz präsentieren. Dadurch können sich die Kinder und Jugendlichen in ihrer Identität ausprobieren und verschiedene Möglichkeiten der Darstellung ihrer Persönlichkeit erleben.

Gemeinsam zu feiern ist bei Jugendlichen ein wichtiger Anlass, in größeren Gruppen zusammenzutreffen, laut die geliebte Musik zu hören und Kontakt zu anderen Jugendlichen aufzunehmen. Für die unter 18-jährigen ist dies häufig schwierig, da es zu Hause nicht die Räumlichkeiten oder Möglichkeiten gibt und Diskotheken erst ab 18 Jahren Einlass gewähren. Das Angebot von Events für die Altersgruppe ab 14 Jahren oder die Möglichkeit, private Parties in einem Jugendhaus zu feiern würde hier eine Lücke schließen, da der Markt hier keine Angebote bereit hält und das Netz bis heute nur die Organisation solcher Veranstaltungen unterstützen kann.

Ein weiteres Angebot sind Jugendbildungsveranstaltungen, die mit Ausfahrten gekoppelt sind. Die Erfahrung, gemeinsam einen Städtetripp, eine Auslandsreise oder einen Segeltörn zu erleben, schafft Beziehungen im realen Leben, die im Netz so nicht zu gestalten sind. Durch das Zusammensein über einen längeren Zeitraum, wird Beziehung zu einer intensiven und nicht zu einer flüchtigen Erfahrung.

Teil des Netzes sein

Da Jugendbildungsarbeit immer auch Beziehungsarbeit ist und diese zunehmend über soziale Netzwerke im Internet begründet und gepflegt werden, müssen Jugendhäuser im Netz mit ihren Angeboten präsent sein und dort auch Beziehungen pflegen. Sie müssen quasi ein paralleles, virtuelles Jugendhaus präsentieren.

Dies bedeutet nicht nur, auf den für Jugendlichen angesagten sozialen Netzwerken eine Präsenz zu haben, sondern dort auch attraktiv zu sein. Dazu bedarf es eines Fahrplans, denn was bedeutet Attraktivität im Netz? Jugendliche beschreiben es als cool, angesagt, witzig, interessant usw.. Inhalte, die so beschrieben werden, schauen sie an und nehmen sie als Vorbild für die eigene Persönlichkeitsbildung.

Konkret bedeutet es zur Zeit, einen eigenen Youtube-Cannel anzubieten, der sich mit jugendaffinen Inhalten beschäftigt. Angesagte Bands, neue Filme,  Familie, Beziehungen und Sexualität sind wichtige Themen. Youtube ist derzeit nach Whatsapp das beliebteste soziale Netzwerk und bietet anders als Whatsapp eine hohe Nutzerreichweite.

Facebook und Instagramm eignen sich gut, um Statusmeldungen abzugeben. Dabei ist es gleichzeitig von Bedeutung, die Inhalte anderer zu „liken“ bzw. zu kommentieren. Dies ist im virtuellen Raum Teil der Beziehungspflege.

Selbstdarstellung einüben

Zudem ist es eine Aufgabe der Jugendbildung Jugendliche dabei zu begleiten, welche Seiten ihrer Persönlichkeit sie wie im Netz präsentieren möchten. Da das Netz nichts vergisst und mit Veröffentlichungen z.T. rücksichtslos umgegangen wird, ist es von Bedeutung, junge Menschen auf den Umgang mit sozialen Netzwerken vorzubereiten.

Soziale Netzwerke sind darauf angelegt, dass die Mitglieder “one to many” Beiträge veröffentlichen, die wiederum von anderen Mitgliedern kommentiert werden. Dabei ist es notwendig,  der eigenen Person Persönlichkeitsmerkmale mitzugeben. (Burkart 2006:18)

Durch die Abwesenheit des eigenen Körpers im Netz, müssen diese Körper über Visualisierungen erschaffen werden. Erst die theatrale Darstellung des Selbst im Netz ermöglicht dem Gegenüber die Vorstellung einer Persönlichkeit.  “Die Darstellung des Selbst über die Hinzunahme von Bildern, ausführliches Kommentieren und Bilanzieren erscheint in dieser Hinsicht als Teilhabebedingung”. ( Sarah Mönkeberg: 2013)

Ziel ist es dabei sich reflexiv seiner selbst zu vergewissern. Die Anteile der eigenen Identität, welche sich aus dem Austausch und Feedback mit der sozialen Umgebung ergeben, sind im Netz auf die Rückmeldung anderer angewiesen.

Gerade die sozialen Netzwerke bieten jungen Menschen viele Möglichkeiten, sich zu präsentieren und Orientierung zu finden. Hierfür stehen besonders Youtube-Kanäle zur Verfügung. Gleichzeitig macht sich auch eine Orientierungslosigkeit breit, welche Normen heute noch gültig sind. “Fake-News”, abwertende Kommentare” und eine unüberschaubare an seriösen und unseriösen Angeboten macht unerfahrene Netzteilnehmer zu idealen Zielen für Spott und Betrug. Hier können die Jugendhäuser ansetzen und Wege ins und im Netz aufzeigen.

Dabei kann auch thematisiert werden, warum Social Media unser Selbstbild verändert und welche Abhängigkeitspotentiale es birgt. Die Angst, etwas zu verpassen (fear of missing out, kurz fomo) und nicht dabei zu sein (nicht geliked zu werden) führt bei immer mehr Kinder und Jugendlichen zu Angstproblematiken. Jugendliche schreiben den sozialen Netzwerken ein höheres Abhängigkeitspotential zu, als Zigaretten und Alkohol. (RSPH: 2017)

Verbindung von virtuellem und realen Jugendtreff.

Wie anfänglich aufgezeigt, löst sich Raum und Zeit dahingehend auf, dass der reale Ort des Jugendtreffs und seine festen Öffnungszeiten seine Attraktivität eingebüßt hat. Mit immer früheren Alter bewegen sich junge Menschen im Netz. Die 2017 erstellte Studie von Bitcom zeigt, dass die Zahl der gelegentlichen Internetnutzer im Altern von sechs bis acht Jahren in 36 Monaten von 39% auf 48% angestiegen ist. Bei den acht- bis neunjährigen stieg die Zahl von 76% auf 81%. Kinder und Jugendliche gehen heute nicht mehr ins Internet, sie sind „always on“. (bitcom.org: 2014)

Als Konsequenz aus der aufgezeigten Entwicklung müssen Jugendtreffs eine permanente und auf Beziehungsbildung und -pflege ausgerichtete Netzwerkpräsenz entwickeln. Dabei ist eine regelmäßige Anwesenheit in den sozialen Netzwerken eine Grundbedingung. Sie werden sich dabei überlegen, wie die Förderung der Entwicklung der Persönlichkeit sowie Partizipation in der Netzcommunity aussehen kann. So wie im Jugendtreff die Jugendlichen nur freiwillig erscheinen, werden sie auch in der Netzgemeinschaft nur Kontakt aufnehmen oder die Angebote wahrnehmen, wenn diese attraktiv erscheinen.

Im Netz müssen die Jugendtreffs attraktive Inhalte und Angebote präsentieren, die dann im realen Jugendhaus umgesetzt werden. In Verbindung mit Offline-Angeboten wie Parties und Ausfahrten sowie In-House-Angeboten, die darauf abzielen, mit Jugendlichen gemeinsam gute Online-Präsenzen zu erarbeiten und den Umgang mit der eigenen Online-Präsenz zu üben (z.B. „Wie mache ich meinen eigenen Youtube-Channel?“, „Gute Fotos bei Instagram“ oder „Wie gehe ich mit Hatern um“) können die Jugendhäuser die Jugendlichen bei Selbstbildungsprozessen und der Persönlichkeitsbildung unterstützen.

Die Regeln für das virtuelle Jugendzentrum haben sich dahingehend geändert, dass es kein Alleinstellungsmerkmal mehr hat. War es in der realen Stadt noch das einzige Haus für Jugendliche, so gibt es im virtuellen Raum viele Orte zum Treffen und Tätig-sein.

Die Stärken von Jugendtreffs liegen deswegen weder in der alleinigen virtuellen Präsenz, dort wird es immer attraktivere Angebote geben, noch in der alleinigen realen Präsenz. Kommunikation und Austausch findet jetzt schon in den Netzwerken statt. Erst die Verknüpfung beider Elemente, einem attraktiven, virtuellen Jugendhaus und entsprechenden Angeboten im realen Leben, ist ein Alleinstellungsmerkmal.

 

 

Literaturverzeichnis


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Sting, S./Sturzenhecker, B. (2013): Bildung in der Kinder- und Jugendarbeit in: Deinet, U., Sturzenhecker, B. (Hrsg.), Handbuch offene Kinder- und Jugendarbeit, 4., überarb. und aktualisierte Aufl. ed. Springer VS, Wiesbaden.
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Sturzenhecker, B. (2016): Demokratie ist machbar – gerade in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, in: Knauer, R., Sturzenhecker, B. (Hrsg.), 2016. Demokratische Partizipation von Kindern, Beltz Juventa, Weinheim Basel.
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Ein Kommentar zu Jugendtreffs in der Netzwerkgesellschaft

  1. Boryana B. sagt:

    Der Blogbeitrag beschäftigt sich mit einem aktuellen und viel diskutierten Phänomen unserer heutigen Gesellschaft. Einleitend wird die Entwicklung der Jugendzentrumsphase und der Jugendkulturen seit den 1970er Jahren gut beschrieben. Die aufgeworfene Fragestellung sowie die kurze methodische Vorgehensweise ergänzen die Einleitung plausibel.
    Dass die fortschreitenden Informations- und Kommunikationstechnologien und die sozialen Netzwerke wie Facebook, Instagram oder Youtube auch die Zukunft der Jungendzentren beeinflussen, kommt in diesem Blogbeitrag sehr gut zum Ausdruck. Insbesondere der treffend beschriebene Wandel vom realen Raum zum „Raum der Ströme“, also zum virtuellen Netz, zeigt deutlich, mit welchen Herausforderungen Jugendzentren zukünftig konfrontiert sein werden.
    Die virtuelle Welt kann nicht allen Bedürfnissen der Jugendlichen gerecht werden und dies zeigt die enorme Wichtigkeit, die den Jugendzentren, nicht nur zukünftig, zukommt. Der Autor sieht vor allem Anpassungs- und Verbesserungsmöglichkeiten beim Internetauftritt der Jugendzentren. Eine reine Online-Präsenz reiche oft nicht aus, um die Attraktivität zu steigern, der Internetauftritt und/oder die Social Media Kanäle verlangten eine aktiven Pflege sowie eine interessante und ansprechende Gestaltung.
    Dies erfordert jedoch möglicherweise einen Personalmehrbedarf bzw. Fortbildungen oder Schulungen des vorhandenen Personals im Umgang mit der Pflege einer Internetpräsenz oder neuen sozialen Medien wie Instagram oder Youtube insbesondere in Bezug auf mögliche Gefahren, die das Internet birgt. Dies ist vor allem von Bedeutung, da die Mitarbeiter in Jungenzentren eine gewisse Vorbild- und Schutzfunktion haben. Es gibt beispielsweise in einigen Jugendeinrichtungen die Möglichkeit, einen Internet-Führerschein zu machen, so dass Kinder bereits frühzeitig mit einem reflexiven Umgang mit dem Internet vertraut werden. Ebenso bietet sich die Möglichkeit für einen Erfahrungsaustausch an (https://www.dji.de/en/themen/dji-top-themen/dji-online-oktober-2012-jugendzentren-ein-angebot-mit-zukunft/interview.html).
    Der zeitliche Aufwand der Online-Jugendarbeit ist jedoch hierbei ebenfalls nicht außer Acht zu lassen.
    Es stellt sich daher auch zwingend die Frage, inwieweit die Städte und Kommunen, denen die Jugendzentren meist angehören, in Zeiten angespannter Haushaltslagen und steigender Miet- und Energiekosten bereit sind, hier zu investieren. Qualitative Kinder- und Jugendarbeit sollte jedoch immer eine wichtige Rolle spielen (https://www.welt.de/debatte/article173281314/Bildung-Wir-brauchen-mehr-Geld-fuer-Jugendzentren.html).
    Eine Studie der Stiftung Demokratische Jugend und der Jugend- und Familienstiftung des Landes Berlin kommt ebenfalls zu dem Ergebnis, dass das Internet und soziale Netzwerke heutzutage für Kinder und Jugendliche dazugehören und nicht mehr wegzudenken sind. Die Jugendzentren erhalten durch die Online-Jugendarbeit einen Einblick in die Interessen der Jugendlichen und sollten dies als Chance sehen, um die Jugendarbeit im Allgemeinen zu verbessern. Es bedarf hier der Kommunikation auf einer neuen Ebene, der sich die Einrichtungen nicht verschließen sollten (http://jugendnetz-berlin.de/de-wAssets/docs/04jugendarbeit/Studie_Jugendarbeit_Online_Endfassung.pdf).
    Der Blogbeitrag stellt treffend dar, dass es zukünftig also vor allem auf eine gelungene Kombination zwischen virtuellen und realen Jugendzentren ankommt. Jugendzentren sollten sich daher so gut wie möglich anpassen, ein komplettes Ersetzen durch rein virtuelle Gegebenheiten erscheint aber quasi unmöglich. Eine stärkere Vernetzung der Einrichtungen untereinander kann ebenfalls behilflich sein um den zukünftigen Herausforderungen gerecht zu werden.
    Es bleibt somit abzuwarten, ob den Jugendtreffs auch zukünftig aufgrund der im Blogbeitrag beschriebenen gesellschaftlichen Veränderungen auch weiterhin die Bedeutung zukommt, die sie verdienen. Wünschenswert wäre es in jedem Fall.

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