Ein Gespenst geht um – Altersarmut trotz privater Vorsorge?

„Seit Jahren wird es uns eingebläut: Nur wer privat vorsorgt, kann seinen Lebensstandard im Alter halten. Eine ausreichende gesetzliche Rente sei unbezahlbar. Nun aber zeigt sich, auch mit der privaten Vorsorge klappt es nicht wie geplant.“ (Siehe DasErste.de „plusminus“ Videobeitrag vom 09.09.2015)

„Altersvorsorge ist wichtig“ so wurde es mir schon während meiner Ausbildung zum Bankkaufmann Mantra artig eingetrichtert. Schon zu Beginn meiner Ausbildung im Jahre 1999 suggerierten mir Hochglanz Broschüren unserer Partnergesellschaft mit Schwerpunkt Investmentsparplänen neben den mehr oder weniger klugen Ratschlägen meiner Kollegen in der hiesigen Bankfiliale vor Ort, dass der Staat all diejenigen mit einer jährlichen Zulage belohnen würde, die bereits schon während des Erwerbslebens einen geringen Teil ihres Einkommens in staatlich geförderte Altersvorsorgefinanzinstrumente investieren würde. Im Jahr 2001 wurde dann aus der noch lapidar bezeichneten Sparform „PrivateVorsorge“ dann das „Riester-Sparen“. Mit plakativen Sprüchen wie: „Kleiner Beitrag – große Wirkung“ oder „Schutz vor Hartz-IV“ sowie „Lebenslange Rente“ war ich damals davon überzeugt, das Richtige getan zu haben.

Als Bonbon gab es dann noch ein paar extra Taler meines Arbeitgebers in Form von vermögenswirksamen Leistungen dazu. Im Grunde konnte ich gar nicht nein sagen. Fortan bin ich also Teil der millionenfachen „Riester-Spargemeinde“, die im guten Glauben eine private Vorsorge als kleine Zusatzrente für sich selbst abgeschlossen zu haben „riestern“. Ob das reichen wird meinen Lebensstandard bei Renteneintritt in zurzeit prognostizierten ca. 30 bis 40 Jahren zu halten? Wie steht es um das Altersarmutsrisiko insgesamt in Deutschland? Werde ich einmal von Altersarmut betroffen sein? Und ist Rentenpolitik nur für Rentner interessant? Folgen Sie mir auf eine kurze Reise durch unser Rentensystem der Altersarmut auf der Spur…

 

Deutschland: Stärkstes Rentenplus seit 23 Jahren.

Siehe: Karikatur von Paolo Calleri

Ein kleiner Exkurs in die Vergangenheit offenbart uns den Status Quo unseres Wohlfahrtstaates in Deutschland…

…in dem alles seinen Anfang Ende des 19. Jahrhunderts nahm. Die Entstehungsgeschichte der deutschen Sozialgesetzgebung, kurzum der Wohlfahrtsstaat Deutschland, so wie wir ihn heute kennen, wurde zu der Zeit durch die Einführung der Bismarckschen Sozialversicherungen zur Absicherung der Risiken Krankheit, Berufsunfall, Alter und Invalidität, auf den Weg gebracht. (Kaufmann 2003: 270)

Der damalige Reichskanzler Otto von Bismarck reagierte mit der Etablierung dieser sogenannten „Arbeiterversicherungen“ auf die im 19. Jahrhundert andauernden sozialen Unruhen der Arbeiterschaft als Reaktion auf die schlechten Bedingungen in den Fabriken mit 12 bis 14 Stunden Arbeitszeit pro Tag, Sonntagsarbeit sowie einem gesundheitsgefährdenden Arbeitsumfeld. (Draheim 2005: Website der DHM zur Sozialgesetzgebung in Deutschland)

So wurde dann auch im Jahre 1914, wie auf dem folgenden Plakat zu sehen ist, voller Stolz verkündet, wie gut es um die deutsche Sozialversicherung im weltweiten Vergleich im Zeitraum von 1885 bis 1913 bestellt sei. Dieses Plakat verdeutlicht meiner Meinung nach auf sehr anschauliche Weise, dass soziale Stabilität, Familie und Loyalität zum Staat bereits im 19. Jahrhundert als oberste schützenswerte Güter in Deutschland angesehen wurden. (Giddens, Fleck, Egger de Campo 2009: 535)

Siehe: Website des DHM (Deutsches Historisches Museum)

 

So funktioniert die Alterssicherung heute knapp 130 Jahre nach Einführung der deutschen Rentenversicherung.

Um später einmal in den Genuss einer möglichst lebensstandardwahrenden Rente kommen zu können, baut das deutsche Alterssicherungsmodell heute grundsätzlich auf das 3-Säulen-System. (siehe Website: Bäcker, Kistler 2016: für bpb.de) Der Löwenanteil von ca. 75 Prozent der Altersversorgung soll demnach nach durchschnittlich 45 Beitragsjahren durch die gesetzliche Rentenversicherung getragen werden.

Vereinfacht dargestellt soll die rechnerische Versorgungslücke von 25 Prozent dann wiederum entweder durch eine private Altersversorgung – u.a. Riester-Renten sparen in Form einer staatlich geförderten Lebensversicherung, Banksparplänen, Fonds etc. – und/ oder durch eine betriebliche Altersversorgung geschlossen werden. (siehe Websites: Bäcker, Kistler 2016: für bpb.de und Aschauer 2016: einfach-rente.de)

Positiv können sich zudem individuelle Lebensleistungen, z.B. Einkommensanstieg im Erwerbsleben und Kinder, auf die tatsächliche Rentenhöhe auswirken. Der Generationenvertrag ist zudem die Basis dafür, dass die jeweiligen Erwerbstätigen Beiträge in die Rentenkasse einzahlen, die dann wiederum im Umlageverfahren an die Rentner in Form einer individuellen Altersrente ausgezahlt werden. (siehe Website: Aschauer 2016: einfach-rente.de)

Siehe: Website der Pajoas GmbH – einfach-rente.de

 

Vor welchen Herausforderungen steht der Generationenvertrag gegenwärtig und in Zukunft?

Der Generationenvertrag funktioniert so, dass die erwerbstätigen Beschäftigten Monat für Monat Beiträge an die gesetzliche Rentenkasse zahlen, welches das Geld nicht anspart, sondern gleich wieder an die Rentner im Umlaufverfahren auszahlt. (Aschauer 2013: einfach-rente.de) Sofern die Einnahmen dann nicht ausreichen, übernimmt der Staat das Defizit und deckt dieses mit Steuereinnahmen.

Im Kontext der immer weniger neugeborenen Kinder und des damit verbundenen Bevölkerungsrückgangs erhöht sich die Rentenlast der künftigen Erwerbstätigen. (Aschauer 2013: einfach-rente.de) Die Bevölkerungsvorausberechnung des statistischen Bundesamtes lässt den Rückschluss zu, dass die Anzahl der geborenen Kinder in Deutschland von Jahr zu Jahr weiter sinken wird. (Aschauer 2013: einfach-rente.de) Hält diese Entwicklung an, so wird es im Jahr 2060 voraussichtlich nur noch 465.000 geborene Kinder geben, was gleichzeitig das Verhältnis Beschäftigte zu Rentenempfängern dramatisch verändern würde. (Aschauer 2013: einfach-rente.de) Wurde im Jahr 1955 die monatliche Rente für einen Rentner von damals soliden 5 Beschäftigten geschultert, so werden im Jahr 2030 wahrscheinlich nur noch 2 Beschäftigte da sein, um für die Rentenlast eines Rentners aufzukommen. (Aschauer 2013: einfach-rente.de)

Die Knackpunkte der gesetzlichen Rentenversicherung sind geradezu polymorph: Geburtenrückgänge, höhere Lebenserwartung, längere Rentenbezugsdauer und zunehmend Brüche in der Erwerbsbiografie mit der Folge unregelmäßiger Rentenbeitragszahlungen. (Aschauer 2013: einfach-rente.de)

Siehe: Website der Pajoas GmbH – einfach-rente.de

 

Neben dem prognostizierten Bevölkerungsrückgang, der sich negativ auf die Verteilung der Rentenlast – wenige Beitragszahler für mehr Rentenempfänger – auswirken wird, steht der deutsche Sozialstaat vor einer weiteren Herausforderung. Der wachsenden Altersarmut.

Warum gibt es bereits Altersarmut in Deutschland und wann gilt ein Haushalt in unseren Landen als armutsgefährdet? Wie hoch ist derzeit die monatliche Standardrente in Deutschland?

Siehe: Karikatur von Mandzel

Im November 2017 berichtete das statistische Bundesamt darüber, dass mit einem Bevölkerungsanteil von 19,7 Prozent jeder fünfte in Deutschland, in absoluten Zahlen ausgedrückt 16 Millionen Menschen von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht seien. (Destatis 2017: Website des statistischen Bundesamtes)

Grundsätzlich ist jemand von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht, wenn das Einkommen unter der Armutsgefährdungsgrenze liegt, der eigene Haushalt von erheblicher materieller Entbehrung betroffen oder die Person in einem Haushalt mit sehr geringer Erwerbsbeteiligung lebt. (Destatis 2017: Website des statistischen Bundesamtes) Dabei reicht schon eines der zuvor drei genannten Lebenssituationen aus, um von Armut gefährdet zu sein.

Offiziell gilt eine Person nach der EU-Definition für EU-SILC als armutsgefährdet, wenn sie über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung verfügt (sogenannter Schwellenwert der Armutsgefährdung). 2016 lag dieser Schwellenwert für eine alleinlebende Person in Deutschland bei 1 064 Euro im Monat, für zwei Erwachsene mit zwei Kindern unter 14 Jahren bei 2 234 Euro im Monat. (Destatis 2017: Website des statistischen Bundesamtes)

Von erheblicher materieller Entbehrung betroffen sind Personen, die aufgrund fehlender finanzieller Mittel so eingeschränkt sind, dass zum Beispiel Rechnungen für Miete, Hypotheken oder Versorgungsleistungen nicht bezahlt, Wohnungen nicht angemessen beheizt werden können oder selbige nicht in der Lage sind zumindest eine einwöchige Urlaubsreise zu finanzieren. (Destatis 2017: Website des statistischen Bundesamtes)

Ein Haushalt mit sehr niedriger Erwerbsbeteiligung liegt vor, wenn unter 60-Jährige in Haushalten leben, in denen die tatsächliche Erwerbsbeteiligung der erwerbsfähigen Haushaltsmitglieder im Alter von 18 bis 59 Jahren insgesamt weniger als 20 Prozent beträgt. (Destatis 2017: Website des statistischen Bundesamtes)

Der Anteil der Bevölkerung in der Altersgruppe 65 Jahre und älter, welcher von Armut oder sozialer Ausgrenzung gefährdet ist, stieg von 17,2 Prozent (2015) auf 18,3 Prozent (2016) an. (Destatis 2017: Website des statistischen Bundesamtes) Oft bedeutet Armut im Alter für die Älteren, sich dauerhaft in eine Abhängigkeit staatlicher Fürsorgeleistungen – meist Grundsicherung – begeben zu müssen, aus der sie nicht mehr so leicht aus eigener Kraft wieder entfliehen können, weil die naheliegende Lösung – Wiederaufnahme einer Erwerbstätigkeit – älteren Menschen häufig verwehrt wird. (Börsch-Supan, Gasche, Lamla 2013: bpb.de)

Was kann ein Rentner grundsätzlich als Standardrente erwarten? Basierend auf der Definition der Deutschen Rentenversicherung (DRV) wird unter Standardrente die monatliche Regelaltersrente eines Versicherten in der allgemeinen Rentenversicherung, der 45 Jahre lang kontinuierlich Entgelt in Höhe des Durchschnittsentgelts aller Versicherten bezogen hat, verstanden. (Rentenversicherung in Zahlen 2017: 10 – DRV) Im Jahresdurchschnitt betrug die monatliche Standardrente der DRV im Jahr 2017 monatlich 1.418 Euro (brutto) und 1.263 Euro (netto vor Steuern). Abzüglich der Sozialabgaben und Steuern bleiben dann noch gut 1.200 Euro zum Leben übrig. (siehe: Website daserste.de – Rentenrechner)

Die Bertelsmann Stiftung hat in ihrer Studie im Juni 2017 zum Thema Entwicklung der Altersarmut festgestellt, dass insbesondere der Wandel der Arbeitswelt die Altersarmut steigen lassen würde. Eine Vielzahl von Faktoren können dafür verantwortlich sein, dass in Deutschland Menschen im Alter von Armut gefährdet sein werden. Zu diesen Faktoren wurden in der Bertelsmann Stiftung Rentenreformen der letzten Jahre, später Arbeitseinstieg, Teilzeitbeschäftigung, Leiharbeit, Solo-Selbstständige, Mini-Jobs, unstete Arbeitsverhältnisse und Brüche in der Erwerbsbiografie benannt. (Schiller 2017: Website der Bertelsmann Stiftung) Also immer dann, wenn verschiedene Lebensumstände dazu führen, dass Personen nicht in angemessener Höhe oder gar ganz darauf verzichten Rentenbeiträge zu zahlen, ist man der Altersarmut ein Schritt näher.

Ich selbst habe auch die Erfahrung gemacht, dass in meinem Bekanntenkreis immer mehr Personen nur befristete Verträge haben, Mini-Jobs nachgehen oder aus verschiedensten Gründen Phasen der Erwerbslosigkeit und niedrige Löhne hinnehmen müssen. Ich selbst war 15 Jahre lang über befristete Verträge bei verschiedenen Arbeitgebern im Büro angestellt, bevor ich seit nunmehr drei Jahren unbefristet im öffentlichen Dienst einem Bürojob nachgehe.

Im Übrigen verweist die Studie der Bertelsmann Stiftung darauf, dass auch Abitur und ein Uni-Abschluss nicht vollkommen vor Altersarmut schützen. Dennoch werden sehr wahrscheinlich auch in Zukunft niedrig Qualifizierte stärker von Altersarmut betroffen sein als Personen mit Berufsausbildung oder Hochschulabschluss. (Schiller 2017: Website der Bertelsmann Stiftung)

 „Wir brauchen weitere Reformen für den Ruhestand: Wenn die Babyboomer-Generation in Rente geht, könnte es zu einem bösen Erwachen kommen. Um das Rentensystem zukunftsfest zu gestalten, müssen wir es heute an die veränderten Rahmenbedingungen der Arbeitswelt anpassen.“ (De Geus 2017: Website der Bertelsmann Stiftung)

Es bleibt spannend, was die deutsche Politik in Zukunft hinsichtlich einer ehrlichen Rentenreform auf den Weg bringen wird. Für mich wird jetzt schon deutlicher, dass ich mich offensichtlich allein auf die gesetzliche Rente nicht werde verlassen können.

 

Welcher Grundgedanke steht nun hinter der Riester-Rente als private Altersversorgung und wie soll damit die erwartete Versorgungslücke geschlossen werden?

Siehe: Karikatur zur Riester-Rente von Pohlenz

Wenn eine junge Familie mit zwei Kindern nun 1.200 Euro pro Jahr sparen würde, wobei sich der Staat großzügig daran beteiligen und somit nur gut 400 Euro jährlich selbst von der Familie zu tragen seien, dann hätte die Familie bei Rentenbeginn angeblich 250.000 Euro Kapital zur Verfügung. (Balodis, Hühne 2013: 12-13) Für diese Berechnung wird davon ausgegangen, dass dem Haushalt dieser Familie ein jährliches Bruttoeinkommen von 30.000 Euro, was wiederum einem Monatseinkommen von brutto 2.500 Euro entspricht, zur Verfügung steht. Würde die Familie nun davon 4 Prozent inklusive der staatlichen Förderung sparen, entspräche dies einer monatlichen Sparrate von 100 Euro, was aufs Jahr gesehen dann 1.200 Euro ergibt. Nach der Riester-Modellrechnung würde die Familie nach 37 Jahren bei einer stetigen Jahressparrate von 1.200 Euro in einen entsprechenden Investmentfondssparplan und einer dazu angenommen jährlichen Rendite von gigantischen 7,8 Prozent bei Renteneintritt das Kapital in Höhe von 250.000 Euro erhalten. (Balodis, Hühne 2013: 12-13) Die tatsächliche Rendite betrug in den vergangen 10 Jahren hingegen nur moderate 3,0 Prozent (Stand 31.05.2012). Die Rendite wird also nicht stetig auf hohen Niveau gehalten werden können, sondern unterliegt tatsächlich Marktschwankungen.

Sobald das Kindergeld beider Kinder dann auch nicht mehr gezahlt werden, entfällt auch die eingangs einkalkulierte Kinderzulage. Somit ist davon auszugehen, dass nach ca. 21 Jahren der Eigenanteil von 400 auf dann 900 Euro pro Jahr ansteigen muss, um entsprechend die Differenz zu 1.200 Euro als staatliche Förderung zu erhalten, falls sich an den Einkommensverhältnissen der Eltern in den 37 Jahren Ansparphase nichts ändern sollte. Zudem geht Riester ebenso davon gewagt aus, dass sich in dem Modell nichts an den Lebensverhältnissen (Arbeitslosigkeit, Scheidung oder Erwerbstätigkeit der Ehefrau) ändert. Nach den 37 Jahren können die Sparer wohl froh sein, wenn sie die garantierten Beiträge bei Renteneintritt in Höhe von 44.400 Euro auch erhalten werden. (Balodis, Hühne 2013: 12-13)

Was bedeutet das für mich? Ich bin verheiratet und habe ein Kind. Meine Frau arbeitet als Angestellte in Teilzeit. Wir beide haben einen eigenen Investmentfondssparplan und zahlen einen geringen Teil unseres Einkommens dort staatlich gefördert ein. Sich einzig und allein auf die Gesetzliche und die Riester-Rente zu verlassen, kam für mich schon vor über 10 Jahren nicht in Frage. Die wichtigste Altersvorsorge für mich ist das Eigenheim. Da sind meine Frau und ich offensichtlich geprägt von unseren Eltern, die ebenfalls in jungen Jahren in Eigenheim investierten und jetzt ihr Rentendasein schuldenfrei und im „goldenen dritten Alter“ 60+ weitestgehend unbeschwert fristen. (Giddens, Fleck, Egger de Campo 2009: 171) Als Angestellter im öffentlichen Dienst kann ich zudem bei Renteneintritt von der Auszahlung einer Betriebsrente ausgehen. Die Riester-Rente ist für mich persönlich also eher eine nicht essentielle, staatlich geförderte Zusatzrente.

Ob die Riester-Rente hingegen bei Erwerbstätigen, die auf jeden Euro für den Lebensunterhalt angewiesen sind, ihren Zweck erfüllt, um die erwartete Versorgungslücke in der Zukunft zu schließen, darf bezweifelt werden. Offensichtlich war diese Art der privaten Altersversorgung von Anfang an darauf ausgerichtet, denjenigen denen es ohnehin schon ökonomisch gesehen bessergeht, den Renteneintritt zu Versüßen. Was ist mit denjenigen, die auf diese Zusatzrente später tatsächlich angewiesen sein werden? Da wird die Politik in Zukunft nachbessern müssen.

 

Was ist dran an Altersarmut im konservativ-korporatistischen Deutschland?

Der dänische Politikwissenschaftler und Soziologe Gøsta Esping-Andersen ordnete Deutschland im Jahre 1990 in seinem Werk „The Three Worlds of Welfare Capitalism“ dem konservativ-korporatistischen Wohlfahrtsstaatsregime zu.

„Diese Art des Wohlfahrtsstaatregimes ist nicht auf die Beseitigung der Ungleichheit ausgerichtet, sondern auf die Aufrechterhaltung der sozialen Stabilität, der Familie und die Loyalität zum Staat.“ (Giddens, Fleck, Egger de Campo 2009: 535)

Siehe: Karikaturen von Klaus Stuttmann und Schwarwel

In der Generali Altersstudie 2017 wurden ältere Menschen in Deutschland befragt, wie sie selbst ihre eigene wirtschaftliche Lage beurteilen. Dazu wurde die Frage gestellt: „Als Rentner erhält man ja in der Regel weniger Geld als ein Berufstätiger. Einmal unabhängig davon, ob Sie selbst der Hauptverdiener waren oder nicht: Wie war das, als der Hauptverdiener in Ihrem Haushalt in Rente gegangen ist: Haben Sie sich aus diesem Grund sehr oder etwas einschränken müssen, oder haben Sie sich kaum oder gar nicht einschränken müssen?“ (Generali Deutschland AG 2017: 51)

Der überwiegende Teil der Befragten – 65- bis 85-Jährige – ist der Meinung, sich kaum bis etwas einschränken zu müssen, seitdem der Hauptverdiener in Rente gegangen ist. Für Viele kommt dieser Einschnitt nicht unerwartet.

Dennoch gibt es auch einige Beispiele, die zeigen, welche dramatischen Auswirkungen eine unzureichende Rente auf die Lebenssituation von Einzelnen haben kann.

„Man könnte sagen, Mammutwellen sind ein Dreck dagegen. Als ich amtlicherseits stillgelegt worden bin, bin ich finanziell in ein fürchterliches Loch gefallen. Ich hatte plötzlich mehr als die Hälfte weniger als vorher zur Verfügung. Deswegen musste ich mein Haus verkaufen, weil das Haus hat mich im Monat mehr als 1000 Euro gekostet, und ich habe eine Rente von 1200 Euro, und davon soll man auch noch ein Auto halten, weil ohne Auto kannst du ja heute kaum noch was anfangen (Mann, 72 Jahre, alleinstehend).“  (Generali Deutschland AG 2017: 52)

„Was heißt einschränken? Ich bin zur Tafel gegangen (Mann, 70 Jahre, mit Partnerin)!“ (Generali Deutschland AG 2017: 52)

Ich persönlich stelle bei meiner täglichen Fahrt mit der S-Bahn zu meiner Arbeit hin und wieder nach Hause zurück regelmäßig fest, dass – überwiegend ältere Menschen – die Müllbehälter an den Bahnsteigen nach verwertbaren Gut – meist Pfandflaschen – durchsuchen. In einem vermeintlich reichen Land wie Deutschland wirkt diese sich wiederholende Szenerie äußerst befremdlich auf mich. Ich frage mich immer wieder aufs Neue, wie nah am Existenzminimum Menschen auch in unserem Land sein müssen, um gezwungen zu sein, ihren Lebensunterhalt mit Pfandflaschen aufzuwerten. Spätestens jetzt begreife ich, dass Armut in Deutschland real ist und unser System neben den Gewinnern auch zahlreiche Verlierer erzeugt. Wann fühlt sich der Staat verantwortlich, tatsächlich (Alters-)armut aktiv zu verhindern?

 

Sozioökonomische Startbedingungen begünstigen Altersarmut – Was kann der Staat tun, um Altersarmut (nachhaltig) zu vermeiden?

Siehe: Karikatur von Kostas Koufogiorgos

Im Jahr 2013 wurde zum Thema Altersarmut in Deutschland ein Diskussionspapier durch die Bundeszentrale für politische Bildung veröffentlicht, welches Position zum Thema Vermeidung von Altersarmut bezog. Unterschieden werden dabei zunächst kurative und präventive politische Maßnahmen. Präventive Maßnahmen – z.B. im Bildungssystem, der allgemeinen Wirtschaft-, Integrations- und Arbeitsmarktpolitik – wären dann solche, die verhindern, dass Altersarmut überhaupt erst entsteht. (Börsch-Supan, Gasche, Lamla 2013: bpb.de) Auch im Alter gilt, das beste Mittel gegen Armut ist die Erwerbstätigkeit, die wiederum an Wahrscheinlichkeit zunimmt, je besser ausgebildet eine Person ist, je beschäftigungsfreundlicher der Arbeitsmarkt – auch hinsichtlich der Wiedereingliederung der Älteren – gestaltet und je besser das gesamtwirtschaftliche Umfeld ist. (Börsch-Supan, Gasche, Lamla 2013: bpb.de)

Jegliche Politik, die für einen hohen Beschäftigungsstand und eine hohe Erwerbsbeteiligung sorgt, ist gleichzeitig auch Armutsvermeidungspolitik, weil Erwerbstätigkeit dazu führt, dass Altersvorsorge in der gesetzlichen Rentenversicherung betrieben wird oder Mittel vorhanden sind, selbst für das Alter vorsorgen zu können. (Börsch-Supan, Gasche, Lamla 2013: bpb.de)

Um einerseits zu vermeiden, dass eine Vielzahl von Personen ohne Bildungsabschluss in den Niedriglohnsektor oder gar in die Arbeitslosigkeit abrutschen und andererseits zum Personenkreis der von Altersarmut besonders gefährdeten von Übermorgen zu entgleisen, spielt insbesondere die Bildung eine entscheidende Rolle, indem vor allem das Bildungsniveau bei Kindern von Eltern im unteren Einkommensbereich gesteigert und damit das Risiko der Altersarmut insgesamt reduziert wird. (Börsch-Supan, Gasche, Lamla 2013: bpb.de)

Leider werden in der politischen Debatte zur Bekämpfung von Altersarmut viel zu oft kurative Maßnahmen – wie Zuschussrente (z.B. nach dem Riester-Modell), Solidarrente, Garantierente oder Lebensleistungsrente – in Erwägung gezogen, die nicht die Wurzel des Problems – Steigerung des Bildungsniveaus zur Erhöhung der Erwerbstätigkeit – anpacken, sondern lieber symptomatisch der Versuch unternommen wird, durch verschiedene Zusatzbausteine im Rentensystem dafür zu sorgen, dass die gesetzliche Rente gerade soeben zusammen mit der Maßnahme über dem Grundsicherungsniveau liegt. (Börsch-Supan, Gasche, Lamla 2013: bpb.de) Schließlich käme es bei den Wählern nicht gut an, wenn eine Person, die ein Leben lang im Niedriglohnsektor brav seine Beiträge in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen würde und bei Renteneintritt dann eine Rente in gleicher Höhe bekommen würde, wie eine Person die nie ins Rentensystem eingezahlt hat. (Börsch-Supan, Gasche, Lamla 2013: bpb.de)

 

Für ein besseres Morgen – Meine Rente 2.0

Auf meiner Reise durch das deutsche Rentensystem auf der Spur Altersarmut in Deutschland zu verstehen, ist mir so einiges aufgefallen. So ist es zwar schön, dass wir überhaupt eine staatlich organisierte Alterssicherung in Form der gesetzlichen Rentenversicherung haben, nur die Basis – der Generationenvertrag – gilt mit Blick auf den Bevölkerungsrückgang als überholt und sollte dringend reformiert werden. Zudem ist Armut, ob nun im Alter oder auch schon im erwerbsfähigen Alter real. Ich bin davon überzeugt, dass Maßnahmen zur Steigerung des Bildungsniveaus mit dem Ziel die Erwerbstätigkeit insgesamt zu erhöhen, gleichzeitig auch in einer ehrlichen Armutsvermeidungspolitik münden werden.

Mir ist klar geworden Rentenpolitik geht uns alle an und als beste Altersvorsorge erscheint mir persönlich ein Mix aus Bildung, unbefristete Erwerbstätigkeit (natürlich im öffentlichen Dienst), Eigenheim und privater Vorsorge. Für meine Rente 2.0 bin ich zuallererst selbst verantwortlich! Wer weiß denn jetzt schon, was die gesetzliche Rentenversicherung mir in 30 bis 40 Jahren einmal auszahlen wird…?

Also wartet nicht länger darauf, dass der Staat alles alleine für euch in Zukunft bereithalten wird können, sorgt vor!

 

Siehe: Karikatur von Mandzel

 

Literatur-und Quellenverzeichnis

Aschhauer, Robert für Pajoas GmbH, Generationenvertrag: Die demografische Krise der Rentenversicherung, https://www.einfach-rente.de/generationenvertrag, ohne Ort, 2013.

Aschhauer, Robert für Pajoas GmbH, So funktioniert die neue Alterssicherung (Rente) in Deutschland (Rentenreform 2030+), https://www.einfach-rente.de/alterssicherung-rente-in-deutschland-rentenreform-2030, ohne Ort, 2016.

Bäcker, Gerhard/Kistler, Ernst, Das 3-Säulen-System der Alterssicherung in Deutschland im Überblick, https://www.bpb.de/politik/innenpolitik/rentenpolitik/222498/3-saeulen-system-der-alterssicherung, ohne Ort, 2016.

Balodis, Holger/Hühne, Dagmar, Die Vorsorge Lüge – Wie Politik und private Rentenversicherungen uns in die Altersarmut treiben, S. 12-13, Berlin 2013.

Börsch-Supan, Axel/Gasche, Martin/Lamla, Bettina, Anmerkungen zur Diskussion über Altersarmut, http://www.bpb.de/apuz/153127/anmerkungen-zur-diskussion-ueber-altersarmut?p=all, ohne Ort, 2013.

Deutsche Rentenversicherung Bund, Rentenversicherung in Zahlen 2017, https://www.deutsche-rentenversicherung.de/cae/servlet/contentblob/238692/publicationFile/61815/01_rv_in_zahlen_2013.pdf, Berlin 2017.

Das Erste, „Geld-Check“, Abzüge von der Rente selbst ausrechnen, Rentenrechner, http://www.daserste.de/information/ratgeber-service/geldcheck/abzuege-von-der-rente-selbst-ausrechnen-100.html, ohne Ort, 2016.

Das Erste, Wirtschaftsmagazin „plusminus“, http://www.daserste.de/information/wirtschaft-boerse/plusminus/videos/altersarmut-trotz-privater-vorsorge-100.html, ohne Ort, 2015.

De Geus, Aart, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung zum Thema: Wandel der Arbeitswelt lässt Altersarmut in Deutschland steigen, https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/themen/aktuelle-meldungen/2017/juni/wandel-der-arbeitswelt-laesst-altersarmut-steigen/, Gütersloh 2017.  

Draheim, Katharina, Deutsches Historisches Museum (DHM), Sozialgesetzgebung, https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/innenpolitik/sozialgesetzgebung.html, Berlin 2005.

Kaufmann, Franz-Xaver, Varianten des Wohlfahrtsstaates, S. 270, Frankfurt am Main 2003.

Köcher, Renate/Sommer, Michael für Generali Deutschland AG, Generali Altersstudie 2017, S. 51-52, Köln 2017.

Giddens, Anthony/Fleck, Christian/Egger de Campo, Marianne, Soziologie, Graz/Wien 2009.

Schiller, Christof für Bertelsmann Stiftung, Wandel der Arbeitswelt lässt Altersarmut in Deutschland steigen, https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/themen/aktuelle-meldungen/2017/juni/wandel-der-arbeitswelt-laesst-altersarmut-steigen/, Gütersloh 2017.

Statistisches Bundesamt, www.destatis.de, 19,7% der Bevölkerung von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht, https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/2017/11/PD17_392_634.html, Wiesbaden 2017.

Anmerkung

Aus Gründen der Praktikabilität und zugunsten des Leseflusses wurde in diesem Blog darauf verzichtet männliche und weibliche Begriffsformen hervorzuheben.

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2 Kommentare zu Ein Gespenst geht um – Altersarmut trotz privater Vorsorge?

  1. Fedele F. sagt:

    Hallo Felias F.,
    ich habe deinen Blogartikel ausführlich gelesen und mir darüber Gedanken gemacht. Das durch dich gewählte Thema hat, aus meiner Sicht, eine sehr große gesellschaftliche Relevanz und eine immerwährende Aktualität.
    Ich selbst habe mir schon häufig die Frage gestellt, ob ich auch alles tue bzw. getan habe, um mich und meine Familie im Alter abzusichern. Insbesondere wenn das jährliche Beratungsgespräch mit unserem Versicherungsmakler oder unserer Bankberaterin ansteht. Immer wieder ertappe ich mich dabei, dass ich mich zwar versuche auf das Thema vorzubereiten, aber mich häufig im Dschungel des Internets oder in der Flut der Information verliere. Aus diesem Grund habe ich deinen Blog mit großem Interesse gelesen.
    Der Einstieg in deinen Blogartikel durch ein Zitat und eine persönliche Geschichte hat mir sehr gut gefallen. Zum einen zeigt dein gewähltes Zitat, dass es einen grundlegenden Gegensatz zwischen der staatlichen und gesetzlichen Rente gibt und zum anderen, dass sich dieser in den letzten Jahren noch weiter vergrößert hat bzw. er sich zukünftig auch noch weiter vergrößern wird. Abgerundet wird der Einstieg durch deine persönliche Geschichte, die dich einerseits als Experten auf diesem Themengebiet enthüllt, andererseits aber auch deutlich macht, welche Entwicklung das Thema allein in deinem Interessens- und Bewusstseinsfeld in den letzten 19 Jahren eingenommen und sich verändert hat.
    Den Aufbau deines Artikels finde ich logisch und die gewählten Unterkapitel passend. Dein Forschungsgegenstand wird deutlich. Es handelt sich bei der vorliegenden Betrachtung um die Erläuterung der Rente (staatlich/privat) und ihrer aktuellen Herausforderungen auf der einen Seite und dem Problem der Altersarmut auf der anderen. Den Zusammenhang zwischen beiden Begriffen stellst du im Verlauf deines Blogartikels anschaulich dar.
    Du verwendest häufig persönliche Beispiele oder beschreibst Erfahrungen und Gedanken, die dich entweder bereits vor der Bearbeitung des Artikels bewegt haben, oder erst während der Beschäftigung mit dem Thema entstanden sind. Hierdurch machst du das Thema für den Leser greifbarer und weniger Komplex.
    Häufig versuchst du Lösungsansätze für die durch dich angesprochenen Probleme einzufügen. Dabei handelt es sich teilweise um bereits etablierte bzw. neu eingeführte Maßnahmen der Politik oder um Lösungsmöglichkeiten, die du dir selbst überlegt hast. Diese Herangehensweise ist gut, da du dem Leser hier einige Möglichkeiten anbietest, aber auch noch Freiraum für eigene Gedanken / Lösungsansätze zulässt.
    Die durch dich im letzten Abschnitt aufbereitete Zusammenfassung ist lebendig geschrieben, enthält gute Beispiele und folgt einem logischen Aufbau / einer nachvollziehbaren Argumentation. Sie enthält ein gutes Extrakt der durch dich ermittelten Forschungsergebnisse. Des Weiteren liefert sie ggf. die Musterlösung für das Problem: ein hohes Bildungsniveau als Schlüssel zur Verhinderung von Altersarmut.
    Dein Apell am Ende des Artikels verdeutlicht nochmals die Verantwortung eines jeden Bürgers in Bezug auf diese Problematik. Der Staat kann bei der Linderung des Problems unterstützen, aber nicht vollkommen die Verantwortung dafür übernehmen. Jeder ist hier in erster Linie für sich selbst verantwortlich und hat die Möglichkeit, sich durch eine kontinuierliche Aus- und Weiterbildung zu qualifizieren und damit die individuelle Chance dem Problem der Altersarmut eigenständig entgegen treten zu können.

    Viele Grüße,
    Fedele F.

  2. Fabianus F. sagt:

    Der Artikel ist sehr aufschlussreich! Es scheint so, als müsste neben der gesetzlichen Altersabsicherung noch Einiges investiert werden, damit eine finanzielle „Wohlfühlatmosphäre“ auch im Alter herrscht. Mir ist neben den ausführlichen Darstellungen zur Altersarmut trotz privater Vorsorge noch ein weiterer Gedanke durch den Kopf gegangen.
    Sind Frauen eigentlich in Bezug auf die Altersarmut besonders betroffen?
    Das Ergebnis sieht verheerend aus! Laut Alterssicherungsbericht 2012 des Arbeitsministeriums verfügen Frauen ab 65 Jahren im Schnitt über ein Nettoeinkommen von 1.027 Euro, Männer über 1.695 Euro. Die durchschnittlichen eigenen Altersrenten von Frauen in Westdeutschland betragen sogar nur 500 Euro im Monat (Zeit, Altersvorsorge der Frauen: 2016). Im Osten, wo zu DDR-Zeiten Frauen wie Männer gleichermaßen erwerbstätig waren, ist der Unterschied beim Altersgeld kleiner (Deutschlandfunk, Altersarmut bei Frauen: 2001).
    Neben Langzeitarbeitslosen und Niedrigqualifizierten ist für alleinstehende Frauen das Altersarmutsrisiko am höchsten. Bei alleinstehenden Frauen steigt die Grundsicherungsquote zwischen 2015 und 2036 von 16 auf fast 28 Prozent. Somit wäre künftig fast jede dritte alleinstehende Neurentnerin auf finanzielle Unterstützung vom Staat angewiesen (Bertelsmann-Stiftung: 2017).
    Die Gründe für die besondere Betroffenheit der Frauen sind die Unterschiede in der Rentenvorsorge. Während Frauen in ihrem Berufsleben häufiger zugunsten der Kinder pausieren oder nur Teilzeit arbeiten, erwerben sie durchschnittlich weniger Rentenansprüche als Männer. Zwei Drittel der 7,3 Millionen Minijobber in Deutschland sind laut Arbeitsamtsstatistik weiblich. Die meisten gehen dieser Form der Beschäftigung nach, weil diese ihnen am ehesten eine Vereinbarkeit ihrer familiären Verpflichtungen und wenigstens eine minimale Erwerbstätigkeit bietet. Die allermeisten bleiben in den sogenannten 450 Euro-Jobs hängen, wie eine Studie des Familienministeriums belegt. (bmfsfj, Frauen im Minijob: 2012). Im Schnitt bekommen Frauen in Deutschland für 20 Jahre Teilzeitarbeit nur 220 bis 270 Euro Rente im Alter (Zeit, Altersvorsorge: 2016).
    Der Staat ist an diesem Umstand nicht ganz unschuldig. Er fördert diesen, weil er per Gesetzgebung Fehlanreize schafft. Hier liegt ein strukturelles Problem vor. Durch die beitragsfreie Krankenversicherung für Ehepartner und durch das Ehegattensplitting wird die Alleinverdiener-Ehe bis heute steuerlich hoch subventioniert. Wenn das Modell Ehe scheitert – in Deutschland wird gut jede zweite Ehe geschieden – werden Frauen durch das 2008 geänderte Unterhaltsgesetz schwer bestraft.
    Weiter kommt noch dazu, dass Frauen nach wie vor schlechter verdienen als Männer, was auch zu einer Verringerung des Rentenanspruchs führt. Nur höhere Investitionen in der privaten Vorsorge führen zur annähernd gleichen Altersabsicherung wie bei einem Mann.
    Lt. einer Studie von Marc Luy (Luy, M.: Warum Frauen länger leben: 2002) haben Männer eine sechs Jahre niedrigere Lebenserwartung. Aus den oben genannten Gründen sind Frauen besonders auf die Hinterbliebenenrente angewiesen, um die Defizite auszugleichen.

    Fazit:
    Eine Veränderung des Rentensystems muss her! Eine Lösung wäre die Grundrente, eine Basis-Rente ohne Bedürftigkeitsprüfung, die für alle Versicherten gleich hoch ist. Möglich wäre auch die Mindestrente, ein garantierter Sockel, der aus der allgemeinen Rentenkasse gezahlt wird. Oder mit einer bedarfsgeprüften Leistung innerhalb des Rentensystems. Möglich wäre hier eine Grundsicherungs-Säule außerhalb der Sozialhilfe mit Anrechnung der regulären Rente.
    Definitiv ist aber kein Rentensystem effektiv, in dem die Heirat mehr gegen Altersarmut hilft als das eigentliche Rentensystem.

    Literaturverzeichnis:

    Bertelsmann-Stiftung (2017), abgerufen von: https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/themen/aktuelle-meldungen/2017/juni/wandel-der-arbeitswelt-laesst-altersarmut-steigen/, abgerufen am 20.02.2018

    Luy, Marc, (2002), abgerufen von: https://www.demografie-portal.de/SharedDocs/Informieren/DE/Studien/Luy_Klosterstudie.html, abgerufen am 20.02.2018

    Deutschlandfunk: Altersarmut bei Frauen (2001), abgerufen von: http://www.deutschlandfunk.de/altersarmut-bei-frauen-was-bringt-die-rentenreform.724.de.html?dram:article_id=97257, abgerufen am 20.02.2018

    Die Zeit: Altersvorsorge (2012) abgerufen von: http://www.zeit.de/karriere/2016-06/altersvorsorge-frauen-finanzberatung-geldanlage-teilzeit-rente, abgerufen am: 23.02.2018

    Bundeministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2012) abgerufen von: https://www.bmfsfj.de/blob/93862/4ba520100f0bde228598d1271c32cfd4/frauen-im-minijob-data.pdf, abgerufen am 23.02.2018

    Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Frauen im Minij. (2012), abge-rufen von: https://www.bmfsfj.de/blob/93862 4ba520100f0bde228598d1271c32cfd4/frauen-im-minijob-data.pdf, abgerufen am 25.02.2018

    Die Zeit, Altersvorsorge (2016) abgerufen von: http://www.zeit.de/karriere/2016-06/altersvorsorge-frauen-finanzberatung-geldanlage-teilzeit-rente, abgerufen am 25.02.2018

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