
Es gibt Momente im Leben, die für uns heutzutage selbstverständlich sind. Dinge, die wir gar nicht wirklich wahrnehmen, weil sie für uns zur Normalität geworden sind. Für uns Normalität, für manch andere ein Privileg. Als ich heute über die Leitfrage nachgedacht habe, kam mir sofort die Erzählung meiner Mutter in den Sinn, wie sie in den 80er Jahren ihre Familie in der DDR besucht hatte. Der Großteil der Familie kam aus Westdeutschland, so auch sie. Einzelne Verwandte lebten noch in der DDR. Eine Reise dorthin war zwar möglich, aber sie war von Unsicherheit und Angst geprägt. Schon vor der Grenze begann die Anspannung. Die Sorge, von den Grenzkontrollen schikaniert zu werden. Doch auch nach der Ankunft bei der Familie verschwand diese Angst nicht. Gespräche über den Staat fanden nicht statt, zu groß war das Misstrauen. Niemand wusste, ob Nachbarn oder sogar Angehörige als Spitzel tätig waren. Alles Politische wurde bewusst vermieden. Der Aufenthalt wurde so kurz wie möglich gehalten. Die Sehnsucht nach der gewohnten Freiheit war groß. Auf der Rückfahrt wurde an keiner Raststätte in der DDR gehalten. Die Grenze war bereits in Sicht. Es folgte eine letzte, lange Kontrolle, die von Schweißausbrüchen begleitet war. Und dann endlich wieder aufatmen. Der erste Toilettengang in Freiheit. Noch heute, wenn ich mit meiner Mutter diese Strecke abfahre, über den alten Grenzstreifen hinweg, höre ich ein Aufatmen ihrerseits. So prägend war die Angst, dass sie bis heute nachwirkt. Ab diesem Moment wurde mir so richtig bewusst, dass die heutige Zeit nicht selbstverständlich ist: die Freiheit, die Sicherheit und die Möglichkeit, meine Meinung ohne Angst äußern zu können. Da die Zeit des autoritären Regimes noch gar nicht lange zurückliegt, ist es besonders wichtig, sich mit den erkämpften Freiheiten auseinanderzusetzen, sie zu bewahren und zu verteidigen. Gerade solche persönlichen Erfahrungen zeigen mir, wie wertvoll diese Freiheiten wirklich sind.
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