
Ich habe mich schon immer gefragt, warum es den Menschen vor und während der Machtergreifung Hitlers so schwerfiel, sich gegen das Regime zu wehren. Warum sie nicht standhaft blieben, nicht hinterfragten, was wirklich geschah, und warum ihre eigene Meinung zunehmend in den Hintergrund rückte, während sie sich von leeren Versprechen blenden ließen. Es ist erschreckend zu erkennen, wie schnell Menschen sich in einer neuen Umgebung anpassen. Viele wollen dazugehören, nicht auffallen und nicht als Außenseiter gelten. Der Wunsch nach Sicherheit und Anerkennung ist oft stärker als der Mut zum Widerstand. Dabei braucht es enorme Kraft und Entschlossenheit, sich gegen ein totalitäres Regime zu stellen. Mit der Zeit wurde der Einzelne zur kleinsten Stimme unter vielen, und die Angst vor Ausgrenzung, Strafen oder sogar Inhaftierung ließ viele verstummen und sich unterordnen. Dennoch dürfen wir nicht vorschnell urteilen. Hitler versprach den Menschen ein besseres Leben, mehr Stabilität und neuen Erfolg. Diese Versprechen weckten Hoffnung, gerade in einer Zeit der Verzweiflung. Viele glaubten daran, weil sie sich nach Veränderung sehnten. Gleichzeitig verloren bestehende Institutionen an Vertrauen und Stabilität. Genau hier setzte das Regime an. Es nutzte die Unsicherheit der Menschen und verband sie mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Diese Entwicklung darf sich nicht wiederholen. Wenn ich die heutige politische Lage in Deutschland betrachte, bereitet mir das teilweise Sorgen. Der zunehmende Zuspruch für die AfD zeigt, wie leicht es auch heute noch ist, Menschen durch Angst und Unsicherheiten zu beeinflussen. Es wird versucht, gesellschaftliche Spaltungen zu vertiefen und Misstrauen und Hass zu schüren. Eigentlich sollte man meinen, dass wir aus unserer Geschichte gelernt haben. Dass wir heute in der Lage sind, unsere demokratischen Institutionen zu schützen und zu verteidigen. Doch letztlich liegt es an uns allen. An den Bürgerinnen und Bürgern, die Verantwortung übernehmen müssen, indem sie nicht wegsehen, sondern hinterfragen und handeln. Die Frage von Susanne Baer „Wo wird das Tolerierbare überschritten?“ ist dabei zentral und aktueller denn je. Wir müssen unsere Grundrechte aktiv nutzen und uns klar gegen antidemokratische Tendenzen stellen. Denn nur wenn wir wachsam bleiben und nicht vorschnell Gehorsam leisten, können wir verhindern, dass sich Geschichte wiederholt.
Als ich die ersten beiden Lektionen aus „Über Tyrannei“ von Timothy Snyder gelesen habe, hatte ich zuerst das Gefühl, dass sie irgendwie „normal“ und selbstverständlich klingen. Aber je länger ich darüber nachgedacht habe, vor allem auch während unserer Vorlesung und der Diskussion zu diesen beiden Lektionen, desto unangenehmer wurden sie für mich, weil ich gemerkt habe, dass auch ich mich mit seinen Worten angesprochen fühle.
Bei „Leiste keinen vorauseilenden Gehorsam“ habe ich mich erwischt gefühlt. Ich hätte mich vorher wahrscheinlich als jemanden eingeschätzt, der kritisch denkt und nicht einfach alles so hinnimmt. Jedoch wenn ich ehrlich bin, vermeide ich oft Situationen, in denen ich anecken könnte. Ich sage manchmal nichts, wenn jemand etwas Problematisches sagt oder passe mich an, weil es einfacher ist. Nicht, weil ich überzeugt bin, sondern weil ich keinen Stress will. Das ist genau das was Snyder ja beschreibt. Dieses leise Mitmachen ohne, dass überhaupt Druck da ist. Das hat mich ein bisschen nachdenklich gemacht, weil es zeigt, wie schnell man selbst Teil von etwas werden kann, das man eigentlich ablehnt. Nicht durch Entscheidungen, sondern durch ein Schweigen im richtigen Moment.
Die zweite Lektion „Verteidige Institutionen“ hat mir aufgezeigt, dass ich Institutionen bisher ziemlich selbstverständlich genommen habe. Sie waren einfach da, aber ich habe mich nie wirklich gefragt, welche Rolle sie eigentlich in meinem ganz eigenen Leben spielen. Ich habe ich mich oft nur dann mit den Institutionen beschäftigt, wenn mich etwas gestört hat. Ansonsten habe ich eher Abstand gehalten. Ich hatte nicht das Gefühl, dass das etwas mit mir persönlich zu tun hat. Durch die Lektion habe ich aber gemerkt, dass genau dieses distanzierte Denken ein Problem sein kann. Mir ist klar geworden, dass Institutionen nicht einfach automatisch funktionieren. Sie sind darauf angewiesen, dass Menschen sie ernst nehmen, sich für sie interessieren und sie auch verteidigen, wenn sie unter Druck geraten.
Aus den beiden Lektionen nehme ich vor allem mit, dass Demokratie nichts ist, das einfach von selbst funktioniert. Sie hängt nicht nur von großen Entscheidungen oder Politiker*innen ab, sondern auch von kleinen Momenten im Alltag. Ich habe verstanden, dass es nicht egal ist, ob ich schweige, etwas sage, ob ich mich anpasse oder meine eigene Haltung zeige.
Wir sind hier am Campus.
zweiter Absatz
