Praxisnahe Forschung

Ein Interview von Lara Loehrke

Die HWR als praxisorientierte Hochschule versteht sich gleichzeitig auch als forschungsgeleitet. Sie pflegt eine offene Forschungskultur und ermöglicht u. a. auch Promotionen. Besonders schön zeigt sich die Verbindung zwischen Praxis und Forschung an Forschungsprojekten, die vom Institut für angewandte Forschung Berlin (IFAF Berlin) gefördert werden. Das IFAF Berlin ist ein Verein zur Forschungsförderung an Fachhochschulen in Berlin. An einem IFAF-geförderten Projekt sind immer zwei Berliner Fachhochschulen und ein Partner aus der regionalen Wirtschaft beteiligt. Die HWR ist derzeit gleich mit mehreren Forschungsprojekten über das IFAF beteiligt. Zwei davon leitet Prof. Dr. Claudia Gather. Neben der Frage, wie Forschung und Praxis zusammenpassen, werden im folgenden Interview mit Frau Prof. Gather und drei ihrer wissenschaftlichen Mitarbeiter/innen – Dr. Heinz Zipprian, Dr. Lena Schürmann und Dr. Ralf Lottmann – diese IFAF-Projekte vorgestellt.

 

  • Frau Gather, Sie haben zurzeit zwei Forschungsprojekte im IFAF zum Thema Pflege. Wie kam es zu diesem Thema? Eignet es sich besonders für das Format IFAF?
Prof. Dr. Claudia Gather

Prof. Dr. Claudia Gather

Frau Gather: Wir hatten vorher ein großes BMBF-Projekt über den Erfolg selbständiger Frauen und haben parallel dazu eine Expertise über selbständige Frauen für den zweiten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung abgegeben. Das heißt, das große Forschungsthema ist Selbständigkeit von Frauen. Innerhalb dieses Forschungsthemas wurden verschiedene Branchen untersucht, unternehmerische Dienstleistungen und auch die Pflegebrache. Die Pflege ist eine klassische Frauendomäne. Die fanden wir besonders interessant, weil es eine wachsende Branche ist und der Bedarf steigt, zudem weist die Branche durch die starke gesetzliche Regulierung einige interessante Besonderheiten auf. Deshalb haben wir entschieden, einen Antrag im Bereich der Selbständigkeit der Pflege zu stellen.

Herr Lottmann: Das andere IFAF-Projekt entstand aus einem Wohnprojekt, das wir interessant fanden, näher zu untersuchen. Die Idee kam also eher aus der Praxis. Das Wohnprojekt mit dem Namen ‚Lebensort Vielfalt’ ist ein schwul-lesbisches Wohnprojekt für ältere und pflegebedürftige Senior/innen. Wir haben uns u. a. gefragt, was bedeutet so ein Wohnprojekt für die Forschung im Bereich Altern und Pflege, welche Potenziale kann so ein neues Projekt für die Pflege aufzeigen, und was können wir für die Altenhilfe generell lernen.

Frau Schürmann: Außerdem ist das Thema Alter eines der großen gesellschaftlichen Herausforderungen, wo viel passiert. Die Gesellschaft wird älter. Es gibt also Forschungs- und Handlungsbedarf.

Pflege im Alter

Pflege im Alter

 

  • Was sind die Besonderheiten eines IFAF-Projekts? Wie unterscheidet es sich von anderen Forschungsprojekten in der Durchführung?

Frau Schürmann: Die Besonderheit ist schon der enge Bezug zu den Praxispartnern. Man kann sich gar nicht nur in die Forschung zurückziehen, sondern steht mit den Kooperationspartner/innen in einem engen Austauschverhältnis. So können die Probleme der Praxis besser in den wissenschaftlichen Diskurs zurückgespielt werden.

Frau Gather: Bei IFAF bietet sich an, weniger stark Grundlagenforschung zu machen, sondern sich eine Branche auszusuchen und da mit Unternehmen aus der Praxis zu kooperieren.

Herr Zipprian: Ich glaube, dass die Einbeziehung praktischer Ziele kein Alleinstellungsmerkmal ist. Programme, die für Sozialwissenschaftler infrage kommen, sind alle relativ eng an praktische Zielstellungen gebunden. Es handelt sich nicht um reine Forschungsunternehmungen,  sondern um Unternehmungen, die ganz konkrete Innovationen hervorbringen sollen, möglichst von nachweisbarer praktischer Wirksamkeit. Ich denke, das, was  IFAF ausmacht, ist die Verpflichtung, Partner außerhalb der Hochschule zu haben, mit denen man produktiv kooperiert.

Herr Lottmann: Ich denke, das IFAF ist wegen des nötigen Praxisbezugs maßgeschneidert für Fachhochschulen. Bei IFAF-Projekten ist zudem dringend notwendig, dass die Kooperation mit einem Berliner Unternehmen eingegangen werden muss, um so die Region zu stärken.

  • Was sind die Vor- und Nachteile bei der Arbeit an einem IFAF-Projekt?

Frau Gather: Für Internationalität oder den Blick über Berlin hinaus sind systematisch keine Kooperationspartner vorgesehen. Wir machen das in einem Projekt trotzdem, was aber unsere Reisekosten gleich schon ans Limit gebracht hat.

Dr. Ralf Lottmann

Dr. Ralf Lottmann

Herr Lottmann: Gleichzeitig ist das IFAF trotzdem relativ offen, wenn es darum geht, internationale Bezüge und Kooperationen möglich zu machen. In einem unserer Projekte ist das der Fall. Ich finde es gelegentlich ein bisschen umständlich in der Praxis, dass immer zwei Hochschulen mit ihren verschiedenen Verwaltungen beteiligt sind. Die Mittel werden streng getrennt, da ist nicht viel Flexibilität.

Frau Gather: Die Verwaltungen ticken anders. Was bei der einen Hochschule möglich ist, geht bei der anderen nicht.

Frau Schürmann: Die Dauer der Projekte ist relativ kurz, und die Mittel sind sehr beschränkt, im Gegensatz zum BMBF sehr übersichtlich.

Herr Lottmann: Ja, die Zeit ist etwas knapp. Drei Jahre sind schon etwas wenig, hier sind es maximal zwei Jahre.

Herr Zipprian: Bei IFAF ist der Vorteil, dass organisatorische Fragen zur Antragsstellung, Terminen, Umsetzung oder bei Besonderheiten einfach geklärt werden können. Uns ist zum Beispiel im Zuge der Bewilligung des Projekts unser Kooperationspartner abgesprungen, und wir mussten uns an dieser Stelle einen neuen Partner suchen. Das geht natürlich dann besser, wenn man eine Betreuung hat, die das stützt. Das ist beim IFAF organisatorisch ganz einfach, weil ein Anruf genügt, und sie lösen das Problem.

Herr Lottmann: Das stimmt, bei Problemen sind Ansprechpartner/innen immer da zur Unterstützung.

  • Wie unterscheiden sich die zwei IFAF-Projekte möglicherweise untereinander? Laufen sie beide gleich ab? Was sind hemmende oder fördernde Faktoren, die zum Erfolg beitragen?

Frau Gather: Zunächst ist jedes Projekt immer anders. Es kommt auch auf die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen an.

Herr Zipprian: Ich würde einen Unterschied insofern sehen, als das eine Projekt [Anm. der Verfasserin: das Wohnprojekt ‚Lebensort Vielfalt’] aus einem praktischen Zusammenhang entstanden ist und dann in die Wissenschaft reingetragen wurde. Bei unserem Projekt haben wir uns von der wissenschaftlichen Fragestellung her kommend schon ein bestimmtes Themengebiet vorgenommen, dieses haben wir zugeschnitten, an IFAF herangetragen und mussten uns dann Kooperationspartner suchen. Das ist ein anderer Weg und daher ist dann auch der Ablauf der Projekte jeweils unterschiedlich.

Herr Lottmann: Mir fiel auf, dass es steht und fällt mit den Leuten vor Ort. Es kommt darauf an, wie stark sie mit dem Thema vertraut sind und wie wir sie einbeziehen können, konzeptionell, inhaltlich und praktisch.

Frau Gather: Der starke Praxisbezug ist manchmal ganz schön und interessant, für manche Projekte aber auch einschränkend. Wir würden hin und wieder auch gerne mehr Grundlagenforschung machen, das geht dann in diesem Kontext nicht.

  • Wie profitieren die Mitarbeiter/innen, z. B. auch studentische Hilfskräfte, von der Zusammenarbeit mit den Unternehmen? Welche Vorteile entstehen im Gegensatz zu einem „normalen“ Forschungsprojekt?

Frau Gather: Das erste ist, dass sie forschen lernen, dass sie nah an der Forschung sind. Das ist für ihren eigenen wissenschaftlichen Werdegang ganz schön, auch für Abschlussarbeiten. Das wissenschaftliche Arbeiten können sie dann in der Regel auch aus dem ff.  Es werden öfters auch Abschlussarbeiten in einem solchen Kontext geschrieben. Der Bezug zu den Unternehmen wirkt sich da, glaube ich, nicht so sehr aus, weil sie nicht diejenigen sind, die den Kontakt haben.

Herr Zipprian: Die Zusammenarbeit ist sehr eng zwischen uns Mitarbeitern und den studentischen Hilfskräften. Das ist klar und da werden für sie Gewinne erzielt.

  • Also ist es nicht so, dass die studentischen Hilfskräfte in die Unternehmen reingehen?

Frau Gather: Doch schon.

Dr. Heinz Zipprian

Dr. Heinz Zipprian

Herr Zipprian: Mehr oder weniger. Es kommt darauf an. Wenn wir Interviews machen oder ähnliches, ja klar. Nehmen wir als Beispiel das, was wir jetzt gerade machen. Unsere studentische Hilfskraft ist jetzt im Moment dabei, Dokumente zu sammeln, in dem Fall Webauftritte von Pflegeunternehmen, und die zu systematisieren und zu ordnen. Das ist natürlich eine Chance, eine bestimmte Arbeitstechnik zu lernen und wissenschaftliche Kompetenzen zu erhalten.

Frau Schürmann: Wir hatten auch in einem anderen Projekt eine Hilfskraft, die bei einer unserer Tagungen in der Organisation stärker eingebunden war. Es ist auch immer ein bisschen so, wo die Interessen und Kompetenzen der Mitarbeiter/innen liegen und was ansteht.

Herr Lottmann: Wir haben auch Beiratssitzungen in den Räumlichkeiten der Kooperationspartner gemacht. Und darüber lernen die Studierenden dann auch die Einrichtungen, in unserem Fall das Wohnprojekt, kennen. Bei uns können sie dann auch eigene Artikel schreiben, z. B. entsteht gerade einer über das Thema „Trans* und Alter“ – wahrscheinlich der einzige Artikel zu dem Thema derzeit in Deutschland. Das ist auch für das Projekt gut.

Frau Gather: Wir hatten auch immer wieder mal Publikationen, wo die Studierenden mit dabei waren und einen Teil zugeliefert haben. Und als Student/in schon eine Publikation zu haben, ist schon außergewöhnlich.

Herr Lottmann: Ich habe auch die Beobachtung gemacht, also wir haben jetzt zwei, die sind interessiert, zu promovieren, und schon haben sie selbst ein ganz eigenes Interesse, Neues zu lernen, z. B. Publikationen. Es kommen dann auch eigene Ideen von ihnen.

  • Gibt es Themen, die sich mehr oder weniger gut eigenen für das Format IFAF?

Frau Gather:  Die Rahmenbedingungen sind so, dass man Praxispartner haben muss. Und ohne diese braucht man gar keinen Antrag stellen, insofern muss man seinen Antrag darauf zuschneiden.

Herr Zipprian: Nein, bezüglich der Themen gibt es keine Präferenzen. Allerdings können Sie erkennen, dass das IFAF, als eine an den Aufgaben der Fachhochschulen ausgerichtete Institution, so gebaut ist, dass es nicht nur umgesetzte Bundesmittel als reine Forschungsmittel des Landes vergibt, sondern dass bei der Entscheidung über die Förderung eines beantragten Vorhabens immer auch dessen Praxisbezug eine große Rolle spielt.

Frau Schürmann: Die Themen müssen natürlich in das Forschungs- und Lehrprofil der Professorin bzw. des antragsstellenden Professors passen.

Herr Lottmann: Es gibt auch einen Leitfaden, den wir beachten müssen, unter anderem zu den Punkten Kooperationspartner, Innovationsfähigkeit und Bedeutung für die Region. Damit werden diese Anforderungen meist automatisch berücksichtigt.

Frau Schürmann: Aber Berlin ist einfach eine Stadt mit vielen Möglichkeiten. Da findet man schon genug Anregung.

 

Vielen Dank für das Gespräch.

 

 

 

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Ein Kommentar zu Praxisnahe Forschung

  1. Viola Philipp sagt:

    Schönes Interview – ich hoffe, das es gelesen wird, damit das IFAF, aber auch die konkrete Forschung bekannter wird.

    Viola Philipp

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