Am Anfang, nicht am Ende

In meinem heutigen Beitrag geht es vor allem um den Artikel „Wir gestalten gemeinsam und lernen voneinander“ des neuen HWR Leitbildes. Genauer: wie ich von den durch mich betreuten Abschlusskandidaten lerne & ein Anwendungsbeispiel aus meiner Lehre, um dieses Lernen während der Abschlussarbeit zu fördern.

Vor einigen Wochen warf ein Studierender der HWR in einem Artikel über die Anwendung von E-Learning einen ernüchternden Blick auf die Verwendung von Moodle in der Lehre (1) — das hat mich an unseren 1. Hochschultag vor etwas mehr als einem Jahr erinnert: damals hatte ich für einen Workshop eine kleine Gruppe von Studierenden motivieren können, einfach einmal aus ihrem Lernalltag zu berichten(2). Der Workshop war für mich dadurch ein echter didaktischer Dosenöffner. Warum?

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Fig. 1: Die Einzigartigkeit des Einzelnen (wieder) sehen (lernen)?

Die Vortragenden führten den zahlreichen Teilnehmern vor Augen, wie unterschiedlich die Hochschule von Individuen wirklich erfahren wird. Jenseits aller Standardisierung zeigt sich die Einzigartigkeit des einzelnen. Und selbst, oder vielleicht gerade wenn wir E-Learning verwenden, müssen wir für diese Einzigartigkeit Platz lassen: zum einen müssen wir uns gestatten, sie zu sehen; und zum anderen müssen wir sie im Unterricht berücksichtigen.

Ein konkretes Werkzeug für diesen Vorgang habe ich erstmals mit den Studierenden ausprobiert, die bei mir Ihre Abschlussarbeit schreiben. Bereits seit längerem benutze ich einen eigenen Moodle-Kursus nur zur Betreuung. Neben den dort verfügbaren Materialien ist der Kursus für die Studierenden selbst da. In verschiedenen Foren tauschen Sie sich über den Fortgang ihrer Arbeit aus, stellen einander Fragen oder muntern einander auf.

Vor einem Jahr erzeugte ich in diesem Kursus ein neues Forum namens „Lerntagebücher“. Ich schlug den Studierenden vor, wöchentlich in Form von Blogartikeln ihren eigenen Fortschritt individuell zu kommentieren. Dabei konnten sie, wenn sie es sich einfacher machen wollten, von einer einfachen Struktur Gebrauch machen und schreiben:

◦ Was hatte ich mir für die letzte Woche vorgenommen
◦ Was habe ich von diesem Plan nicht geschafft?
◦ Welche Prozess-Änderungen nehme ich entsprechend in der nächsten Woche vor?

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Fig. 2: Lerntagebuch: zeigen, was man in der Hand hat.

Ein Format, das sich in anderen Kursen bewährt hat; in dieser Form einzuchecken, muss nicht mehr als 5-10 Minuten kosten. Ich war gespannt! Das Führen des Lerntagebuchs war optional (also von meiner Seite ohne Auswirkung auf die Note).

Eine Mehrheit von Abschlusskandidaten machte von dieser Möglichkeit regelmäßig Gebrauch – viele von ihnen schafften es tatsächlich, wöchentlichen Fortschritt zu dokumentieren. In ganz kurzer Zeit entwickelten sich dabei persönliche Stile – diese reichten von halben Essays, in denen alle möglichen Aspekte der Abschlussarbeit und des Prozesses beleuchtet wurden, über kurze (oder längere) Artikel, in denen der Autor Tips für einschlägige Problemen (beispielsweise Interviewtechnik oder Zitierweise) schrieb, bis hin zu sehr persönlichen, gelegentlich bekenntnishaften Ausbrüchen – wenn beispielsweise der Studierende eine Weile lang von seinem Vorsatz abgewichen und die Arbeit vernachlässigt hatte.

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Fig. 3: Auszug aus dem Lerntagebuch (Moodle-Forum im Blog-Modus). Klicken Sie aufs Bild für lesbare Version.

Weil ich selber gerne und viel blogge, hatte ich eine gewisse Resonanz sicherlich erhofft, aber dieses Spektrum von Talent, Kenntnis und Offenheit hatte ich nicht erwartet. Es hat, offen gestanden, mein Verhältnis zur Betreuung der Abschlusskandidaten auf eine neue Basis gestellt. Ganz sicherlich persönlicher, intensiver begleitend (nicht nur im fachlichen Sinne, sondern auch als Coach), aber auch mit größerem Respekt für die Einzigartigkeit und die Unabhängigkeit der Kandidaten. Etwas, das, denke ich, der Betreuung und damit letztlich den Studierenden zugute kam.

Abschließend noch ein Auszug aus dem letzten Eintrag einer Studentin in ihrem Lerntagebuch, der für sich spricht (mit Einverständnis zitiert):

Ich realisiere jetzt, das wöchentliche Tagebuch ist wirklich zu „meinem“ Tagebuch für mich selber geworden, nicht nur eine Tätigkeit, die ich erfüllen sollte. Es macht Spaß den eigenen Fortschritt zu dokumentieren das schöne daran ist, dieses Tagebuch kann sogar Feedback geben, was man von  traditionellen Tagebüchern nun nicht sagen kann – Tipps gibts noch oben drauf! Wo gibt es sonst so einen Luxus an Input! Das virtuelle „responsive“ Tagebuch, es wird mir fehlen. So sehe ich dem Abschluss gerade ein klein wenig mit Wehmut entgegen. Alles hat einen Anfang und ein Ende.

Wenn es darum geht, gemeinsam zu gestalten und voneinander zu lernen, stehen wir immer ganz am Anfang, nicht am Ende. Und das ist auch gut so. Der betreffende Artikel des Leitbilds drückt für mich diese Hoffnung aus. In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern ein frohes, besinnliches Fest!

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Fig. 4: Frohes Fest!


[Autor: Marcus Birkenkrahe unterrichtet Wirtschaftsinformatik an der HWR Berlin. Im Wintersemester 2014 forscht er zu MOOCs][Bildquellen: Figuren 1,2, 4 (gemeinfrei): Internet Archive Book Images @Flickr]

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Ein Kommentar zu Am Anfang, nicht am Ende

  1. Madini Liebscher sagt:

    Dein Artikel Markus, gibt einen wunderbaren Einblick, in die Dynamic und Vielfältigkeit deines Bachelor und Master begleitenden Onlinekurses. Als einer deiner bisherigen „Padawans“ kann ich all deinen im Artikel beleuchteten Aspekten nur zustimmen.
    Z.B. habe ich durch die Tipps im Diskussionsforum, ohne großes Rumprobieren, vieles gelernt. Da ich leider allzu gerne dazu tendiere stundenlang im Netz nach „dem“ optimalen Werkzeug zu suchen, und meist frustriert scheitere, hat mir das Diskussionsforum wirklich das Leben um einiges erleichtert, und ein paar Nerven gespart.
    Zwei Beispiele fallen mir spontan ein. Der Vorschlag Zotero als Zitierprogramm zu nutzen hat das wissenschaftliche Arbeiten für mich wirklich erstaunlich angenehm gestaltet. Seitdem ein Student Kanbanflow als Projektplanungstool vorgestellt hatte, habe ich es für das letzte drittel meiner Bachelorarbeit genutzt, mit großer Freude durch den Gamificationaspekt Punkte zu sammeln, mit jeder erfolgreich abgeschlossenen 25 minütigen Arbeitseinheit. Vorher habe ich gerne Sachen vergessen, die ich noch in die Bachelorarbeit integrieren wollte oder ausbessern musste, was mir mit Kanbanflow nicht mehr passiert ist. Gerade im stressigen Endstadium, wenn man manchmal nicht mehr weiß wo einem der Kopf steht, hat mir das Programm große Dienste erwiesen.

    Da ich selber ein Liebhaber von neuen arbeitsorganisierenden und optimierenden Programmen bin (bin ein kleiner Chaot, auf der Suche nach Ordnung), wird mir das Forum mit den tollen Tipps fehlen. Ein echt klasse „leverage“ Effekt.

    Vielen Dank also an meine Mitstudenten, die neben dem super „responsive“ Tagebuch (aka Professor Birkenkrahe) zum Erfolg meiner Bachelorarbeit beigetragen haben!

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