Fest, flüssig, gasförmig

marcus_birkenkrahe_picEigentlich sollte man denken, dass es mir mittlerweile, beim vierten Artikel dieser Serie, einfacher fallen würde, zu bloggen. Insbesondere, weil der aktuelle Workshop „Internationalität und Regionalität“ (16.01.14) wunderschön und reichhaltig dokumentiert ist: besonders der kurze Video zur Zukunftspräsentation der HWR (in 2020) hat es mir angetan – hier kommt besonders gut rüber, dass es Spaß gemacht haben muss, sich in die Zukunft der Hochschule hinein zu denken und hinein zu fühlen. Wäre ich doch bei Betrachten stehen geblieben mögen Sie zum Schluss sagen – aber dem Laster der Logorrhoe konnte ich zum wiederholten Male nicht widerstehen…heute also: ein bisschen Metaphorik, Metaphysik in Maßen und die Einsamkeit des Internets.

Provinz, nicht Provence! Wobei einen dieses Bild schon vom Schreiben/Lesen ablenken kann. (Quelle: Wikipedia, public domain)

Das Schreckgespenst hinter der Regionalität ist der Provinzialismus. Seine positive Kehrseite zeigt sich im Goethe-Wort: „Jede Provinz liebt ihren Dialekt, denn er ist doch eigentlich das Element, in welchem die Seelen ihren Atem schöpfen“. Beispiel Berlin: auch wenn man (wie ich, als zugereister Rheinland-Pfälzer) den lokalen Dialekt nicht spricht, schafft seine Nähe Vertrautheit und bereitet den Boden für deutsche Gemütlichkeit. Von hier aus gesehen erscheint die internationale, weite Welt als Ort der Atemlosigkeit, in der die in der Region gewachsene, am Dialekt gereifte Seele leicht erstickt. Auch das kann man verstehen: die Schwingungen der örtlich verwurzelten Seele schaffen die Identität des Einzelnen. Entwurzelung, die zum Dauerzustand wird, also Wurzellosigkeit, führt zum Identitätsverlust. Natürlich lässt sich argumentieren, dass man in der Fremde neue Wurzeln bilden kann – aber dass in der Kindheit gebildete Wurzeln dieselbe Stärke und Tiefe haben wie später im Leben gebildete, ist systemisch wenig wahrscheinlich. Man kann atmen, wird aber asthmatisch.

Als ich 2003 nach fast zehnjähriger Abwesenheit nach Deutschland zurück kam, schwappte mir Provinzialismus deutscher Provenienz wie eine Welle entgegen, so dass ich zunächst Mühe hatte, mich emotional über Wasser zu halten und an der Tatsache meiner Rückkehr rechte Freude zu empfinden. Dies anderen zu vermitteln war fast unmöglich: nur diejenigen meiner Freunde und Bekannten, die selbst lange im Ausland gelebt hatten, verstanden mich. Und mit ihnen war kein Austausch nötig. Der jahrelange Aufenthalt unter Fremden, das unaufhörliche Sprechen, Denken, Kämpfen in einer Fremdsprache hatte mich zu einem Zwitterwesen werden lassen, so dass ich für einige Jahre wirklich nicht wusste „wo mir der Kopf stand“, obwohl das Herz froh war, zuhause zu sein. Für den Heimgekehrten gab es nun technisch die Möglichkeit, in die Online-Röhre zu kriechen, das Internet als Rückzugsstrategie zu benutzen, um der Provinz die weite Welt entgegenzusetzen – wenn auch nur virtuell-mental und nicht real-physisch. Für eine Weile lebte ich mehr online als offline, jedenfalls kam es mir so vor.

Wasser in 3 Aggregatzuständen (Antarctica, 1921)

Wasser in 3 Aggregatzuständen (Quelle: Flickr, public domain; Antarctica, 1921)

Fast erscheinen Internationalität und Regionalität mir wie Materie-Phasen, vergleichbar dem gasförmigen und festen Aggregatzustand des Wassers. Unter Normalbedingungen kommt Wasser auf der Erde aber im flüssigen Zustand vor. Wenn man also diese Analogie weiter treiben wollte, befände sich der Mensch meistens nicht im intensiven internationalen Zustand, und auch nicht im reinen regionalen, sondern irgendwo dazwischen. Vielleicht ist der Mensch am Netz, der sich selbst gerne als Mensch „im Netz“ sieht, in einem solchen Zustand befangen. Vielleicht, ohne zu philosophisch werden zu wollen, ist die Virtualität der Kompromiss des Menschen zwischen der bedingungslosen Internationalität – des wurzellosen Wegfliegens in die Weite der Welt — und der als unzumutbaren Beschränkung empfundenen Regionalität? Ein dritter Weg zwischen den Extremen?

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Grimmiger Heidegger

Ein Aspekt der Virtualisierung, der Präsenz in elektronischen Räumen, eventuell sogar mit alternativen Identitäten (Avataren) ist das Gefühl der räumlichen Veränderung ohne sich wirklich, das heißt physisch, bewegt zu haben. Das erinnert an den Begriff der Nähe bei Martin Heidegger. Er meinte, dass man durch die Minderung der Entfernung zugleich auch das Empfinden für die besondere Nähe der Dinge gemindert habe — dies wächst sich bei ihm zur Kritik der modernen Technik aus [1]. Welche „besondere Nähe der Dinge“ meint er? In seiner kurzen Schrift „Der Ursprung des Kunstwerks“ beschreibt er am Beispiel des Gemäldes „ein Paar Schuhe“ von Vincent van Gogh, dass Kunstwerke die Macht haben, uns ganz ohne Technologie zu teleportieren: „In der Nähe des Werkes sind wir jäh anderswo gewesen, als wir gewöhnlich zu sein pflegen.“ — Die US-amerikanische Publizistin Sherry Turkle [2] glaubt beobachtet zu haben, dass die Dominanz der Vernetzung in der Generation der so genannten Millennials (der ca. zwischen 1980 und 2000 geborenen) zu einem Verlust an echtem Gespräch führt: Konnexion statt Konversation. (Das wird sehr schön filmisch in einem Video demonstriert, den ich zufällig auf dem Blog des  Kollegen Prof Hans Erich Müller fand: „Loneliness Innovation„).

Vielleicht habe ich mich in meinem Bemühen, eine Brücke zwischen Internationalität und Regionalität zu finden, zu weit vorgewagt. Aber ich leide unter ADS, einer „Advocatus Diaboli Störung“ — immer wenn ich einen Standpunkt wirklich verstehen möchte, nehme ich automatisch die Gegenposition ein, (zunächst) unabhängig von meinen eigenen Überzeugungen. Bei allen bisherigen Themen ging es mir so: die Betonung der Konjunktion „und“ zwischen den Worten (Internationalität/Regionalität, Wissenschaft/Praxis, Tradition/Innovation) hat mich gereizt, ein experimentelles „oder“ einzusetzen. Aber weil die Wortpaare üblicherweise (und unnötig) als Gegensätze verstanden werden, ist die Überwindung des „oder“ und seine Auflösung in ein „und“ in der Hochschule so wichtig. Vielleicht verfällt eine Hochschule, die das nicht kann, die sich mit Extremen zufrieden gibt, dem Jargon der Eigentlichkeit, wie Theodor Adorno die Verschwulste Heideggers abfällig nannte, und wird ein Opfer der von ihm so genannten „Edelsubstantive„. Schöner, poetischer, hat Robert Musil das gesagt:

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Milder Musil

»Worte springen wie Affen von Baum zu Baum, aber in dem dunklen Bereich, wo man wurzelt, entbehrt man ihrer freundlichen Vermittlung.«

Oder um das Gleichnis vom Wasser erneut aufzugreifen:  die Hochschule muss verschiedene Aggregatzustände kennen und meistern – fest, flüssig und gasförmig. Von der Festigkeit der Verankerung in der Region über die Flüssigkeit virtueller Verbindungen zum Dampf der internationalen Zusammenarbeit. Hmm. Vielleicht hilft das Leitbild bei der „freundlichen Vermittlung“ der Gegensätze?

In jedem Fall gelobe ich, für meinen Blog zum nächsten Workshop selbst zu einem einfacheren Duktus, einem gemächlicher fließenden Geist zurückzukehren und mich kürzer, knapper, knackiger zu fassen. Einfacher gemacht wird mir das dadurch, dass das nächste Wortpaar, „Zusammenarbeit/Eigenverantwortung“ keines jener „signalhaft einschnappenden Wörter“ (Adorno) enthält, die den Jargon ausmachen.

red-question-mark-circle-clip-artFrage an Sie: wo schöpft Ihre Seele Atem — im Internationalen? Im Regionalen? Im Virtuellen? Sehen Sie das Problem  philosophisch oder eher praktisch?


Marcus Birkenkrahe bloggt in den sechs Wochen vor dem Workshop “Innen und Außen” zum Leitbild-Entwicklungsprozess. Er bloggt außerdem mit über 70 anderen Autoren auf elerner.de, dem E-Learning Blog der HWR Berlin.

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7 Kommentare zu Fest, flüssig, gasförmig

  1. Stefanie sagt:

    Für mich bilden die Begriffe das magische Wohlfühl-Dreieck: Regionalität, Internationalität und Virtualität! Der Dreiklang ist für mich das pure Lebensglück. Für mich ist die regionale Heimat – und damit meine ich ein kleines 150-Einwohner-Dorf in Schleswig-Holstein, in dem ich aufgewachsen bin und in dem der gesammelte Rest meiner Großfamilie weiterhin lebt – wie ein warmer Ofen: gemütlich, warmherzig, vertraut. Ich liebe alles dort aus tiefstem Herzen. Aber nach wenigen Tagen kribbelt es wieder in den Beinen und ich verspüre den Drang nach frischer Luft, mindestens Berliner Luft, gerne auch immer wieder neu zu entdeckende Lüfte und Düfte fremder Kulturen und Welten. Und da es leider noch nicht möglich ist, sich zu teleportieren, beamen und zumindest mittels einer Art Zeit-Raum-Maschine ad hoc an andere Orte zu begeben, liebe ich ebenso die Virtualität (tatsächlich also ganz praktisch gedacht, nicht philosophisch). Sie schafft eben diese Möglichkeit, die ich in der letzten Woche das erste Mal in meiner internationalen „virtual HWR-class“ erlebt habe. Australien, Mexiko, China, Afrika, Berlin vereint an einem Ort – Ich höre mexikanische Hunde bei Sonnenaufgang im Hintergrund bellen, eine Studentin berichtet von den Abendstunden in Sydney, eine andere wiederum erzählt, wieviele Coffee-Shops sie nun in China kenne, um endlich erfolgreich Zugang zu unserer virtual class zu erreichen. Wir konzentrieren uns auf das gesprochene Wort und tauchen alle gegenseitig ein in die Welt des anderen durch die Geschichten, die wir zu erzählen haben. Für mich eine neue Erfahrung, Emotionalität über Worte, ohne Gestik und Mimik und das „wahre Gesicht“ meines Gegenübers. Konnexion statt Konversation? Nein, es funktioniert beides, der Kommunikationsweg ist nur ein anderer. Wie bei allen fremden Welten muss man den Mut haben, sich darauf einzulassen, um neue Gelegenheiten bei Schopfe zu packen und den virtuellen Wind mit internationalem Duft in der regionalen Stube zu genießen.

    • Marcus Birkenkrahe sagt:

      Danke für deine leidenschaftliche Zustimmung zum „Wohlfühl-Dreieck“ (schöner Begriff!) und die Beispiele. Ich denke das du recht hast mit „es funktioniert beides“ — Konnexion und Konversation; nicht nur wird anders kommuniziert (der Weg) sondern auch Anlass/Umfeld sind anders – wenn man beispielsweise, wie in der von dir erwähnten „virtual HWR class“ gar nicht die Möglichkeit hat, eine physische/reale Konversation zu führen, dann schaffen die Gesprächspartner eine ganz neue Art von Beziehung. Wie anders diese Beziehung ist, stellt man fest, wenn man Menschen, die man nur virtuell gekannt hat, plötzlich in Wirklichkeit trifft – und umgekehrt, wenn man mit realen Bekannten auf einmal nur noch virtuell umgeht (zum Beispiel weil sie weit weggezogen sind). Habe ich beides erlebt – und dann sitzt man in der Mitte zwischen traditioneller Konversation und Konnexion…

    • Tanja von Frantzius sagt:

      Der Dreiklang Regionalität, Internationalität und Virtualität hat bei mir noch lange nachgehallt. Ich kann da sehr gut mitgehen. Verschiedenen Dimensionen und Qualitäten, die einander nicht Konkurrenz machen, sondern verschiedene Saiten zum schwingen bringen.

  2. Henriette Scharfenberg sagt:

    Die Sache mit den internationalen Erfahrungen und den lokalen Wurzeln habe ich ganz anders erlebt. Bei mir haben die Auslandsaufenthalte eher dazu geführt, dass ich meine Wurzeln in Deutschland (neu) entdeckt habe – war vorher die Haltung „Ich bin nicht Deutsche, ich bin Europäerin“, wurde ich durch das Leben in anderen Ländern eines Besseren belehrt und fühle mich heute zu Hause in meinem Heimatland und meiner Kultur, ohne dass ich die Horizonterweiterung und die Erfahrungen aus den anderen Ländern missen möchte. So gesehen können sich vielleicht Internationalität und Regionalität auch gegenseitig bestärken.

    Wo schöpft meine Seele Atem? Das würde ich nicht an nah oder fern festmachen. Es ist eher im Kontakt und in der Verbundenheit, sei es zur Natur (wo es ein wahrhaftiges Atem-Schöpfen ist) oder zu den Menschen um mich herum ( allerdings nicht virtuell, sondern unmittelbar). Und das lässt sich dann auch wieder auf die Workshopthemen übertragen – auch hier liegt der Gewinn aus meiner Sicht in der Verbindung, nicht in der Hervorhebung nur des einen Aspekts.

    • Marcus Birkenkrahe sagt:

      Das ist spannend, dass du die Heimkehr anders erlebt hast – mittlerweile bin ich vielleicht auch weiter (und jedenfalls sehr froh hier in der Heimat) — tolles Beispiel für gegenseitige Befruchtung der Begriffe. — Für eine Entscheidung für/gegen den eigenen oder anderen Aspekt, Internationalität oder Regionalität, wollte ich mich nicht stark machen! Im Gegenteil, ich stelle ein breites Bedürfnis nach Verbindung dieser Aspekte fest und wollte zu bedenken geben, ob das Interesse an Virtualität eventuell ein Ausdruck dieses Bedürfnisses sein könnte.

  3. Hans-Erich Müller sagt:

    Ein „grüner Daumen“ meint, dass jemand eine Händchen zum Gärtnern hat, mir fehlt so etwas auf dem Gebiet der Philosophie. Aber dass das Denken in Gegensätzen durchaus fruchtbar sein kann, ironisch von Dir als „Advokatur Diaboli Störung“ bezeichnet, verstehe ich schon. Es müssen ja nicht immer eigene Gedanken sein. Pankay Ghemawat versucht sich an einer Synthese zu Global versus Lokal: http://tinyurl.com/n3yu2zf
    Sehr erhellend, finde ich!

    • Marcus Birkenkrahe sagt:

      In der Tat müssen es nicht immer eigene Gedanken sein: man könnte sogar sagen, dass es in den seltensten Fällen zu eigenen Gedanken kommt – und dann häufig aus Versehen oder aus Zufall! Jedenfalls ist es bei mir so. Ich erinnere mich sogar an eine Zeit, ich war noch ein sehr junger Mann, da hatte ich lange den Eindruck, überhaupt keine eigenen Gedanken zu haben, so dass ich mir Sorgen machte, ob ich überhaupt jemals eigene Gedanken haben würde! Ich war damals wohl von Informationen überwältigt. Den Studenten wünsche ich oft mehr Nachsicht mit ihrem eigenen Mangel an Originalität: vielleicht, wenn sie sich verzeihen könnten, dass sie nicht ständig Ungehörtes & Unerhörtes verzapfen, dass sie mehr Verständnis für die wissenschaftliche Methode hätten, die in weiten Teilen von Belegen und vom Nachvollziehen der Gedanken anderer abhängt… — Den Videobeitrag von der IESE Business School habe ich genossen: das Konzept „World 3.0“ leuchtet mir ein und insbesondere das MTV Beispiel am Ende fand ich gut. Globalisierung neu zu denken, und damit auch Internationalität, scheint angebracht!

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