
Die Ausstellung im Finanzamt Oranienburg hat mir deutlich gemacht, dass die Verbrechen in den Konzentrationslagern nicht nur durch offene Gewalt, sondern auch durch eine genau organisierte Verwaltung ermöglicht wurden. Besonders erschreckend fand ich, wie stark Formulare, Vordrucke und Akten das Leben der Häftlinge bestimmten. Auf einer der Tafeln wird erklärt, dass für fast jede Handlung und jeden Vorfall im Lager mindestens ein Formular existierte. Es war alles nach Aktenordnung sortiert durch den sogenannten Aktenplan, Abläufe und Prozesse waren explizit strukturiert, von Personalangelegenheiten der SS bis zur Meldung von Todesfällen. Dadurch wurde Gewalt bürokratisch erfasst und scheinbar zu einem „normalen“ Verwaltungsvorgang gemacht. Dies führte dazu, dass das Verwaltungspersonal sich emotional von den Schreckenstaten distanzieren und ihr handeln vor sich selbst rechtfertigen konnten.
Besonders befremdet hat mich die Gestaltung der „Einäscherungs‑Anordnung“, da diese in Größe und Schriftbild exakt den Zahlungsanzeigen entspricht, die wir derzeit am Gericht verwenden. Zudem weist die „Anordnung der Unterbringung in einem polizeilichen Jugendschutzlager“ auf rotem Papier eine auffällige Ähnlichkeit zu unseren Haft‑ und Unterbringungsbefehlen auf, die ebenfalls auf rotem Papier ausgefertigt werden, lediglich die Schriftart hat sich inzwischen geändert, doch die Übereinstimmungen sind unverkennbar.
Des Weiteren messe ich dem Weg der Dokumente eine erhebliche Bedeutung bei. Viele Akten wurden kurz vor Kriegsende vernichtet, um Spuren zu beseitigen. Andere Unterlagen blieben erhalten und wurden später zu Beweismitteln. Sie ermöglichen es heute, Täterstrukturen nachzuvollziehen und das Schicksal der Opfer zu rekonstruieren. Somit hat die eigens akribisch geführte Vernichtungsbürokratie im Nachhinein zur Verurteilung der Täter beigetragen.
Besonders eindrücklich waren für mich auch die Bilder zur Zwangsarbeit im KZ Mauthausen. Die Häftlinge mussten schwere Steine über die sogenannte „Todesstiege“ tragen. Die Ausstellung zeigt, dass Arbeit nicht nur der wirtschaftlichen Ausbeutung diente, sondern gezielt zur Erniedrigung, körperlichen Zerstörung und Tötung eingesetzt wurde. Gleichzeitig führten Hunger, Kälte, mangelnde Kleidung und Seuchen zu vielen Todesfällen.
Ich nehme aus der Ausstellung mit, dass Verwaltung niemals nur aus neutralen Regeln und Papieren besteht. In der NS-Zeit wurde Bürokratie zu einem Werkzeug der Verfolgung und Vernichtung. Gerade deshalb ist es so wichtig, genau hinzusehen, Verantwortung nicht abzuschieben und die Erinnerung an die Opfer stets zu bewahren.


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Sie haben sehr klar analysiert, welche Funktion die arbeitsteilige Bürokratie für die Aufrechterhaltung der NS-Terror-Herrschaft hatte. Die Betroffenheit, die Sie empfinden, wenn Sie die Kontinuität in der Gestaltung von Formularen und Akten von der NS-Diktatur zur Justiz-Verwaltung im heutigen demokratischen Rechtsstaat schildern, ist absolut nachvollziehbar. Sehr klug sind Ihre Schlussfolgerungen über die quasi ungewollte Funktion der Akten, die zur Verfolgung der Verbrecher nach 1945 geführt haben (wenn auch in zu wenigen Fällen, wie ich finde). Das Fazit, dass Bürokratie als Herrschaftsinstrument nie neutral ist, sondern im Dienst von Diktatoren und Mördern genauso funktioniert, kann ich nur unterstreichen. Gerade daher ist es wichtig, dass wir diese Erkenntnis in einem Verwaltungsstudium thematisieren bzw. dass wir möglichst vielen Studierenden zu dieser Erkenntnis verhelfen.