Erhöht E-Learning den Workload?

Liste Workload
Eigenes Bild

Ein Feedback, das uns aus medial angereicherten Lehrveranstaltungen immer wieder erreicht, sind die Klagen der Studierenden über die wachsende Arbeitsbelastung. Es gibt wöchentliche Aufgaben, Tests, zu beantwortende Forenfragen, Abstimmungen und zu schauende Videos. Fast jede Woche ist eine (Teil-)leistung fällig. Lehrende, die viel Zeit in die Bereitstellung der Arbeitsmaterialien verwenden, verlangen in der Regel auch eine gewisse Beteiligung der Studierenden. Beim “Lernen durch Lehren”, “Flipped- oder Inverted Classroom” lassen sich die digitalen Medien mit tollen Lehrkonzepte verbinden – meist jedoch mit einem hohen Aufwand.

Sind die Klagen also berechtigt? Steigt die Arbeitsbelastung mit jedem bereitgestellten Skript oder animieren die Zwischentests zum kontinuierlichen Lernen, um die Arbeitsbelastung in der Prüfungsphase zu verringern? Wird in manchen anderen Fächern zu wenig Lernanstrengung gefordert? Welcher Aufwand ist gerechtfertigt?

Workload und Credits

Diese Frage lässt sich seit dem Bologna-Prozess dank des Leistungspunktesystems “ECTS” einfach beantworten. Die Anzahl der Leistungspunkte (credits) definiert den Arbeitsaufwand der betreffenden Lehrveranstaltung. Ein Leistungspunkt entspricht etwa 30 Zeitstunden. Viele der Lehrveranstaltungen an der HWR Berlin mit 4 SWS sind mit 5 Credits angesetzt. Das entspricht also 150 Zeitstunden.

In meinem Erststudium sah das in den durch Klausur geprüften Fächern eher so aus:

  • 4 SWS Vorlesung = 3h *16 Wochen = 48 Stunden
  • vor der Vorlesung nochmal in den Hefter schauen= 0,25h *16= 4 Stunden
  • manchmal die Mitschrift verbessern/ überarbeiten= 3 Stunden
  • am Anfang des Semesters in einem Fachbuch blättern= 5*0,5h= 2,5 Stunden
  • 2 -3 Wochen vor der Klausur hektisch zu lernen anfangen= 8h* 17 Tage / 3-4 Prüfungsfächer = ca. 40 Stunden

Das entspricht ungefähr 100 Stunden – es wäre also durchaus noch Luft nach oben gewesen. Natürlich gab es auch Fächer, in denen ich freiwillig mehr las, wir uns in Arbeitsgruppen trafen oder wenigstens beim Mittag in der Mensa lebhaft diskutierten. In Fächern mit Hausarbeiten als Leistungsnachweis kniete ich mich oft mit Begeisterung rein und quälte mich in Bibliotheken durch tausend Mikrofiches. Aber es gab auch den Nebenjob, die Parties, die Freunde, Familie, später Kinder, Sport, Krimis, Kino, Wochenendausflüge, ….

Excelgrafik Studierendensurvy (eigenes Bild)
Quelle: https://www.bmbf.de/pub/Studierendensurvey_Ausgabe_13_Zusammenfassung.pdf

Nach der Umfrage der AG Hochschulforschung an der Universität Konstanz widmen sich Studierende aus Fachhochschulen im Durchschnitt 29,2 h pro Woche dem Studium. Aufgeteilt in 17,9h für den Besuch der Lehrveranstaltungen, 9,2 h für das Selbststudium und 2,1 h für das Treffen von Arbeitsgruppen. Das wären bei 4 SWS ca. 1,5 Stunden Selbstlernzeit pro Woche. Auch hier bleiben im Semester noch einige Stunden Arbeitsaufwand offen.

Wenn bei 150 h im Semester nur 3 Zeitstunden für die Vorlesung abgezogen werden, bleiben ca. 7h/Woche Arbeitsaufwand übrig. Pro Lehrveranstaltung! Ist das noch realistisch? Oder gleicht ein höherer Wissenstand dann den hohen Aufwand aus?

Workload an der HWR Berlin

Im BlendIT-Projekt setzt sich der Studieraufwand aus sehr komprimierten offline + online Input-Zeiten plus flexiblen Selbstlernstudium zusammen. Aufgaben, Portfolioprüfungen und der Vergleich von Zwischenergebnissen sollen das kontinuierliche Arbeiten lenken – die Projektmitarbeiter versuchen die “Aufgabenspitzen” der einzelnen Fächer vorab abzufragen, um die Arbeitsbelastung innerhalb des Semesters zeitlich etwas abzustimmen.

Wir versuchen die Beratung und Schulung der Lehrkräfte im Bereich E-Learning mit einer Sensibilisierung zum studentischen Workload zu verbinden. Dazu stellen wir ein Formular bereit. Gleichzeitig könnte die Auflistung deutlich machen, dass der geforderte Arbeitsaufwand noch im Rahmen des Leistungspunktesystems liegt.

Workload Zusammenfassung

Die Aufschlüsslung zeigt wie viel Zeit für Literaturrecherche zu veranschlagen ist und zu verdeutlichen, dass wöchentliche Onlineaufgaben evtl. Abstriche in anderen Bereichen erfordern. Aber wie kommt das informelle Lernen da mit rein? Wie zählen Bücherkauf, Studiumsorganisation, Sprechstundenbesuche und das Lesen von fachbezogenen Artikeln und Newslettern zum Arbeitsaufwand? Könnte man hier pauschal nochmal 10 % Aufwandszeit abrechnen? Wie bezieht man die unterschiedlichen Lerntypen in diese Formel ein?

Wie gehen die einzelnen Dozenten mit dieser Frage um? Gibt es Projekte an anderen Hochschulen, die diesen Workload im Einzelnen erfassen? Wie empfinden Studierende den Arbeitsaufwand?

Was sollten wir in unserem Formular noch erfassen?

 

Print Friendly, PDF & Email

Bildquellen

  • Liste: Vanessa Kazor

6 Gedanken zu „Erhöht E-Learning den Workload?

  1. Kristina Kuznetcova

    Ein sehr interessantes und aktuelles Thema! Vor kurzem habe ich in einer HWR Facebook-Studiengruppe ne Unterhaltung über den erhöhten Workload gelesen. Der/die Prof. hat als Teilleistung ein Peer Review verlangt und die Studenten waren davon nicht so begeistert, weil es den Aufwand erhöht hatte, da man nicht nur eigene Arbeit verfassen und abgeben, sondern die anderen auch bewerten musste. In dem konkreten Fall war diese Reaktion,glaube ich, damit begründet, dass diese Veranstaltung ohne Benotung war. Selbstverständlich möchte man in solche Fächer weniger Energie und Zeit investieren, um diese für die benoteten Veranstaltungen zu sparen und die bessere Note zu bekommen.
    Also, für das Formular: diese Benotungsregeln könnten mit eine Rolle spielen.

  2. susannemey

    Liebe Kristina,
    danke für Deine Anmerkung. Was mich da gleich interessiert: sind die Fächer ohne Benotung im Durchschnitt mit weniger Credits versehen?

  3. BPU

    Als vermutlich derjenige, der diese kritisierte LV durchgeführt hat:
    Die Einführung ins Studium hat 2,5 credits; der Workload liegt sollte folglich bei 75h liegen. Die Präsenzphasen umfassen 24 Zeitstunden (plus 1 h Info vom Prüfungsamt).
    Die Hausarbeit umfasst 4-5 Seiten und dient im wesentlichen der Übung formaler Vorschriften (Aufbau, Zitierweise, ..). Ein Teil der Literaturrecherche wird im Rahmen der Präsenzlehre durchgeführt. Zusätzlich Aufwand maximal 10h.
    Dazu kommt eine Gruppenpräsentation: maximaler Aufwand 25h (noch nie erlebt). Verbleiben mind. 40h.

    Zur Vorbereitung eines Feedbacks in der Gruppenphase habe ich einen Peer Review anhand eines vorbereiteten Fragebogens in Moodle erstellen lassen (1 Hausaufgabe – maximal 2h) sowie einen Firmenbesuch durch Internetrecherche vorbereiten lassen (maximal 2h). Wo ist das Problem??
    Unser Problem ist, dass Studis glauben, nur weil eine LV unbenotet sei, müsse keine Leistung erbracht werden. Wäre schön, wenn wir dem gemeinsam entgegen treten können.

    Zum ursprünglichen Thema: Ja, die geforderte und erbrachte Workload im E-learning wird höher bzw. deutlicher. Liegt in der Natur der Sache und ist als solches zu begrüßen. Man muss es ja nicht bis zur Obergrenze ausreizen, aber sollte dem Eindruck entgegen treten, dass lediglich die Teilnahme an den Präsenzphasen plus ein wenig Klausurvorbereitung hinreichend für einen Studienerfolg sind.

  4. BPU

    Mist! Man(n) sollte nicht zwei Dinge auf einmal tun.
    Korrekt gerechnet: Maximale Workload 24+1+10+25= 60 vor zwei kleinen Hausaufgaben.

    Und diejenigen, die sich darüber beschweren, sind nicht die, die 10h + 25h in die Hausarbeit und Gruppenpräse gesteckt haben.

  5. susannemey

    Hallo BPU,
    welches Seminar auch immer gemeint war … die Problematik betrifft sicherlich einige Fächer. Die hier dargestellte Transparenz der Studien- und Prüfungsleistungen zeigt nicht nur die Angemessenheit der Aufgabenstellung, sondern sogar eine gleichmäßige Verteilung des Workloads über das Semesters. Die Sensibilisierung für den Aufwand vs. die Aufwandsvorgabe lt. ECTS fehlt also wirklich noch.

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


CAPTCHA-Bild
Bild neu laden