Call for Papers: Short-Text basierte Wissensvermittlung: ‘SMS learning’

von Norbert Hermann

Sich aufs Wesentliche konzentrieren ist nicht nur eine Kunst sondern auch eine Notwendigkeit in Gegenden, wo der Zugang zu Information beschränkt ist. Mobile Endgeräte sind keinesfalls nur Smart-Phones, besonders in Entwicklungsländern herrschen „ganz normale“ GSM-Handys vor. Wie kann man diese Mobilgeräte sinnvoll nutzen?

Der Autor entwickelt anhand seiner Erfahrung als Entwicklungshelfer in Südafrika in Verbindung mit seinem beruflichen Hintergrund als eLearning- und Knowledge Management-Fachmann seine Idee, die er kurz ‚SMS-learning‘ nennt.
1. Ausgangslage
1.1 Entwicklungsländer

Handy-Screen beim mobile banking in Südafrika über USSD-Code

Verfügbarkeit und Zugang zu moderner Kommunikationstechnik ist in Entwicklungsländern keinesfalls ubiquitär. Die ‘digital devide’ zeigt sich innerhalb von Entwicklungsländern im Unterschied zwischen arm und reich, gebildet und ungebildet und zwischen urban und ländlich. Trotzdem sind inzwischen Mobiltelefone quasi weltweit verbreitet, auch wenn das Geld zur Nutzung (“Air time”) weiterhin beschränkt ist. Dort wo Smartphones verfügbar und der Netzzugang bezahlbar sind gibt es bereits innovative Anwendungen, auch und insbesondere für Entwicklungsländer, z.B. ushahidi.com.

Die Kreativität und der Wille zur sinnvollen und günstigen Nutzung der Mobilfunktechnologie zeigt sich auch in ärmeren Regionen beispielhaft bei SMS Konferenzen (siehe z.B.: http://www.dandc.eu/articles/198253/index.de.shtml, wo sich kleine Gruppen treffen, um sich mit anderen kleinen Gruppen an einem anderen Ort über SMS auszutauschen.

Auch lokale Wettervohersagen per SMS und das vor allem in Entwicklungsländern weit verbreitete mobile banking (siehe z.B.: https://www.fnb.co.za/cellphonebanking/cellphonebankingfaq.html1) per USSDCode-Funktionalität (in Deutschland z.B. *100#) zeugt von hoher Affinität zum Handy in diesen Ländern.

Unterstrichen wird der Wille zum Mobilfunkgerät durch Kleinstunternehmen, die sich in elektrizitätslosen Gebieten darauf spezialisiert haben, Handys aufzuaufladen. Auch gibt es dort Kurbeln oder Solargeräte zum Rechargen von Handys.
1.2 Entwickelte Länder
Die Durchdringung mit Mobilfunkgeräten nähert sich in entwickelten Ländern der 100%, dort hier sind Verfügbarkeit und Zugang zu modernen Kommunikations-Technologien unbestritten. Hier könnte Short Message Texting als Dinosaurier Technologie eigentlich als längst ausgestorben vermutet werden. Die SMS-Statistiken widerlegen diese Annahme (siehe z.B.: http://de.statista.com/statistik/daten/studie/167048/umfrage/anzahlderweltweitverschicktensmsprosekundeseit-2007/). Auch kann die weltweite Marktdurchdringung von Twitter als Indiez pro Kurznachrichten gewertet werden.
2. Short-Text-basierte Wissensvermittlung: ‘SMS Learning’
2.1 Anwendungsfelder für Entwicklungsländer
Verschiedenste Anwendungsfelder zum Einsatz von Textnachrichten in Entwicklungsländern sind denkbar. Aufklärungskampagnen in HIV Hochprävalenzgebieten z.B. im südlichen Afrika, Hilfe zum Auffinden von Wasserstellen während Dürrekatastrophen z.B. in Ostafrika, Humanitäre Hilfe und auch Entwicklungshilfe ist denkbar per SMS Learning. Die Entwicklung der Gesellschaft und soziale Komponenten (siehe z.B.: https://members.weforum.org/pdf/GEI/2009/Entrepreneurship_Education_Report.pdf; insbes. S.80ff) sind auch mit SMS learning unterstützbar. Beispielhaft sei auch der Bereich “public service broadcasting” (siehe z.B. http://unesdoc.unesco.org/images/0021/002156/215694e.pdf) genannt.
2.2 Anwendungsfelder für Entwickelte Länder
Sich knapp und exakt ausdrücken ist sowohl in Entwicklungsländern als auch in entwickelten Ländern oft eine gesuchte Fähigkeit. Mit der Beschränkung der Buchstabenanzahl beim Short Message Texting wird diese Fähigkeit geschult.
3. Implikationen des SMS-Learnings
3.1 Technologische Voraussetzungen
– Datenbank für Handynummern mit Hinweis zur Sprache des Nutzers
– Nutzung von Massen-SMS Diensten, z.B. Frontline SMS
– Nutzung der USSD Funktionalität (z.B. *200# für ein Hash-LMS…)

3.2 Inhalte
Vorgeschlagene Inhalte für Pull Dienste (USSD)

– Entwicklung kurzer Lerneinheiten; verständlich, prägnant, kurz
– Inhalte auf Region bzw. Zielgruppe zugeschnitten
– Es braucht sprachliche und auch regionale Anpassung der Lerneinheiten

Vorgeschlagene Inhalte für Push Dienste (SMS)

– Teaser für Pull Dienste
– Aktuelles / News (regional)
3.3 Soziale Komponenten
– Weiterentwicklung der Textsprache mit Slang und Abkürzungen (z.B. 2n8t, 2morow, lyf, K)
– Sicherstellung der Verlässlichkeit und Belastbarkeit der Inhalte, Vertrauen der Nutzer auf die Inhalte sicherstellen
3.4 Übersicht

SMS USSD- Code m.web online messenger
1 Technologie push pull pull push
2 Kommunikations-Art one way Kommuni-kation nachschla- geartig nachschla- geartig two way Kommuni- kation
3 Kosten der Übermittlung beim Sender beim Empfänger (1) beim Empfänger bei Sender und Empfänger
4 Verbreitung der Empfangsgeräte in entwickelten Ländern sehr hoch sehr hoch hoch hoch
5 Verbreitung der Empfangsgeräte in Entwicklungsländern hoch hoch niedrig niedrig
6 GSM Verbreitung in entwickelten Ländern flächen- deckend flächen- deckend flächen- deckend flächen- deckend
7 GSM Verbreitung in Entwicklungsländern flicken- teppich flicken- teppich flicken- teppich flicken- teppich
(1) kann vom Sender oder Netzanbieter übernommen werden

4. Nächste Schritte
a) Konkretisierung der Idee; Ungelöste Fragen; Konzentration auf Pull oder/und Push Technologie
b) Kontakte zu USSD-Technologie-Usern/Mobilnetz-Betreibern
c) Beispiel-Inhalte
d) Finanzierung des Projektes
e) Prototypische Anwendung

1 In Südafrika: anyone, with any cellphone, on any network can start banking by simply entering *120*321# and pressing the green/dial button on your cellphone. For this, there is no special SIM card requirements, no complicated downloads and no changes to your cellphone settings are required.”

Foto: Cornelia Jager, Johannesburg /Südafrika

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5 thoughts on “Call for Papers: Short-Text basierte Wissensvermittlung: ‘SMS learning’

  1. Carsten

    Wobei ich mir nicht helfen kann, mich zu fragen, ob die Menschen z.B. in Afrika nicht wirklich andere Sorgen haben, die ihnen vielleicht erstmal genommen werden sollten?
    Dennoch ein interessanter Ansatz, der sich wie von anderen Szenarien (z.B. Micro-Learning) unterscheidet?

    C.

  2. Paula

    Interessant erscheint mir diese USSD-Code Technologie. Das müsste mal genauer recherchiert werden.
    Wenn das alles so klappen sollte dann könnte hier eher eine Art Nachschlagewerk entstehen, ein “Mini-Wikipedia”.

    Der paralell dazu laufende SMS-Learning Teil selbst wäre dann nahe am Micro-Learning, also kein Nachschlagewerk sondern eine Art “Lernhappen”. Dies selbst wäre auch eine Herausforderung, das für jeden einzelnen User individuell/zielgruppengerecht zu organiesieren. User müssten sich “irgendwo” anmelden und dann bekommen sie jede Woche eine SMS zum Thema “XYZ” – Darf ich da skeptisch sein ob dabei irgend etwas im Lernzentrum des Empfängers ankommt?

  3. Spannender ansatz, insbesondere wegen Ihres erefahrungshintergrundes. wo liegt den der unterschied zum Lernen via twitter, wo es vermutlich schon Studien gibt? Oder sehen Sie Twitter als Web-basierte SMS pLattform?

  4. A:
    Twitter ist ja nicht gleich Twitter.
    (1) Twitter auf Smartphones
    In Entwicklungsländern sind mobile Twitter Applikationen nicht weit verbreitet (finanzieller [und krimineller] Aspekt der Hardware-Anschaffung).
    (2) Twitter auf GSM Phones
    Die Weiterleitung der Nachrichten von abonnierten tweet-Kanälen als SMS auf das Handy ist technisch möglich, jedoch selten kostenfrei (hier also wieder der finanzielle Aspekt, hier der für ‘laufende Kosten’)
    Grundsätzlich ist für den oben genannten SMS-learning Bereich (Push Dienste) eine Integration von Twitter natürlich denkbar und birgt gewiss Vorteile. Zum Thema Twitter und Learning hier eine schöne Textsammlung:
    http://elearningtech.blogspot.de/2010/03/twitter-for-learning-55-great-articles.html

    B:
    USSD Technologie (Pull Dienste)
    kann einen Ausweg aus den finanziellen Restriktionen bei der Zielgruppe in Entwicklungsländern bieten.
    Ergänzend zum obigen Ansatz wäre abzuklären, in wie weit USSD Dienste technologisch auch als Push-Dienste genutzt werden können oder zur individualisierten Inhalts-Übermittlung (was beim ‘USSD’-Banking ja der Fall sein muss)

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