Call for Papers: Neue Schreibformen – neue Denkformen – neue Lernformen? Bloggen in geisteswissenschaftlichen Lehrszenarios

von Jan Hecker-Stampehl, Humboldt-Universität zu Berlin

Ein wesentlicher Teil der geisteswissenschaftlichen Forschungspraxis hat mit dem geschriebenen Wort zu tun basiert – seien es etwa historische Quellen oder die analysierte Primärliteratur. Das Schreiben selbst ist ein wichtiger Teil des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses. Das Schreiben wird aber zur einsamen Arbeit des Genies im stillen Kämmerlein stilisiert. Schreiben ist Kunst, aber eher monologischer Art. Der in den letzten Jahren zu beobachtende Zuwachs bei den geisteswissenschaftlichen Blogs und auch deren zunehmende Nutzung in Lehrzusammenhängen könnten hier eine Veränderung überkommener Selbstbilder mit sich bringen. Zudem bergen die wissenschaftlichen Blogs die Chance, auch Nischenthemen einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Neben dem Erlernen der grundlegenden wissenschaftlichen Arbeitstechniken erachten es viele geisteswissenschaftliche Lehrende als eine ihrer hehrsten Aufgaben, diese Kunst des wissenschaftlichen Schreibens zu vermitteln. Gerade im deutschsprachigen akademischen Setting gilt zudem in den Geisteswissenschaften nach wie vor, dass der Autor/die Autorin in wissenschaftlichen Texten ein hohes sprachliches Niveau erreichen muss, um den Erwartungen gerecht zu werden. Man sollte möglichst differenziert und variantenreich den Gegenstand der Analyse darlegen und auseinandernehmen. Auf Verständlichkeit wird dabei nicht unbedingt Wert gelegt. Wer „schön“ schreibt, läuft nach dieser Deutung zu sehr Gefahr, die Dinge zu vereinfachen.

In Blogs hat sich ein von diesem akademisch-schweren Schreibstil abweichender Jargon etabliert. Hier geht es essayistisch bis polemisch zu, es wird in vielen Fällen eher eine journalistische Sprache gepflegt, die zwar ebenfalls um sachlich angemessene Analyse bemüht ist, aber einen größeren sprachlichen Variantenreichtum mit sich bringt. Man lässt dem Blogger „mehr durchgehen“ und tatsächlich erweist sich das Bloggen für Studierende wie auch für Forschende zunehmend als Schulungsmöglichkeit für eine andere Art, über Wissenschaft zu schreiben. Damit einher geht auch eine mögliche Öffnung der academia hin zu einer breiteren Öffentlichkeit.

Ich möchte die Entwicklung in der geisteswissenschaftlichen Blogosphäre konkret am Beispiel der Geschichtswissenschaft vorstellen, Trends diskutieren und über eigene Erfahrungen mit dem Einsatz von Blogs in Lehrszenarios berichten. Mich treibt dabei vor allem um, welche Art von Inhalten sich in Lehrveranstaltungs-Blogs angemessen umsetzen lassen. Das Zusammenschreiben von Handbuchwissen ist ja nicht deswegen besser, wenn es dann in Blogform erscheint. Wo liegen noch ungehobene Schätze, wo die verborgenen Chancen des wissenschaftlichen und des lehrbezogenen Bloggens? Bewirken die neuen Schreibformen auch neue Lernformen? Erlauben Blogs möglicherweise andere Sichtweisen auf die jeweiligen Inhalte? Wie kann man wissenschaftliches Bloggen einsetzen, um selbstgesteuerte Lernprozesse der Studierenden zu ermöglichen?

Kontrastive und ergänzende Beispiele aus anderen Disziplinen wären in der Diskussion sehr hilfreich.

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4 thoughts on “Call for Papers: Neue Schreibformen – neue Denkformen – neue Lernformen? Bloggen in geisteswissenschaftlichen Lehrszenarios

  1. Das ist ja schon eine kleine Polemik gegen die Vorherrschende Reinkultur wissenschaftlichen Schreibens! Ich würde die provokante Frage nach dem Zusammenhang von Schreibform und Lehrform unbedingt mit Ja beantworten. In meiner Lehrpraxis an der HWR werden bloggende Studierende z.B. dadurch belohnt, dass sie viel mehr und viel Zeitnähere Kommentare von mir erhalten. Dadurch kann eine Art Trial-and-Error Dynamik etabliert werden. Bei herkömmlichen Hausarbeiten fehlt das völlig…leider fehlt manchmal sogar jegliches Feedback. Blogs ermutigen Direkten Dialog. Das mag nicht jedem Diskurs angemessen sein, aber es kommt dem Lernbedürfnis der meisten Menschen näher. Und Lehre ist ja meistens (noch) nicht Forschung, sondern soll Forschung erst ermöglichen.

  2. (1) Gute angelsächsische Intellektuellen-Blogs haben eine Schreibkultur und Formate entwickelt, die als Vorbild dienen können. (Auch von Akademikern, aber vorwiegend außerhalb!)
    (2) Verlinken und gemeinsames Sammeln von Ideenbausteinen muss geübt werden. Dazu braucht es kollaborative Tools für Projektarbeit 2.0, die andere Denkweisen nach sich ziehen.
    (3) Die Entwicklung einer Diskurskultur wie bei Quora und Google Plus ist essenziell. Statt klassischen Blogs lieber Tumbleblogs nehmen.

  3. @birkenkrahe Ich will die “klassische Schreibkultur” nicht abschaffen, aber ich denke, dass Blogs in der Tat, wie auch Martin Lindner schreibt, dabei helfen könnten, eine neue Diskurskultur zu kreieren. In Lehrzusammenhängen spricht auch dafür, dass so eine größere Bandbreite an Textgenres geübt werden könnte. Zudem, und das machen wir vielleicht immer noch zu wenig, müsste man noch stärker Bild, Ton und Film einbinden. Da gibt es wieder Vorbehalte, die möglicherweise in den Geisteswissenschaften größer sind als in anderen Fächern (wie seht Ihr das?) – nämich, dass es als unseriös gilt, wenn es “bunt und laut” ist, also wenn andere Inhalte vom Text ablenken.

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