SLATES-Prinzipien als Indikatoren für den Paradigmenwechsel vom Web 2.0 hin zum Enterprise 2.0

Facebook, Wikipedia und YouTube gehören zum festen Alltag von Milliarden Nutzern weltweit. Mittlerweile wird der dazugehörige Begriff Web 2.0 kaum noch dafür verwendet, da diese und viele andere Web-Dienste fester Bestandteil unseres selbstverständlichen Lebens geworden sind. Ausgehend von Web-2.0-Diensten lassen sich eine Reihe von Indikatoren ableiten, die zunehmend intensiver von Unternehmen eingesetzt werden.

 

Enterprise 2.0 bezeichnet den Einsatz von Social Software zur Kommunikation, zur Projektkoordination und zum Wissensmanagement in Unternehmen. Diese kollaborativen  Arbeitswerkzeuge fördern einen einfachen, schnellen und freien Wissensaustausch zwischen Mitarbeitern und Abteilungen eines Unternehmens. In seinem Aufsatz „Enterprise 2.0: The Dawn of Emergent Collaboration“ prägte Andrew P. McAfee erstmals den Begriff Enterprise 2.0 und fasste die Indikatoren für den Paradigmenwechsel in einem vielbeachteten Akronym zusammen. Demnach steht die Abkürzung „SLATES“ für die Indikatoren Search, Links, Authoring, Tags, Extensions und Signals. Diese Prinzipien, Merkmale und Eigenschaften von Web-2.0-Anwendungen finden zunehmend stärker Eingang in Arbeitswerkzeuge von Unternehmen.

  • Search: Eine einfach zu bedienende Suchfunktion zur Recherche von Inhalten, wie etwa der Suche nach Mitarbeitern, Nachrichten, Gesprächen, Links, Dateien, Bildern sowie Schlagwörtern bestimmter Themen. Im Enterprise-2.0-Ökosystem und insbesondere durch die intensivierte Nutzung von Microblogging-Diensten hat sich der Umfang, sprich die Länge einer Nachricht, deutlich verkürzt. Umso wichtiger ist eine gute Suchfunktion.
  • Links: Durch den Verweis auf ausführliche Beschreibungen, Quellen oder weiterführenden Hintergrundinformationen mittels Verlinkungen kann ein Enterprise-2.0-Nutzer selbst entscheiden, wie weit er sich in eine bestimmte Thematik vertiefen möchte. Durch eine Referenzierung weiterführender Inhalte können relevante Nachrichten schneller wahrgenommen und ausgetauscht werden.
  • Authoring: Der englische Begriff Authoring geht über die Bedeutung der deutschsprachigen Übersetzung des Wortes Autorensystem, da es bei Enterprise-2.0-Anwendungen um mehr geht, als um einfaches Veröffentlichen oder Editieren von Inhalten. Authoring unterscheidet hierbei zwischen individueller Autorenschaft mit kumulativen Inhalten (z.B. Foren) und Autorengruppen mit iterativen Inhalten (z.B. Wikis). Am Beispiel eines Enterprise Microblog kann das entweder der jeweils erste Nutzer sein, der sich mit einer bis dato noch nicht registrierten Email-Domain anmeldet, oder aber ein Administrator, z.B. der IT-Leiter des Unternehmens, der das Netzwerk durch die Übernahme der Besitzrechte und Befugnisse erobert (z.B. durch Erwerb einer administrativen Lizenz für ein Netzwerk).
  • Tags: Durch die Vergabe von Schlagwörtern bzw. Themen am Ende oder wenn passend inmitten eines Textes, tragen Enterprise-2.0-Anwender dazu bei, ein sukzessiv wachsendes Konstrukt zu errichten, bei dem häufig genannte Schlagwörter größer oder anders farbig dargestellt sind, als seltener verwendete Begriffe. Ein solches Konstrukt wird auch als „Tag-Cloud“ bezeichnet und ist neben privaten und öffentlichen Blogs zunehmend auch als Bereich der Enterprise-Social-Software zu beobachten. Während die nutzergesteuerte Kategorisierung und Priorisierung auch unter dem engl. Begriff „Folksonomy“ bekannt ist, kann das Verwenden von Schlagwörtern durch Enterprise-2.0-Nutzer auch als eine Art „Social- bzw. Semantic-Tagging” beschrieben werden.
  • Extensions: Ähnlich dem Authoring geht auch die Bedeutung des Begriffs Extensions über die rein sprachliche Übersetzung in Erweiterungen hinaus. Zum einen ist die Extrapolation gemeint, also das Ziehen von Rückschlüssen einzelner Ereignisse auf größere Dimensionen und Zusammenhänge. Wenn also im Internet beobachteten Verhaltens gesichtet im Sinne von wahrgenommen wird, um Empfehlungen für ein zukünftiges Verhalten auszusprechen: Wenn beispielsweise Marketing-Mitarbeiter sich gegenseitig marketingrelevante Nachrichten austauschen. Auf der anderen Seite können Extensions auch als Programme, Applikationen oder Programmerweiterungen ausgelegt werden. So ist es denkbar, dass es von einer Web-Anwendung auch eine Desktop-Anwendung und eine mobile Applikation für Smartphones gibt, die es Nutzern erleichtern, auch unterwegs auf das Unternehmensnetzwerk zuzugreifen.
  • Signals: Benachrichtigungen auf Basis von Abonnement-Funktionen helfen Nutzern, indem sofort eine Mitteilung überliefert wird, sobald sich neue Aktionen innerhalb des Unternehmensnetzwerkes ereignen. Anwender können sich durch Feeds oder Emails informieren lassen, wenn neue Inhalte publiziert werden. Solche Benachrichtigungen können beispielsweise erfolgen, sobald ein Nutzer Antworten erhält, in einer Nachricht mittels @-Mention (Erwähnung durch Verlinkung eines Nutzers) genannt wurde, wenn eine Nachricht des Nutzers einen bewertenden Kommentar erhält oder auch, wenn sich neue Mitarbeiter mit dem Nutzer verknüpfen bzw. folgen. Es bietet sich darüber hinaus insbesondere im Unternehmenskontext an, eine Zusammenfassung der Benachrichtigungen täglich oder wöchentlich systemseitig auszusenden.

Die „SLATES“-Prinzipien können als eine Art Werkzeug-Baukasten von Web-2.0-Anwendungen verstanden werden, die im Kontext von Unternehmen und Organisationen eingesetzt werden. Dabei argumentiert McAfee, dass das Suchen und das Finden von Informationen im dynamischen Internet nachweislich besser funktioniert als in einem statischen Intranet, weil eine Masse von Nutzern diese Informationen durch Links strukturiert und bewertet, die wiederum von Suchmaschinen systematisch ausgewertet und klassifiziert werden. Dank der Hilfe von Administrations- bzw. Autorenwerkzeugen (Authoring) und der äußerst praktischen Verschlagwortung (Tags) von Inhalten können Unternehmen die „Weisheit der Vielen“ nutzenbringend einsetzen. Durch automatisierte Inhaltsvorschläge und thematische Erweiterungen (Extensions) können inhaltlich ähnliche oder zusammengehörige Inhalte leichter gefunden werden und dank Benachrichtigungen (Signals), wie etwa RSS- oder Atom-Feeds, sind neue Beiträge und Änderungen für Nutzer einfach nachvollziehbar.

Neben dieser Charakteristik geht der Begriff „SLATES“ dabei weit über die reinen Techniken hinaus und umfasst auch die Entwicklung einer offenen Unternehmenskultur. Laut McKinsey ist Enterprise 2.0 eine logische Konsequenz in der Evolution der Arbeitswelt. Nach der hierarchischen Organisation (ab 1850) und der prozessorientierten Organisation (ab 1980) ist die virtuelle, interaktive Organisation seit 2010 die neue Form der Zusammenarbeit in Unternehmen.

Später erweiterte Dion Hinchcliffe daher den „SLATES“-Ansatz mit dem Akronym „FLATNESSES“. Diese konsequente Weiterentwicklung liegt die Erkenntnis zu Grunde, dass sich die Entwicklung des Enterprise 2.0 nicht nur um Software oder IT-Anwendungen dreht, sondern vielmehr um einen Kulturwandel im Management bzw. der Führungsebene von Unternehmen. Die wohl wichtigste Ergänzung ist der Netzwerk-orientierte Aspekt. Das Aufbrechen von hierarchischen Strukturen und die Verlagerung der Kommunikation in Netzwerke ist ein Paradigmenwechsel, den einige Enterprise-2.0-Fürsprecher mit der industriellen Revolution vergleichen.

Angesichts der voranschreitenden Globalisierung und der Verlagerung standardisierter Prozesse ist es insbesondere für Wissensnationen essenziell wichtig geworden, eine konstante Steigerung der Wertschöpfung aus immateriellen Gütern und Dienstleistungen zu erzielen. Innovation im Wissensmanagement und eine effektive Vernetzung ist dabei zum entscheidenden Erfolgsfaktor geworden. Nun gilt es, das Zusammenspiel der einzelnen Wissensträger und -bausteine und ihrer Beziehungen zueinander möglichst flexibel zu unterstützen. Heute stehen wir am Übergang zu einer flexiblen Netzwerk-Organisation und zu virtuellen Unternehmen, die effektiv Wertschöpfung und Innovationen managen und so eine Leistungssteigerung zu erzielen.

Die Weiterentwicklung des Enterprise 2.0 kann von der Informationstechnologie nur angestoßen werden, es ist aber Aufgabe des Managements, die Potentiale des Enterprise 2.0 zu Tage zu fördern und in Wettbewerbsvorteile umzuwandeln.

Über den Autor:

Lukas Pfeiffer ist Absolvent der Steinbeis School of Management and Innovation in Berlin. Gemeinsam mit seinem Team hat er das Internet-Startup swabr.com gegründet. Dieser Enterprise-Microblogging-Dienst ermöglicht es Mitarbeitern, noch produktiver zusammenzuarbeiten. Dass Echtzeit-Kommunikation funktioniert, zeigen Nutzer aus 100 Ländern weltweit, die swabr.com bereits nutzen.

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Bildquellen

  • chalkboard-218593_1920: pixabay | CC0 Creative Commons

5 Gedanken zu „SLATES-Prinzipien als Indikatoren für den Paradigmenwechsel vom Web 2.0 hin zum Enterprise 2.0

  1. Lennart Bolduan

    Danke!
    Diesen Artikel habe ich gebookmarked und ich werde ihn bestimmt nochmal lesen! LG

  2. Der Beitrag hat mich inspiriert meine Hausarbeit zum Thema Wissensmanagement mit den SLATES Prinzipien zu pimpen. Ich werde diese mal an einem praktischen Beispiel durchspielen. Bin neugierig wie praktikabel das ist. Dank an Lukas für die Erleuchtung!

  3. Hans-Erich Mueller

    Sehr interessanter Beitrag, Herr Pfeiffer, klare Instrumente,
    aber ganz so glatt wird es nicht laufen mit den Social Media und der virtuellen Organisation.
    1. Shitstorm, Werbung & Co: Unternehmen verzweifeln am Social Web, weil die Werbung damit nicht wirkt: http://bit.ly/Xx1yhr
    2. Crowdsourcing und Digital Sweatshops: Enterprise 2.0 und die virtuelle Organisation haben wie schon Outsourcing und Offshoring Grenzen (vgl. Müller 2013, Kap. 3.3.4 http://bit.ly/XyAeCI ). Es gibt Chancen aber auch die Risiken der Digital Sweatshops (vgl. Malone et al. 2011; http://bit.ly/trzgmS).
    Die digitale Revolution gibt und nimmt, wie jede gesellschaftliche Umwälzung. Es kommt darauf an beide Seiten zu gestalten.

  4. Schöner Artikel, der viele Denkanstöße liefert; ich stimme insbesondere der Voraussage aufgrund historischer und technologischer Entwicklungen („die virtuelle interaktive Organisation“) zu, sehe aber auch, wie Hans Erich Müller, dass sich viele Firmen gegen den Druck der Außenwelt stemmen und ihre traditionellen Kulturen verteidigen. Man kann natürlich argumentieren, dass ein Generationswechsel das Problem von alleine löst, aber wenn dem so wäre, bräuchten wir ja zum Beispiel kein Change Management, sondern nur viel mehr Geduld. (Da könnte durchaus etwas sein.) Ein Problem bleibt bei allen Änderungen, dass vielen Organisationen zwar von Leistungssteigerung und größerer Effektivität reden, aber dass die Mitarbeiter daran häufig nicht interessiert sind, was auch nachvollziehbar ist, wenn sie nicht ins Boot geholt wurden bzw. wenn sich die Vorteile für das Gesamtunternehmen nicht auf die Ebene des einzelnen Mitarbeiters übertragen lassen. Einfacher gesagt: die Leute haben keine Lust mitzuziehen, wenn für Sie dabei nichts herausspringt. Es wird nicht dadurch einfacher, dass bei allen Änderungen, aber insbesondere bei technologisch initiierten, viel Angst mitschwingt, ob in der neuen Welt für mich noch ein Platz ist. Und schließlich gibt es die von Argyris gut untersuchte Tatsache, dass Organisationen nach außen ein Bullshit-Level der Argumentation haben (sog. “espoused theory of behavior”), unter dem eine zweite Ebene von Argumenten liegt, die das tatsächliche Verhalten bestimmen (sof. “theory-in-use”). Diese Sachverhalte kann jeder nachvollziehen, der schon einmal in einem Unternehmen gearbeitet hat. Einfache Lösungen gibt es hier nicht. Was mich im Hinblick auf Virtualisierung positiv stimmt, ist die Tatsache, dass alle diese Werkzeuge auf mehr Dialog und mir Community aufbauen: wenn aber mehr Austausch besteht, besteht auch mehr Gelegenheit zum Ausgleich und zur Identifizierung von Vorteilen, zum Konflikt und zur Weiterentwicklung.

  5. Hallo, genau diese Frage habe ich in meinem Blog ebenfalls behandelt 🙂 Danke für den aufschlussreichen Post! http://bit.ly/Txw7k0

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