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Aufmerksamkeitsfresser Smartphone

Marian Bauersachs 20 April 2016 4 Comments

Für Lehrende wird das Smartphone mehr und mehr zum Hassobjekt in jeder Vorlesung. Durch das gut ausgebaute WLAN und der hohen Verbreitungsrate sind technische Geräte stets griffbereit zur Ablenkung und die Aufmerksamkeitsspanne verringert sich zunehmend. Sobald Studierende ein Smartphone in die Hand nehmen, ist automatisch die Aufmerksamkeit komplett darauf gerichtet. Die Ausrede, man könne ja sehr gut Multitasking betreiben, ist ein Mythos und wurde auch schon von Forschern widerlegt. Einige Lehrende erwägen, meist nach schlechter Erfahrung, jegliche Nutzung technischer Geräte komplett zu verbieten. Selbst wenn nur vereinzelte Studierende Laptops benutzen, beeinflusst das nicht nur den Nutzer selbst, sondern auch die Kommilitonen in der Nähe.

Wie stark jedoch Smartphones wirklich ablenken und zu schlechteren Leistungen führen hat Prof. Dr. Joachim Riedl von der Hochschule Hof sowie Dr. Sebastian Zips untersucht. In diesem Experiment wurde explizit die Multitasking Fähigkeit von Studierenden verschiedener Studiengänge untersucht. Die meisten Studierenden kamen aus den Richtungen Wirtschaft, Ingenieurswesen, Informatik und Recht.

Im Experiment wurde ein Ausschnitt aus einem Interview mit dem Philosophen Karl Popper gezeigt. Studierende bekamen WhatsApp-Nachrichten während des Films zugeschickt mit Fragen, die sie von den eigentlichen Fragen ablenken sollten. Diese Störfragen wurden genau dann abgesendet, wenn entscheidende Stellen zu den Fragen im Film auftauchten.

Eine Referenzgruppe von 30 Probanden/ -innen wurde nicht gestört und erreichte einen Notendurchschnitt von 1,1. Das Experiment hat hier gezeigt, dass selbst einfache Nachrichten auf dem Smartphone die Leistung erheblich reduzieren. Die Gruppe, die abgelenkt wurde, erreichte einen Schnitt von bestenfalls 3,0.

Einzige Ausnahme war die Studienrichtung Informatik. Informatiker/ -innen sollten sich allerdings nicht zu früh freuen zukünftig einen guten Grund zu haben bei jeder Vorlesung das Smartphone auspacken zu können, denn es gibt einen Haken. Informatiker/ -innen , die gewöhnlich sehr technikaffin sind, benutzen oft ein oder mehrere technische Geräte gleichzeitig. Dadurch steigt zwar die Multitasking Fähigkeit, im Gegenzug verringert sich aber die Leistungsfähigkeit. Riedl bezeichnet dies in seiner Studie als „Kollateralschaden“.

Dadurch waren die Informatiker/ -innen aber auch die einzige Gruppe, die ihre tatsächliche Leistung im Experiment am besten einschätzen konnte, bedingt durch ein erhöhtes Problembewusstsein (siehe Abbildung 4). Damit ist klar, dass kognitives Multitasking offensichtlich eine Fiktion ist. Man kann die Benutzung des Smartphones in einer Vorlesung gleichsetzen mit dem Versuch zwei verschiedenen Personen zuzuhören.

Und genau hier besteht die Schwierigkeit der Lehrenden. Es müssen Methoden entwickelt werden, um die Studierenden besser in die Vorlesung einzubinden. Eine Möglichkeit sind zum Beispiel Apps mit denen die Studierenden mit Lehrenden live interagieren können. Mit der myTU-App der TU Bergakademie können Studierende signalisieren, dass der Stoff zu schnell oder zu langsam vorgetragen wird. Dies ist jedoch eher geeignet für große Lehrveranstaltungen. Andere Apps haben noch ein Multiple-Choice-Quiz integriert oder man kann ein anonymes Feedback abgeben.

Jedoch stoßen diese Apps schnell an ihre Grenzen, wenn zum Beispiel kein WLAN Netz verfügbar ist oder bei kleinen Veranstaltungen, bei denen sich ein direkter Austausch als effizienter erweisen würde. Die größte Gefahr ist jedoch, dass man bei der Nutzung dieser Apps sehr leicht von einer WhatsApp-Nachricht oder ähnlichem abgelenkt werden kann.

Allgemein sind viele Hochschulen bei diesem Thema zwiegespalten. Einerseits möchten sie natürlich die Online- und Medienkompetenz der Studierenden fördern, andererseits fordern die Lehrenden aber auch die volle Aufmerksamkeit und einen störungsfreien Ablauf der Vorlesungen. Somit ist die Nutzungserlaubnis von technischen Geräten ein zweischneidiges Schwert.

Der Untersuchungsleiter der oben genannten Studie, Joachim Riedel, sagt dazu in einem Deutschlandfunk Interview:

Ich würde sagen, die ganze Technik ist eigentlich noch viel zu neu, als dass der Mensch schon gelernt hat, wie er richtig damit umzugehen hat. Der ganze Nutzen steht vollkommen außer Frage, aber man muss erst noch richtig lernen, dass es auch Zeiten gibt, wo man selber am meisten davon profitiert, wenn man die Geräte mal auslässt und sich auf etwas anderes konzentrieren kann.

Teilen sie die Meinung von Joachim Riedel oder halten sie ein striktes Verbot von Smartphones und Co. für sinnvoll?
Können sie Erfahrungen dahingegen teilen?

 

Weitere Informationen

Studie von Prof. Dr. Joachim Riedel in dnh (6/2015): Leistungseffekte des kognitiven „Multitaskings”: Smartphones in der Vorlesung
Zeit Online: „Da könnte ich auch gleich Ghettoblaster im Seminar erlauben“
Zeit Online: „Alles gleichzeitig funktioniert nicht“
Unicum.de: „Smartphones an der Uni: Ständige Begleiter“

 

 

 

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4 Gedanken zu „Aufmerksamkeitsfresser Smartphone“

  1. Fritze sagt:

    Altes Problem neu verpackt. Will man sich wirklich auf etwas konzentrieren sollte man zb. kein Radio hören. Es geht einfach darum, will man fokussiert arbeiten, ist jeglicher Einfluss von außen störend. Und was früher das Radio ist heute das Smartphone. Egal ob Infomatiker oder Nasenbohrer.

  2. Lina Mey sagt:

    Sehr schön geschriebener Artikel!
    Allerdings bin ich auch der Meinung, dass jeder selbst entscheiden muss, ob er konzentriert zuhören/arbeiten möchte oder am Smartphone und Co. spielen will. Da bringt auch kein Verbot etwas, das wird wahrscheinlich nur umgangen. Erinnert mich ein wenig an die Anwesenheitspflicht-Debatte, bestrafe ich die Abwesenheit (physisch oder mental) oder lasse ich jeden selbst entscheiden, ob er aufpassen und lerne möchte? Auch in Potsdam war das lange ein Thema, nun gibt es keine Anwesenheitspflicht mehr. Und aus Studentensicht muss ich sagen: Mir gefällt es! Wenn ich im Seminar bin, sind auch nur Leute dort, die auch etwas lernen möchten und nicht stören oder abwesend sind, weil sie dort sein müssen. Gleiches gilt für die Vorlesung. Wenn ich kurz auf mein Smartphone schaue, werde ich nicht gleich an dem Pranger gestellt, aber die restliche Zeit nutze ich, um etwas aus der Vorlesung mitzunehmen. Sonst lohnt sich schon der Anfahrtsweg nicht. Jeder der lieber spielen oder Videos schauen möchte, soll das tun. Lediglich die Multitasking-Ausrede zählt nun nicht mehr. 😉

  3. Schöner Artikel, sehr klar und gut recherchiert! Ich schätze Smartphones im Unterricht indirekt, weil sie helfen, Studierende, die nicht folgen mögen oder können, beschäftigen. Das ist natürlich ein didaktisches Armutszeugnis…andererseits kann ich es verstehen, wenn man mal „aussteigen“ möchte ohne aber den Raum und die Veranstaltung ganz zu verlassen: mit 4-6 Stunden sind unsere Lehrveranstaltungen eher Mini-Marathons bzw. Aufmerksamkeitsfriedhöfe.– Eine eher offensive Verwendung von Smartphones kriegt man durch Nutzung von Online-Materialien wie Zaption.com im Präsentationsmodus: hier wird das Smartphone als Endgerät eingebunden – eine App braucht man nicht, Browser genügt. Ich habe das in der letzten Woche 2 x in Veranstaltungen ausprobiert, mit großem Erfolg: statt 2-5 waren während eines in Zaption.com verpackten Videos 20 Teilnehmer dauernd dabei und gefordert.

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