Bessere Beteiligung und Selbstorganisation der Studierenden durch die Methode des aktiven Plenums

Prof. Dr. Marcus Birkenkrahe hat im Sommersemester 2013, gefördert durch die Qualitätsoffensive Lehre, im Studiengang Wirtschaftsinformatik in der Lehrveranstaltung “Unternehmensmodellierung” durch die Methode des aktiven Plenums die studentische Selbstorganisation angeregt und bessere Lernergebnisse erzielen können. Hierzu fand Prof. Dr. Marcus Birkenkrahe im Teamteaching mit Frank Habermann zusammen. Beim aktiven Plenum der Studierenden beraten und entscheiden die Studierenden,  wie sie ihre Ideen einbringen und ein Problem kollaborativ lösen.

Wie sind Sie auf Ihre Idee gekommen?

Die Idee, die von Jean Paul Martin entwickelte Methode „Lernen durch Lehren” (LdL) einzusetzen, hatte ich bereits seit mehreren Jahren. Vor kurzer Zeit wurde ich dann mit dem sog. “aktiven Plenum” bekannt gemacht, dass vor allem von Christian Spannagel im Rahmen der Mathematik Lehrerausbildung weiterentwickelt wurde. Direkte Kenntnis der Methode beruhte bei mir auf Aufnahmen, die Prof. Spannagel und Prof. Martin in ihrem Unterricht gemacht hatten.

Was ist das Neue an Ihrem Projekt im Gegensatz zu bisherigen Lehrpraxis?

Die Lehrveranstaltung „Unternehmensmodellierung“ ist typisch für die Veranstaltungen des Studiengangs Wirtschaftsinformatik im Hauptstudium: Die 2 SWS Vorlesung und 2 SWS Übungen waren bislang als sog. “seminaristischer Unterricht” geplant. Sie sollten die Studierenden zum selbstständigen wissenschaftlichen Arbeiten anleiten und motivieren, z.B. in dem Sie möglichst viel diskutieren und ich für sie möglichst praxisnahe Projekte definiere, die schriftlichen Ausarbeitungen wie Präsentationen und Übungsaufgaben moderiere, und die Studierenden in Kleingruppen coache. Der Kurs wurde in Moodle durch Materialien (Präsentationen, Links, Texte usw.) unterstützt. Der Lehransatz blieb bislang aber dennoch eher frontal und von mir vorgegeben.

Bei Verwendung der Methode des aktiven Plenums ist neu:

  1. Diskussionen, Lösen von Aufgaben im Unterricht, Besprechung von vorliegenden Lösungen und Kurzwiederholungen des Stoffs der vergangenen Woche(n) werden von den Studierenden selbst organisiert, geleitet und durchgeführt (anstatt wie früher von mir). Ich initiiere lediglich die Arbeitsabschnitte, stelle erforderliche Materialien bereit, begleite und unterstütze ggf. die Arbeit von hinten (d.h. die Studierenden in den Rollen Moderator und Schreiber stehen vorne) und leite (jetzt wieder vor der Gruppe) die Diskussionen zur Reflexion der Methode „aktives Plenum“.
  2. Wesentlich mehr Studierende nehmen dadurch an der gemeinsamen Arbeit teil; im Schnitt ist die Beteiligung höher; die Arbeitsatmosphäre ist in der Regel während der gesamten Veranstaltung energiegeladen und positiv.
  3. Die Gruppe der Studierenden, die jetzt kontinuierlich mit dem aktiven Plenum lernt, ist der Vergleichsgruppe vom vorherigen Semester um wenigstens einen Monat voraus was die objektiven Ergebnisse betrifft.

Was waren die Ziele Ihres Projektes und Ihre Erwartungen?

Eigentlich wollte ich nur mehr Selbstständigkeit der Studierenden und größere Beteiligung bei allen Übungen und Diskussionen erreichen. Ich hatte außerdem gehofft, die Studierenden zusätzlich und anders motivieren zu können, weil ich sie offen an einem didaktischen Experiment beteiligte. Ich habe damit in der Vergangenheit immer gute Erfahrungen gemacht, wenn das Experiment gut durchdacht und gut vorbereitet war.

Erst bei der Auseinandersetzung mit den zum Teil unerwarteten Ergebnissen (s.o.) wurde mir klar, dass die Studierenden  tatsächlich mehr und nicht nur besser lernen, und als Gruppe mehr leisten könnten.

Unerwartet war der Leistungszuwachs der Studierenden und der Enthusiasmus, mit dem diese Gruppe das aktive Plenum angenommen hat, sowohl was Anwesenheit als auch Performanz anbetrifft.

Unerwartet war ebenfalls, dass ich mich jetzt anders auf den Unterricht vorbereite. Die Materialien treten deutlich in den Hintergrund, während die Interaktion und die Nachlese der Interaktion und der Sitzung (die über ein Wiki geschieht) in den Vordergrund treten.

Was würden Sie beim nächsten Durchlauf verändern wollen?

Ich würde gerne damit experimentieren, Gruppen von Studierenden weitergehende Verantwortung auch für die Vorbereitung und Durchführung und Nachlese, und nicht nur für die Anleitung einer einzelnen Sitzung zu geben, d.h. das LdL Konzept weiterzuverfolgen. Gleichzeitig habe ich angefangen, in der Projektarbeit die von Frank Habermann eingeführte Methode des agilen Projektmanagement zu verwenden. Hier bin ich noch etwas unsicher und möchte den Einsatz dieser Methode, die ebenfalls gute Ergebnisse zeigt, weiter üben.

Wo sehen Sie Weiterentwicklungsbedarf und wichtige Rahmenbedingungen für eine nachhaltige Verankerung Ihres Projektes oder der Methode?

Um das Projekt und unsere Ergebnisse zu verstetigen, würden wir unsere erfolgreiche Kollaboration unter Lehrenden bekannter machen (Update: geschehen, siehe z.B. Intercampus Workshop unten); um die Methode im Unterricht nachhaltig zu verankern, benötigen wir voraussichtlich noch ein weiteres Semester und einen Kurs mit einem anderen Thema und einer anderen Kohorte. (Update: im SS 2014 erfolgreich im kooperativen Siemens-Studiengang angewendet, also einer ganz anderen Zielgruppe). Durch einen Video-Beitrag von zwei unserer Lehrbeauftragten, Stefanie Quade und Nina Neef, ist die Methode „Flipped Classroom/Aktives Plenum“ auch unter Lehrbeauftragten bekannter geworden (http://bit.ly/aktplen).

Ich wende die Methoden „Aktives Plenum“ und „Agile Methoden“ (Habermann) im laufenden Semester (WS 2012/2013) jetzt auch in MBA-Kursen (Part-Time, ab SS 2013 auch im Full-Time Programm) an, in reduzierter Form (vor allem dem engen zeitlichen Rahmen geschuldet). Bisher werden die Methoden von den Teilnehmer/innen sehr gut angenommen. MBA-Studierende haben mit der Selbstorganisation weniger Schwierigkeiten und scheinen die virtuelle Gegenwart eines Sparringspartners, der während und am Ende von Projektabschnitten kommentiert, zu schätzen.

Allgemein lässt sich sagen, dass jede unserer bisherigen Testgruppen das Geschenk der größeren Verantwortung und des größeren Handlungsspielraums gerne entgegengenommen hat, vielleicht auch weil die meisten traditionellen, auf “Senden und Empfangen” zugeschnittenen Methoden in dieser Hinsicht einigermaßen dürftig sind.

Birkenkrahe bloggt zu LdL: http://bit.ly/LDLblog

Weitere Quelle zum Aktiven Plenum/Flipped Classroom: elerner Blog — http://bit.ly/KlassenFlip und Intercampus Workshop 2013: http://bit.ly/flippedWiki

Beispiel eines Sprint-Plans im Rahmen eines agilen Projekts — http://bit.ly/SprintPlan

Literatur u.a.

  • Iberer, U.: Das aktive Plenum: Neue didaktische Potenziale einer klassischen Sozialform. In L. Berger, C. Spannagel & J. Grzega (Hrsg.), Lernen durch Lehren im Fokus. Berichte von LdL-Einsteigern und LdL-Experten (S. 87-94). Berlin: epubli, 2011.
  • Spannagel, C.: Das aktive Plenum in Mathematikvorlesungen. In L. Berger, C. Spannagel & J. Grzega (Hrsg.), Lernen durch Lehren im Fokus. Berichte von LdL-Einsteigern und LdL-Experten (S. 97-104). Berlin: epubli, 2011.

Autor: Prof. Dr. Marcus Birkenkrahe

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