Das Dreyfus-Modell: Die Stufen der Kompetenzbildung

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Das Dreyfus-Modell wurde von den Brüdern Stuart und Hubert Dreyfus entwickelt. Beide Akademiker, Stuart als Mathematiker und Hubert als Philosoph, veröffentlichten 1980 eine Arbeit mit dem Namen “A Five-Stage Model of the Mental Activities Involved in Directed Skill Acquisition”. Frei übersetzt “Ein 5-Stufen-Modell der mentalen Aktivitäten beim Erwerb von Fertigkeiten”. Wie der Name schon andeutet, beschäftigt sich das Modell damit, wie Lernende durch formale Regeln und Erfahrung Fähigkeiten erlernen können. Dabei durchlaufen sie fünf voneinander abzugrenzende Stadien: Anfänger, Kompetenter, Profi, Experte und Meister.

Anfänger

Der Lernprozess beginnt damit, das Lernumfeld in kontextfreie Merkmale zu zerlegen, die der Anfänger erkennen kann ohne dass er dafür Erfahrung in dem Umfeld benötigt. Diese Merkmale werden auch nichtsituationsbedingte Merkmale genannt. Anschließend werden dem Lernenden Regeln an die Hand gegeben, um auf Basis der Merkmale Handlungen zu bestimmen. Um sich zu verbessern, müssen diese Handlungen beobachtet werden, sei es Selbstüberwachung oder anweisendes Feedback. Dadurch wird sein Handeln mehr und mehr regelkonform. Ein Schüler, der eine Sprache lernt, kann als Anfänger betrachtet werden, wenn er phonetische Regeln kennt um Geräusche zu produzieren. Diese mögen ihm sinnlos erscheinen, wenn er sie jedoch in den richtigen Situationen von sich gibt, erhält er sinnvolle Resultate.

Kompetenz

Kompetenz kann nur erlangt werden, wenn der Lernende schon einige, reale Situationen gemeistert hat, in denen er bedeutende, wiederkehrende Muster gelernt hat. Diese situationsbedingten Muster, durch die der Schüler sein Umfeld näher kennenlernt, sind nicht mehr die kontextfreien Merkmale des Anfängers. Sie ermöglichen es ihm, sein Vorgehen im Vorhinein zu planen und Routine zu erlangen. Durch wachsende Erfahrung ist er in der Lage, flexibel auf Aufgaben einzugehen. Der Sprachschüler hat Kompetenz erlangt, wenn er nicht länger sinnlose Geräusche hört und produziert, sondern kurze Sätze wahrnimmt, die in den richtigen Situationen Effekte aufgrund deren Sinn hervorrufen.

Profi

Der Profi kann die Situation gut einschätzen und reagiert, indem er unter den einzelnen Arbeitschritten Prioritäten setzt. Er ist in der Lage, allgemeine Leitfäden heranzuziehen und an die momentane Aufgabe anzupassen. Auch erkennt er Abweichungen vom normalem Schema der Situation und kann diese auch bewusst herbeiführen, wenn es seiner Meinung nach erforderlich ist. Die Risikobereitschaft, Abweichungen herbeizuführen und aus diesen zu lernen, unterscheidet den Profi vom Kompetenten. Der Sprachschüler ist nun endlich in der Lage, die ganzen verschachtelten Sätze zu formulieren, die es ihm ermöglichen, ganze Situationen zu beschreiben und die Sprache für Bitten, Fragen, Befehle usw. zu gebrauchen.

Experte

Der Experte verfügt über ein profundes Verständnis der Situation und einen reichen Erfahrungsschatz. Er verlässt sich nicht mehr allein auf Leitbilder, sondern findet intuitiv die bestmögliche Lösung, da sein Repertoire an erfahrenen Situationen so groß ist, dass jede mögliche Situation schon mit der richtigen Handlung verknüpft ist. Er kann auch besondere oder seltene Situationen schnell erfassen und meistern. Außerdem wählt er einen analytischen Ansatz, wenn er mit einer neuen Problemstellung konfrontiert wird. Nach einiger Zeit, in der der Sprachschüler die Sprache auch wirklich im Alltag benutzt hat, reagiert er auf Situation intuitiv mit der richtigen Antwort ohne dabei bewusst Leitbildern geschweige denn Regeln zu folgen.

Meister

Nach ihrem Modell gibt es kein höheres Level als Expertise. Dennoch führen Sie ein letztes Stadium ein: den Meister. Dem Experten ist es möglich, bei der Ausübung seiner Tätigkeit Momente zu erfahren, in denen er völlig in diesen aufgeht und in der seine Leistung sogar ihr üblich hohes Level übersteigt. Diese Momente können nur auftreten, wenn der Experte aufhört bewusst auf seine Leistung zu achten. Dann wird all die mentale Energie, welche vorher in die Überwachung der Ausführung investiert worden wäre, nun dazu benutzt, fast augenblicklich in die richtige Handlung einzufließen. Die Gebrüder Dreyfus sprechen auch von “Quieting the analytical mind” also “Abschalten des analytischen Geistes”.

Zusammenfassung

Je kompetenter der Lernende in der Tätigkeit wird, umso weniger ist er abhängig von abstrakten Regeln und verlässt sich eher auf seine konkrete Erfahrung. Dieser Fortschritt zeigt sich vor allem in der Weise, wie er das Aufgabenumfeld wahrnimmt. Bei dem Umfeld kann es sich um Situationen der Realität handeln, z. B. Auto fahren, oder aber um theoretische Problemfälle die gelöst werden müssen, z. B. Aufgaben in einer Klausur. Das Dreyfus-Modell ist nützlich, um den Lernfortschritt eines Lernenden festzustellen und darauf aufbauend lässt sich auch die beste weiterführende Förderung auswählen. Dennoch ist das nicht nur Lehrenden vorbehalten. Auch jedem Lernenden ist zu empfehlen, seinen eigenen Lernstand anhand dieses Modells zu reflektieren.

Quelle: Dreyfus, Hubert L. and Stuart E. Dreyfus, “A Five-Stage Model of the Mental Activities Involved in Directed Skill Acquisition”, ORC-80-2, Operations Research Center, University of California, Berkeley, (1980)

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Bildquellen

  • on being: https://www.flickr.com/photos/speakingoffaith/5567862095/in/photolist-9u1Kqk

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