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Praxistransferberichte

Gast Beitrag 18 Januar 2017 3 Comments

WI 16A FB2

Am Fachbereich Duales Studium verfassen die Studierenden im Bereich Wirtschaft als Abschluss ihrer Praxisphasen sogenannte Praxistransferberichte (PTBs). Diese PTBs haben einen Umfang von ca. 10 Seiten und stellen eigenständige wissenschaftliche Arbeiten dar, die neben einer Literaturdiskussion auch die Praxis mithilfe wissenschaftlicher Methoden integrieren sollen. Im weiteren Sinne zählen auch die später zu schreibenden Arbeiten, die Studienarbeit und die Bachelorthesis zu den PTBs, da an diese dieselben Anforderungen – Wissenschaftlichkeit, Literaturdiskussion, Praxisintegration – gestellt werden und sie lediglich einen größeren Umfang aufweisen.

Die Studierenden müssen sich am FB 2 schon sehr früh in ihrer wissenschaftlichen Karriere mit der strukturierten Verzahnung von akademischem und praktischem Wissen und daher auch mit den gängigen empirischen Methoden auseinandersetzen. Das scheint auf den ersten Blick sowohl reizvoll zu sein als auch eine Überforderung darzustellen.

Geht das überhaupt? Sind PTBs ein sinnvolles Mittel für den Theorie-Praxis-Transfer oder doch eher eine nervige Fleißaufgabe? Die Studierenden aus dem Wirtschaftsinformatik Kurs WI16A wollten es genauer wissen und fragten ihre Arbeitgeber und Lehrenden, was sie wirklich über PTBs denken, welche Erfahrungen sie gemacht haben und welche Tipps sie geben können.

Methodisches Vorgehen

Um ein möglichst ungefiltertes Meinungsbild zu erhalten, wurden bewusst offene Interviews geführt, für die vorab lediglich ein grober Leitfaden entwickelt wurde. Als potenzielle Interviewpartner/Innen wurden zum einen alle Lehrenden kontaktiert, die in den beiden vergangenen Jahren in der Fachrichtung Wirtschaftsinformatik PTBs betreut haben. Mit 10 der 14 angeschriebenen Lehrenden konnten dann auch erfolgreich Interviews geführt und ausgewertet werden. Zum anderen wurden die Unternehmenspartner der Studierenden im WI16A Kurs befragt; hier konnten 20 von 27 Interviews verwendet werden. Alle Interviews wurden aufgezeichnet und im Anschluss transkribiert.

Bedingt durch die sehr offenen Fragen, stellte es die Studierenden vor eine besondere Herausforderung, zusammenhängende Erkenntnisse aus den sehr unterschiedlichen Daten der 30 Interview Transkriptionen zu gewinnen. Dazu wurde ein induktiver Ansatz gewählt, bei dem in den Protokollen zunächst einzelne Aussagen identifiziert und die Anzahl ihrer Nennung gezählt wurden. Diese Aussagen wurden in die Kategorien: positiv, negativ, Empfehlung für Studierende, Empfehlung für Lehrende und Empfehlung für Unternehmenspartner nicht exklusiv eingruppiert. Auf Basis der so aufbereiteten Daten ließen sich eine Reihe von Ergebnissen ableiten.

Ergebnisse

PTBs werden überwiegend als positiv wahrgenommen: Es gibt sehr viele positive Aussagen. Dabei wird von Unternehmen und Lehrenden insbesondere das kontinuierliche Lernen, verbunden mit einer sichtbaren Entwicklung über die Semester als positiv bewertet. Speziell von den Unternehmen werden PTBs als wichtiges Instrument der Ausbildung, aber auch darüberhinausgehend als Mittel der Organisationsentwicklung gesehen.

PTBs werden auch als Belastung empfunden: Bei den Lehrenden kritisiert ein kleinerer Teil den hohen Zeitaufwand einer PTB-Betreuung. Bei den Unternehmen wird die Belastung deutlicher: so sehen immerhin sieben Unternehmen einen PTB ganz generell als mühsames Unterfangen für Unternehmen und Studierende und acht nennen den Zeitdruck als besonderen Belastungsfaktor. Ein weiterer Aspekt, der durch die Unternehmen als schwierig eingeschätzt wird, ist die Themenfindung mit 10 Nennungen.

Das richtige Thema ist erfolgskritisch: Die besondere Relevanz der richtigen Themenwahl und der damit verbundene Rat an Studierende und Unternehmen, auf diesen Aspekt besonders zu achten, findet sich – neben der Nennung als Problembereich – ­­­­auch bei den Empfehlungen recht häufig.

Eigenverantwortung der Studierenden: Insbesondere die Lehrenden betonen die Verantwortung der Studierenden Betreuungsleistung einzufordern, Inhalte und Meinungen kritisch zu hinterfragen und eigene Meinungen zu äußern. Dabei werden aber gleichzeitig eine sachliche Diskussion und die Berücksichtigung vielfältiger Quellen erwartet.

Zeitnutzung: Das kurze Zeitfenster für die Erstellung der PTBs wurde bereits als problematisch identifiziert. Dieser Aspekt taucht auch als Empfehlung auf, die knappe Zeit optimal zu nutzen und nicht erst ganz zum Schluss mit der Arbeit zu beginnen.

Kommunikation: Als Empfehlung wird weiterhin die Abstimmung zwischen den Beteiligten genannt.

WI 16A FB2

Schlussfolgerungen

Die Studierenden sind für ihren PTB verantwortlich. Das ist keine leichte Aufgabe; vor allem deshalb, weil schon sehr früh mit den PTBs begonnen wird und die Studierenden zu diesem Zeitpunkt auch noch sehr viele weitere neue Eindrücke verarbeiten müssen. Wichtig ist, dass alle Beteiligten diese schwierige Aufgabe ernst nehmen.

Das kontinuierliche Lernen durch PTBs geschieht aktuell, in Anbetracht seiner Bedeutung, noch sehr nebenläufig und individuell. Hier wäre eine Art „didaktischer Klammer“ über die wissenschaftlichen Arbeiten hinweg hilfreich. Die wechselnden Betreuer wüssten dann, auf was sie beim jeweiligen Studierenden besonders achten sollten – welchen Schwächen begegnet werden muss und welche Stärken gefördert werden sollen.

Bei der Themenwahl sollte die Erfahrung der akademischen Betreuer besser genutzt werden. Das könnte durch eine direkte Abstimmung von Unternehmen und Betreuer erfolgen, durch eine Themenvorgabe durch die Betreuer oder durch ein gemeinsames Kick-Off-Meeting mit allen Beteiligten.

Die Belastung von Studierenden und Unternehmen könnte verringert werden, wenn in der ersten Praxisphase auf das Verfassen eines PTBs verzichtet würde. Eine alternative Prüfung wäre beispielsweise eine Präsentation mit anschließendem Fachgespräch, indem Studierende, Betreuer aus dem Unternehmen und Lehrenden gemeinsam die ersten Erfahrungen reflektieren und Anknüpfungspunkte zu den Lehrinhalten suchen. In der zweiten Praxisphase sind die Studierenden dann auch schon etwas erfahrener und können sich besser der zusätzlichen Aufgabe der wissenschaftlichen Aufarbeitung stellen.

Die Erstellung eines PTB ist ein Projekt mit Stakeholdern, Zielen, Aufgaben und Terminen. Dazu sollte ein spezielles Projektmanagement eingesetzt werden.

Kritische Reflexion

Unsere kleine empirische Untersuchung zum Thema PTBs hat einige interessante Ergebnisse hervorgebracht. Die Auswahl der Interviewpartner/Innen erfolgte allerdings auch unter Machbarkeitsgesichtspunkten, sodass die Ergebnisse nicht unbedingt repräsentativ sind. Die Planung, Durchführung und Auswertung von sehr offenen Interviews und deren Zusammenfassung gehört auch keinesfalls zu den einfacheren wissenschaftlichen Aufgaben. Die Studierenden haben sich hier sehr wacker geschlagen. Wir mussten jedoch teilweise Interviews als nicht verwendbar von der weiteren Analyse ausschließen, z. B. weil die Protokolle nicht vollständig waren. Die gewonnenen Erkenntnisse sind jedoch recht deutlich und für Leute, die sich schon länger mit dem Thema beschäftigen, auch nicht unbedingt überraschend.

Autoren: Kurs WI16A und Olaf Resch

 

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3 Gedanken zu „Praxistransferberichte“

  1. Sehr spannend – was mir nicht ganz klar wurde: sind diese PTBs dann auch allen Studierenden offen, d.h. können sie aus den Erfahrungen der anderen ggflls. lernen? Wir haben Praktikumsberichte am FB1 – in einem Supervisionskurs, den ich selber lange unterrichtet habe, besteht der „Bericht“ aus den Diskussionsbeiträgen in einem (allen Kursteilnehmern) offenen Forum zu wöchentlichen Fragen. Eine Präsentation kommt dann noch dazu. Besonders der Netzwerk-Effekt (auch für die Karriere) wird von den TN immer hervorgehoben. Die Diskussionen sind sehr lebendig. Eine wiss. Arbeit ist es natürlich überhaupt nicht & ein Projekt in dem Sinne auch nicht. Schwerpunkt ist vielmehr das Coaching der PraktikantInnen, die z.T. in (gemessen an ihrer Erfahrung und dem jungen Alter) sehr anstrengenden Praktika (im Ausland) tätig sind. Jegliche strukturierte Information dieser Art am Ende des Studiums scheint mir auch ein möglicher Ansatzpunkt für Alumni-Arbeit (ein Bereich, in dem wir viel mehr tun könnten!)

  2. Olaf Resch sagt:

    …leider ist das bisher nicht der Fall. Das liegt vor allem daran, dass die PTB meist sehr viel („geheime“) Interna enthalten. Wir brauchten also ein zusätzliches Format, das für eine breitere Diskussion der Ergebnisse besser geeignet ist. Wir hatten dafür auch schon mit Mikroartikeln experimentiert (http://ceur-ws.org/Vol-575/paper9.pdf), aber irgendwie ist das dann eingeschlafen 🙂 Wie das immer so ist :).

  3. Danke! Mikro-Artikel klingt gut – vielen Dank, war mir als Konzept und Struktur neu! Ich mach was Ähnliches als Abschluss von Studentenprojekten, einen Ergebnisbericht, dessen Struktur genauso ist, wie in dem Artikel dargestellt – nur auf die „Storyline“ lege ich noch nicht genügend Wert (aber vielleicht, weil das Einzelberichte sind, die in einer Teamarbeit entstanden sind – da ist es schwer, die eigene Story von der Gesamt-Story zu trennen). Diese Berichte sind z.T. ganz Klasse und als Reflexion sehr gutes Material. Die Hindernisse in Bezug auf Geheimhaltung kann ich aus Unternehmenssicht gut nachvollziehen. Schwierig – aber man muss ja auch nicht immer ALLES dokumentieren, wenn man darüber reden will! (Manchmal ist das Gegenteil der Fall – Dokumentation behindert die Diskussion).

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