T-Shirts statt Talare?

Die New York Times berichtet: in der Pariser Hochschule “42” lernen Studierende programmieren in einem Umfeld, das auf Vorlesungen und Dozenten weit gehend verzichtet – stattdessen gibt es nur Gruppenprojekte und „freundliche Organisatoren“, die entsprechende T-Shirts tragen. Die Hochschule verlangt keine externe Zugangsberechtigung, stattdessen werden Anwärter ins sprichwörtliche „kalte Wasser“ geworfen – in einem Trainingslager von einem Monat Länge, genannt “piscine” (das Schwimmbad) wird entschieden, wer ‘schwimmen’ kann und wer nicht.

“42” ist mit seinem anarcho-didaktischen Konzept dem fiktionären Universum des Douglas Adams in “Per Anhalter durch die Galaxis” (daher der Name) näher als der standardisierten Welt der Pauker und Kursveranstaltungen (“seminaristischer Unterricht” hin oder her).

“42 goes further, in fact, by developing a system of self-education: Peer 2 Peer learning. This is a type of participatory learning that allows students to unleash their creativity through project-based learning.” (Aus der Online-Beschreibung: 42: Revolutionary Computer Training Free And Open To All)

Kritiker sagen, dass die Methoden der Hochschule, die ihre Gründung und Existenz einem großzügigen Geschenk eines Milliardärs verdankt, naiv seien – dass man nur durch Problemlösen nicht alles lernen könne, was man brauche, bzw. was herkömmliche Hochschulen vermitteln können.

Eine Debatte, die im traditionell von Eliteschulen dominierten Frankreich vermutlich heißer geführt wird, als sie in Deutschland, mit seinem eher egalitären Modell geführt werden würde… Oder?

In unserem Lande denken wir uns die Eier-Köpfe wenn nicht heiß, vielleicht weil es unserem Temperament nicht entspricht, aber wenigstens weich beim Versuch, zu entscheiden, wie das Studium der Zukunft aussehen soll: forschendes Lernen im Sinne, aber auch im Stil des Wilhelm von Humboldt, oder industrienahe Ausbildungsprogramme, Projektarbeit plus? Das erste Modell ist zwar 200 Jahre alt, aber trotzdem nicht stehen geblieben – und Tradition steht vielleicht nicht nur für Muff, sondern auch für Erfahrung, Nachhaltigkeit und Beständigkeit. Das neue Modell führt Studenten lange vor der ersten Arbeitsstelle bereits in Prozesse ein, die sie dann für den Rest ihres Lebens perfektionieren können – ob damit wohl auch das intellektuelle, seelische und emotionale so genannte “Studentenleben” flöten geht oder  durch ein anderes Studentenleben ersetzt wird? Und welches? Jedenfalls ist es ein Leben im “Trainings-Camp”.

Wertvoller Rat aus “Per Anhalter durch die Galaxis”. Foto: State Library of NSW auf Flickr

Ein Fokus auf das Lösen von Problemen ist mir selbst aus meinem Studium vor langen Jahren wohl bekannt: in der Natur und Ingenieurwissenschaften ist das eigentlich ohnehin der übliche Weg (nicht nur in Deutschland oder Europa, sondern überall). Allerdings war die Präsenz und die Dominanz der Hochschullehrer immer fühlbar und für uns als Studenten auch wichtig, und zwar in beide Richtungen: die guten Dozenten verehrten wir und machten sie nach, von den schlechten hielten wir uns fern und versuchten, uns von Ihnen zu unterscheiden. Und wenn ich mal die Nase von Problemen voll hatte, setzte ich mich auf der anderen Straßenseite in ein Philosophie-Seminar, wo nur gequatscht wurde: da wurden andere synaptische Regionen angeregt…Das Modell von “42” scheint, nachdem was ich lese, eher ein Tutorenmodell zu sein, das ich mir irgendwie vorstelle wie das Innere von Google (der Firma), nur ohne Sushi.

“Open 24/7, [42] offers the students a friendly environment, with collaborative spaces that are both pleasant and functional.” (Aus der Online-Beschreibung: 42: Revolutionary Computer Training Free And Open To All)

In der didaktischen Praxis, der Lehre von Woche zu Woche reichen sich beide Modelle ohnehin ständig die Hand: ohne Tutoren, Tutorien, Beteiligung von Studierenden, von Alumni (zum Beispiel als Gastvortragende) wäre mein Unterricht sicherlich langweiliger für die Studierenden und auch für mich – und vermutlich auch weniger effektiv.

Aber vielleicht nehme ich mir an den Franzosen, die ich wegen ihrer Eleganz schon immer bewundert habe, ein Beispiel, und lege meine Jacke zu Gunsten eines T-Shirts ab, auf das ich “Freundlicher Kurskoordinator” drucken lasse. Oder vielleicht sollte einfach “Freund” draufstehen, um auch die letzten Reste patriarchalischer Dominanz-Didaktik zu zerstören. Mal sehen, was meine  neuen “Freunde“, die Studierenden, dazu sagen…

Hier geht’s zur Webseite der Hochschule: http://www.42.fr/ — mit detaillierteren Informationen zu Konzept und Auswahlstrategie (auf Englisch).

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Ein Gedanke zu „T-Shirts statt Talare?

  1. Eugen Zwinger

    Das klingt sehr verlockend und innovativ zugleich. Gib den jungen Leuten (übrigens – nicht nur Studenten, wie es auf der Webseite zu lesen ist) gute Hardware und lass sie machen. Da kommt bestimmt etwas interessantes bei raus.

    Ob das wirklich “DIE Antwort” für Frankreichs Probleme ist? ;o)

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