Wir machen alles mit Wikis, außer Pullover …

von Katja Drasdo

14 Jun, 2010

Einige Anmerkungen zur Vielseitigkeit des Einsatzes von Wikis in der Lehre Prof. Dr. Marianne Egger de Campo (Fachbereich 3) Das Grundprinzip von Wikis als Plattform zum unterschwelligen und transparenten Austausch von Wissen wird am Campus Lichtenberg seit Winter 2009 unterstützend zu meiner Lehre sehr nutzbringend eingesetzt. Begonnen habe ich damit, Erstsemestrigen im Bachelor-Studiengang ÖVW, die […]

Einige Anmerkungen zur Vielseitigkeit des Einsatzes von Wikis in der Lehre
Prof. Dr. Marianne Egger de Campo (Fachbereich 3)

Das Grundprinzip von Wikis als Plattform zum unterschwelligen und transparenten Austausch von Wissen wird am Campus Lichtenberg seit Winter 2009 unterstützend zu meiner Lehre sehr nutzbringend eingesetzt.
Begonnen habe ich damit, Erstsemestrigen im Bachelor-Studiengang ÖVW, die das erste Mal in Kontakt mit den abstrakten Aussagen der Soziologie kommen, Gelegenheit zu geben, kreativ soziologische Fragestellungen auf ihre Praxis anzuwenden und damit ihr Wissen zu vertiefen. So wurde ein Wiki mit Fragen und unterschiedlichen Antworten (die meisten authentische Formulierungen von Studierenden einer anderen Hochschule) gefüttert. Und da es im Wesen der Soziologie liegt, dass es mehr als eine richtige Antwort auf soziologische Fragen gibt, standen mehrere Antwortmöglichkeiten nebeneinander. Das Wiki wurde mit Begeisterung von den ÖVW-Studierenden angenommen und aktiv genutzt, um hier zu üben, wie man schlüssige Beispiele für einen soziologischen Lehrsatz (wie z.B. die self-fulfilling prophecy) findet. Kleine Anwenderfehler, wie das versehentliche Löschen von Links, die wieder zurück zur Ausgangsseite führen, hielten mich dabei mehr auf Trab als das Richtigstellen „inkorrekter“ Aussagen. Denn diese Qualitätskontrolle war den Studierenden sehr wichtig, damit sie sich darauf verlassen konnten, dass sie im Wiki nichts „Falsches“ lernten.
Die ÖVW-Studierenden des 3. Semesters, Jahrgang 2008, benutzen das Wiki um sozialforscherische Daten qualitativ zu analysieren: Studierende im Projekt „E-Government als Brücke oder Hürde?“ untersuchten in explorativen Beobachtungen die Interaktion von Menschen mit Internet und E-Government bzw. auch E-Commerce-Angeboten. Insbesondere ältere Menschen wurden für diese erste Exploration – nach einem Convenience Sample – ausgesucht. So konnten Einblicke in die Welt jener auf der anderen Seite der Digital Divide lebenden Menschen gewonnen werden. Diese Beobachtungsprotokolle standen allen auf dem Wiki zur Verfügung und wurden nun zuerst in der Lehrveranstaltung diskutiert und kodiert – d.h. mit theoretischen Vorannahmen verglichen. So finden sich etwa in allen Protokollen unterschiedliche Hinweise auf Hürden, die die Nutzung von PC und Internet für wenig computeraffine Personen darstellen. Die entsprechenden Passagen in den Protokollen wurden mit einer Seite verlinkt, die den Code – also die abstrahierte, allgemeine Aussage – beschrieb. Das Wiki ermöglicht hier in kleinen Datensammlungen simultane Datenanalyse bei gleichzeitiger Vermeidung von Redundanzen. Jede/r TeilnehmerIn liest die Protokolle, fasst sie inhaltsanalytisch zusammen und vergleicht sie mit vorhandenen Codes bzw. mit theoretischen Aussagen zum beobachteten Phänomen. In jedem Protokoll finden sich Links zu verschiedenen Codes, damit erschließt das Wiki die ganze Variationsbreite der Daten und nichts geht verloren. Gleichzeitig kann sich jede/r TeilnehmerIn einen Überblick über die vorhandenen Daten machen und erhält damit vor allem Einblick in die Arbeitsergebnisse der KommilitonInnen. Als Analyseinstrument ist das Wiki hier viel einfacher einzusetzen als einschlägige Analyse-Software für qualitative Daten (wie etwa MAXQDA ®, Atlas/ti ® oder NUD*IST ®). Das Codieren in der Gruppe sichert die wissenschaftliche Qualität der Analyse, doch kann es in einer Präsenzveranstaltung langatmig und wenig fruchtbar sein. Daher ist eine elektronische Plattform ideal für diesen Arbeitsschritt. Differenzen in der Zuordnung von Codes oder die Revision einer Zuordnung (also Verlinkung) sind für alle TeilnehmerInnen einsehbar und damit transparent (womit ein wissenschaftliches Kriterium für die qualitative Datenanalyse – ihre intersubjektive Nachvollziehbarkeit – erfüllt wird.)

Im laufenden Sommersemester wird das MediaWiki am Campus Lichtenberg außerdem noch als Plattform für die Koordination der Arbeit in Studierenden-Gruppen genutzt, die eine Präsentation zu einem organisationssoziologischen Thema gemeinsam ausarbeiten. Und die von einigen interessierten Studierenden gerne mit mir per Mail oder am Flur geführten Fachdiskussionen über aktuelle gesellschaftspolitische Fragen können in Hinkunft auf einem für Studierende offenen Wiki geführt werden, und bieten damit auch anderen Studierenden Denkanstöße. So wird der intellektuelle Dialog zwischen Studierenden und Lehrenden geöffnet zu einem Forum aller interessierten Studierenden.
Kennen gelernt habe ich Wikis im Rahmen einer Schulung am BZHL, die von Heike Wiesner und Alexander Bruck geleitet wurde. Mit Unterstützung meiner studentischen Hilfskraft Michael Benda werden wohl noch viele Aufgaben mithilfe von Wikis gelöst werden und wer weiß, vielleicht stricken wir auch mal einen Pullover damit….

MediaWiki der HWR Berlin
http://elearning.hwr-berlin.de/wiki
Kontakt: E-Learning Team am Campus Lichtenberg / E-Mail: ecampus@hwr-berlin.de

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