Innovation der finanzwirtschaftlichen Grundausbildung durch den Einsatz von einer Fallstudie und Moodle-Tests

Im Sommersemester 2013 bis Wintersemester 2015 haben Prof. Dr. Ursula Walther und Prof. Dr. Martin Užík, gefördert durch die Qualitätsoffensive Lehre an der HWR Berlin, in der finanzwirtschaftliche Grundausbildung den studentischen Lernerfolg durch den Einsatz einer semesterbegleitenden Fallstudie und Moodle-Tests  ernom steigern können.

Ausgangslage:

Die grundsätzlichen Probleme in den Grundlagenkursen liegen in drei Bereichen.

  1. Das mathematische Grundwissen ist auf einem sehr unterschiedlichen (teils geringen) Niveau.
  2. Oft gibt es keine Kenntnisse von Tabellenkalkulationsprogrammen (bspw. Excel).
  3. Die Übungsaufgaben nehmen einen großen Teil der Lehrzeit in Anspruch, und Hausaufgaben sind kaum umsetzbar, da die Kontrolle von Ergebnissen und Rechenvorgehensweisen zu viel Zeit beanspruchen würde.

Diese Probleme stellten uns vor die Frage, wie wir diese Herausforderungen in effizienter Weise lösen können, um bei den Studierenden eine fundamentale Grundlage für das BWL-Studium zu schaffen. Insofern definierten wir uns folgende Ziele:

  1. Die Studierenden sollten selbständig außerhalb der Vorlesungen zusätzliche Aufgaben lösen. Dabei wollten wir den Lernerfolg überprüfen.
  2. Sie sollten die Grundlagen von Excel beherrschen.
  3. Die Motivation, diese Aufgaben anzugehen, sollte bei den Studierenden von selbst kommen.

Das Frischzellenprojekt wurde auf Basis dieser Erkenntnis in mehrere Stufen unterteilt und umgesetzt. Grundsätzlich ist es in zwei Bereiche aufgeteilt. Zum einem sollte das Verständnis und die Transformation von theoretischem Wissen auf praktische Probleme vorangetrieben werden. Hierfür wurde eine Fallstudie entwickelt. Zum anderen sollte den Studierenden mithilfe von Moodle und seinen Funktionalitäten das Wissen praktisch vermittelt werden, um die Lernerfolge direkt erkennbar zu machen.

Fallstudie

Die Fallstudie „Autotex GmbH“ behandelt finanzwirtschaftliche Fragestellungen am Beispiel eines mittelständischen Automobilzulieferers. Die Fallstudie umfasst mittlerweile fünf Aufgabenteile und kann begleitend über das ganze Semester hinweg eingesetzt werden.

  • Teil 1: Die Firma wird vorgestellt und nach den potenziell relevanten finanzwirtschaftlichen Problemstellungen gefragt (Gruppenarbeit). Dies kann in einer ersten Veranstaltung zur Einführung in das Fachgebiet Finanzwirtschaft genutzt werden.
  • Teil 2: Investitionsrechnung (mit Excel-Übung). Eine Fallgestaltung zur Investitionsrechnung bietet ein praxisnahes Beispiel für die im Unterricht eingeführten Methoden Netto-Kapitalwert und interner Zinsfuß. Im Gegensatz zu üblichen Beispielen wird die Herleitung von Zahlungsströmen aus einer realitätsnahen Investitionsplanung thematisiert.
    Es wurde eine Vorlage sowie eine detaillierte Anleitung zur Erstellung eines Excel-Sheets entwickelt, mit der auch ohne Excel-Vorkenntnisse ein Analyse-Tool zur Bearbeitung des Investitionsbeispiels erstellt werden kann. Die Fallstudie leitet zu einer Sensitivitätsanalyse an.
  • Teil 3: Finanzanalyse. Die Fallstudie enthält Bilanz sowie Gewinn- und Verlustrechnung von Autotex für drei vergangene Jahre. Auf dieser Basis erfolgt eine detaillierte Finanzanalyse mit Berechnung vieler gängiger Kennziffern. Mit gegebenen Daten kann ein Peer-Group-Vergleich durchgeführt werden.
  • Teil 4: Finanzplanung und Bewertung: Die Fallstudie leitet zu einer Finanzplanung für die nachfolgenden fünf Jahre an, es werden Plan-Bilanzen und Plan GuVs erstellt. Neben der Einführung der Methodik zur bilanzorientierten Finanzplanung bietet die Fallstudie damit die Basisdaten für eine (einfache) Unternehmensbewertung, die im letzten Schritt erfolgt.
  • Teil 5: Außen- und Innenfinanzierung: Am Beispiel von Autotex wird die Aufnahme von zusätzlichem Eigenkapital, eines weiteren Kredites sowie verschiedene mezzanine Finanzierungsmethoden durchgespielt und verglichen. Anschließend werden Ansatzpunkte zur Innenfinanzierung diskutiert.

Die Erfahrung im Unterricht zeigt, dass die Fallstudie sehr gut angenommen wird. Der Komplexitätsgrad – obwohl gegenüber einer echten Firma bewusst reduziert – fordert heraus und regt viele Fragen an. Die Fallstudie wurde mehrmals positiv in den Evaluierungen erwähnt. Die Excel-Übung wurde mittlerweile zweimal sehr erfolgreich durchgeführt. Die Mehrzahl der Studierenden arbeitet aktiv an einer Excel-Lösung, obwohl dies kein prüfungsrelevanter Stoff ist. Die sehr detaillierte Anleitung wurde entwickelt, nachdem die Studierenden anfänglich mit der eigenständigen Erstellung eines Excel-Sheets völlig überfordert waren. In einer großen Gruppe konnten die Teilnehmer/innen aber nicht angemessen betreut werden, so dass viele schnell die Motivation verloren. Mit der aktuellen Fassung der Anleitung kommt die Mehrheit der Studierenden dagegen sehr gut zurecht.

Im Wintersemester 2014/15 wurde die Fallstudie vollständig (einschließlich aller Excel-Sheets und Lösungen) in Englische übersetzt und in einem englischsprachigen Kurs eingesetzt. Die Erfahrung ist vergleichbar zu den deutschsprachigen Kursen.

Lernen und Lernerfolgskontrolle mit Moodle

Auch im Grundlagenkurs Investition und Finanzierung kam die genannte Fallstudie „Autotex GmbH“ zum Einsatz. Im Veranstaltungsverlauf wurden in kombinierter Form die Einzelschritte der Fallstudie erarbeitet. Dabei erhielten die Studierenden in einer der ersten Veranstaltungen Zeit, um die Fallstudie selbständig im Internet zu lösen. Die Ergebnisse waren erwartungsgemäß schlecht, da es erst der Beginn des Kurses war. Anschließend folgten, in vermittelte Wissensbausteine. Diese wurden in die Gruppen-, Excel-, Teilaufgaben der Investitions- und Finanzierungsrechnungen und Moodle-Testaufgaben zerlegt.

Bewertungsansicht für LehrendeAbb.: Bewertungsansicht für Lehrende

Der als Online Vorlesung aufgenommene Grundlagenkurs zu Excel war das meist benutzte Medium. Des Weiteren konnten die Studierenden jede einzelne Aufgabe in Form von Moodle-Tests mehrfach üben. Der Lernerfolg war enorm. Während beim ersten Versuch nur ca. 23% der möglichen Punkte erreicht wurden, waren es beim zweiten Versuch bereits mehr als 67%. Im Weiteren steigerte sich die Erfolgsquote auf über 95% im Durchschnitt. Dabei konnte jeweils schnell identifiziert werden, womit die Gruppe die größten Probleme hatte. Diese wurden bei der nächsten Veranstaltung detailliert besprochen und erneut in Form von Aufgaben-Tests in Moodle überprüft.

Im Rahmen des Projektes hat sich die Nutzung der Moodle-Tests so positiv entwickelt, dass sowohl in den Kursen von Prof. Užík als auch von Prof. Walther mittlerweile Klausuren als Moodle-Test geschrieben werden. Dabei besteht die Möglichkeit, das Wissen der Studierenden durch über 50 verschiedene Arten von Fragestellungen sehr detailliert abzufragen. Die finanzmathematischen Übungsaufgaben werden sehr zufriedenstellend bearbeitet.

FragenkatalogAbb.: Fragenkatalog

Fazit

Die Aufgaben aus den Moodle-Tests können ohne weiteres unter den Dozierenden der HWR ausgetauscht werden. Denkbar ist der hochschulweite Teileinsatz der Moodle-Tests als Abfrage des Grundlagenwissens im Investitions- und Finanzierungsbereichs, was einen Qualitäts-Standard auf gleichem Level für alle Studierenden bedeuten würde. Der als Online-Vorlesung aufgenommene Excel-Grundlagenkurs kann ebenfalls als freiwillige Weiterbildungsmaßnahme eingesetzt werden.

Autorin: Tanja von Frantzius

 

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