Massive Open Online Courses – Hype oder Hoffnungsträger?

MOOCs: Bildungsträger oder Bildungsfriedhof?

Anlässlich der Ende Juni vom Stifterverband ausgezeichneten zehn MOOCs , werde ich hier heute meine persönlichen Gedanken zu diesen Massen-Onlinekursen preis geben. Noch vor wenigen Jahren war es eine Vision: Digitale Medien können Lehren und Lernen nachhaltig verändern – vielleicht sogar revolutionieren. Mittlerweile ist die Vision Realität geworden: Smartphones, Tablet-PCs und Notebooks haben ihre alltägliche Akzeptanz privat, beruflich und auch in der Bildung gefunden.

Wer in der digitalen Bildungsbranche unterwegs ist, wird in den letzten Monaten des öfteren den Begriff MOOC (gesprochen ‘muhk’) vernommen haben. Doch was sind eigentlich MOOCs und welchen Sinn haben diese an hauptsächlich Universitäten angebotenen Online-Seminare? – MOOC steht für Massive Open Online Course. Charakteristisch für diese Onlinekurse sind der meist kostenlose, freie Zugang und eine sehr hohe Teilnehmerzahl. Unterschieden wird in die cMOOCs und in die xMOOCs. cMOOCs basieren auf dem Leitbild des Connectivism und gehen davon aus, dass das Wissen nicht nur in der Person, sondern auch in den Verknüpfungen des Internets liegen. xMOOCs sind durch einen klaren instruktionalen Ansatz (Überprüfung von Wissen durch Tests) gekennzeichnet.

Die Methodik der MOOCs ist eine logische Fortentwicklung der Bildungslandschaft in unserer digitalen Welt. Über MOOCs erreichen die Koryphäen einer wissenschaftlichen Disziplin nicht länger ausschließlich die Studenten der (Elite-) Hochschulen, an denen sie einen Lehrauftrag haben, sondern Interessierte jeden Alters auf der ganzen Welt (vgl. Brandeins). Der Zugang zu Bildung und dem Lehrangebot der großen wissenschaftlichen Stars wird auf diese Weise einer breiten Masse gewährt – unabhängig von Studiengebühren, unabhängig auch vom Aufenthaltsort der Studenten. Was einst utopische Zukunftsmusik war, rückt so auf einmal in den Bereich des Möglichen: Chancengleichheit auf dem Bildungssektor und damit verbunden auch berufliche und soziale Aufstiegsmöglichkeiten. Denn MOOCs kann man nicht nur anhören: Studenten, die die festgelegten Leistungen erbringen (z.B. Hausaufgaben, Hausarbeiten, Tests) können online auch Zertifikate erwerben und den Kurs damit erfolgreich abschließen.

Das hört sich alles nach eine traumhaften Lernumgebung an – man kann selbst bestimmt lernen, seine Zeit frei einteilen und auch sein Wissen entsprechend mit anderen teilen. Doch eine Medaille hat immer zwei Seiten. Für mich sind auch die technischen Voraussetzungen wichtig. Ich kann nur an einem MOOC teilnehmen, wenn ich Zugang zum Internet habe, einen Rechner und entsprechende Software besitze. Dies muss erst einmal finanziert sein, bevor jemand, auch aus nicht akademischen sozialen Hintergrund, den Weg einer Bildungskarriere gehen kann.

Ebenfalls kritisch zu beleuchten ist die Wissensvermittlung, die über die digitalen Kanäle entpersonalisiert wird. Der Austausch in MOOCs findet ausschließlich online via Lernplattformen, Forenbeiträgen, Kommentaren in Blogs oder Wiki-Artikeln statt. Hier stellt sich auch die Frage wie nachhaltig der Wissenstransfer ist, ohne den direkten, unmittelbaren Dialog von Angesicht zu Angesicht.

Erkennbar ist auf jeden Fall, dass MOOCs ein bedeutsames Zeichen in der Hochschulbildung setzen werden. Inwieweit sich solche Kurse auch auf die schulische Ausbildung übertragen lassen, bleibt spannend. Auf jeden Fall – so denke ich – ist bei den MOOCs bezüglich der Didaktik, der pädagogischen Umsetzung und der etablierten Anerkennung noch viel Luft nach oben.

Über die Autorin: Melanie Unbekannt studierte Deutsch und Geschichte auf Lehramt an der TU-Berlin. In ihrem Weblog (www.literatenmelu.de) setzt sie sich seit sieben Jahren mit bildungspolitischen Aspekten auseinander. Darüberhinaus befasst sie sich mit den Neuen Medien sowie den Web2.0-Anwendungen und versucht deren Vorzüge, didaktisch für den zukünftigen Unterricht zu nutzen als auch weiterzugeben. Melanie unterstützt seit 2008 aktiv das Educamp und den seit 2011 gegründeten Educamp e.V. Mittlerweile arbeitet sie bei der Twoonix Software GmbH und unterstützt Schulen beim Unterrichten mit der Wikitechnologie.

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8 Gedanken zu „Massive Open Online Courses – Hype oder Hoffnungsträger?

  1. Danke für Deinen Überblick! Im letzten Jahr hat das Thema MOOC in meinen Blended Learning Kursen für Dozenten einen festen Platz gefunden: hierbei ist die Aufregung immer ziemlich hoch und seitdem ich die gut gemachten, an Horror-Krimis erinnernden Filme von Spannagel und Co zum Lehren “Mathematischer Denk- und Arbeitsweisen” vorführe (jetzt mit Blogbegleitung des Doppel-MOOC, “Buy one get two”), sind die Zuhörer auch amüsiert und unterhalten. Das Gespenst des Neuen steht jedenfalls im Raum — so viel Bewegung habe ich lange nicht mehr gesehen.

  2. Katja Drasdo

    Ich habe kürzlich einen Open Course des Hasso Plattner Instituts absolviert. Zum einen, um schlauer zu werden (privates Interesse) zum anderen, um einen Einblick in die didaktische Gestaltung und den zeitlichen Aufwand zu erhalten (berufliches Interesse). Ich war einfach neugierig.

    Der Kurs basierte auf dem instruktionalen Ansatz. Es gab eine klare zeitliche Taktung, innerhalb einer Woche galt es das Lernmaterial in Form von Videovorträgen, Selbsttests und weiterführenden Quellen zu bearbeiten sowie eine Hausaufgabe einzureichen. Der Kurs dauerte sechs Wochen und konnte mit einer Klausur beendet werden.

    Wer wollte, konnte sich in Foren austauschen und Kontakt zum Betreuerteam herstellen.

    Ich selbst war der “stille” Lerntyp, habe das gesamte Kursmaterial bearbeitet (die Hälfte davon eher halbherzig, weil ich mich gerade im Familiensommerurlaub befand), die Hausaufgaben eingereicht und den Kurs erfolgreich mit einer Klausur abgeschlossen.

    Ich muss zugeben, mir hat der Kurs Spaß gemacht, denn ich wollte die Erfahrung eines Mooc ja mal machen. Der Lernerfolg wäre sicherlich größer und nachhaltiger, hätte ich mehr Zeit investiert, mich dem fachlichen Austausch in einem der Foren angeschlossen und das zusätzlich angebotene Übungsmaterial bearbeitet. Aber auch so ist “was hängengeblieben” und ich bin nun in Besitz eines Zertifikats des HPI. 🙂

  3. Ich stimme Melanie bei vollkommen zu, wenn sie sagt, didaktisch sei noch viel Luft nach oben. An einigen MOOCs habe ich bereits teilgenommen, einer hat richtig Spaß gemacht. Insgesamt war das, was ich gesehen habe, aber sehr mau bis hin zu Nichts-als-Videoaufzeichnungen-mit-wöchentlicher-Freigabe. Weshalb das Thema so viel Wirbel erzeugt, ist mir schleierhaft. Und wenn ich dann miterlebe, dass es gepushed wird bis zum Erbrechen – aus politischen und ökonomischen Gründen, nicht aus didaktischem Interesse – dann wird mir tatsächlich übel.

  4. susannemey

    Wer gern mal einen MOOC testen möchte:

    Am 1. September beginnt ein kostenloser Moodlelehrgang. Der Kurs läuft in englischer Sprache über 4 Wochen mit einem geschätzten Aufwand von 2-3 Stunden pro Woche.

    Alle weiteren Informationen finden sich hier: http://learn.moodle.net/mod/page/view.php?id=133

  5. Ich glaube neben dem Zugang zu besonders guten Dozenten gibt es noch einen wichtigen Aspekte warum MOOCs einen Einfluss auf die Hochschullandschaft nehmen sollten und werden: Massenvorlesungen.
    Es ist seit Jahren traurige Realität, dass insbesondere die Standardeinführungsveranstaltungen vollkommen überlaufen sind und wenig mit einem idealtypischen Lehrmodel und dem Austausch von Dozenten und Studierenden zu tun haben. Um einen Studierenden der Florida State zu zitieren (der Artikel fällt mir leider nicht mehr ein):”You know true distance learning when you have sat in a class with 600 students.” Natürlich sind MOOCs zur Zeit noch didaktisch unausgereift, aber gerade an den zum Teil sehr guten Ansätzen zeigt sich, dass es Möglichkeiten gibt eine große Masse an Studierdenden vollkommen neu zu unterrichten. Während in regulären Veranstaltungen die Qualität mit steigender Anzahl der Studierenden abnimmt, ist das bei MOOCs nicht der Fall, sie kann sogar bereichernd wirken. Hier kommt dann die 1% rule (http://en.wikipedia.org/wiki/1%25_rule_%28Internet_culture%29) zu tragen.

  6. Dominik

    Ich persönlich habe noch keinerlei Erfahrungen mit MOOCs gemacht, finde das Konzept jedoch sehr interessant und zeitgemäß.

    Nicht nur für Vollzeitstudenten, sondern auch zur Weiterbildung von “lernwilligen”, berufstätigen Personen, birgt ein MOOC durchaus großes Potenzial, wie ich finde. Dass auch bei MOOCs ein Anspruch an die didaktische Qualität bestehen muss, steht für mich außer Frage, gerade auch evtl. bzgl. spezifischer Qualitätsfaktoren der Fernlehre. Dass bis dato vielleicht viele MOOCs noch keinen exzellenten Qualitätsstandard haben, spricht m.E. nach aber nicht gegen das Konzept selbst. Wie oft habe ich in meinem Studium in Präsenzvorlesungen gesessen, die ich qualitativ (gerade auch didaktisch) mit “grottenschlecht” bewertet habe. Vielmehr sollte also über MOOC-Qualitätsstandards (inkl. Zertifizierung) nachgedacht werden als über “MOOCS ja oder nein”.

    Um mir mal einen Eindruck zu verschaffen, habe ich mich bei einem MOOC auf iversity angemeldet, ich bin gespannt: https://www.iversity.org/courses/monte-carlo-methods-in-finance

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