Problem based learning an der Universität Aalborg

Neuer Campus AAU, eigenes Bild

Eine Universität, in der das gesamte Studienprogramm auf die Methode des problembasierten Lernens (PBL) ausgerichtet ist? Das klingt interessant und ich konnte mir im Rahmen eines Erasmus Aufenthaltes an der Universität Aalborg im Norden Dänemarks ein praktisches Bild hiervon machen. Gastgeber war für eine Woche das elearning lab (eLL) der Uni, eine Gruppe von Wissenschaftlern (Knowledge Group) der Faculty of Humanities, Department of Communication and Psychology.
Die Universität hat zwei Standorte, das elearning lab befindet sich in der City am sanierten und modern gestalteten Hafenbereich, nicht der schlechteste Ort für einen spannenden Aufenthalt hier.

Problem based learning (PBL)

Uni AAU Foyer, eigenes Bild

Wie sieht ein PBL Studium in der Praxis aus? Sämtliche Curricula der Uni Aalborg sind auf die Entwicklung der Problemlösefähigkeit ausgerichtet. Für jedes Semester gibt es ein fachliches fächerübergreifendes Rahmenthema. Die Hälfte des Semesters arbeiten Studierende in Kleingruppen an konkreten Projekten. Sie identifizieren Probleme und erarbeiten Lösungen dafür. Dazu gibt es interdisziplinär ausgelegte Kurse (die anderen 50% des Semesters), in denen den Studierenden das theoretische fachliche Wissen, Herangehensweisen und Handwerkszeug für die Projektarbeit vermittelt werden. Lehrende sehen sich an der Uni Aalborg als Supervisor und Begleiter der Studierenden, die ganze Woche über habe ich immer wieder kleine Gruppen im Gespräch mit ihrem Supervisor gesehen. Die Abschlussprüfung besteht in der Regel aus einer schriftlichen Arbeit und einer zwei- bis sechsstündigen Präsentation, abhängig vom Fachgebiet. Insgesamt ein überzeugendes Konzept, um die Studierenden auf die Anforderungen des Arbeitsmarktes vorzubereiten.
Für Studierende ist die Uni Aalborg aus meiner Sicht ein guter Lernort. Alles ist ausgerichtet auf Gruppenarbeit. Sicherlich wird es auch Hörsäle und Seminarräume geben, die ich nicht gesehen habe. Dafür gibt unzählige Gruppenarbeitsräume für Studierende sowie große offene Lernbereiche, die mit Stellwänden etc. schnell zu kleineren Gruppenarbeitsnischen umgebaut werden können. Insgesamt ein guter Ort für kreatives Arbeiten. Die Studierenden nehmen das an, bereits früh um 8 Uhr sehe ich zahlreiche Grüppchen über Laptops arbeiten. Beeindruckt hat mich auch das Design Lab. An der HWR Berlin hat das ZAQ kürzlich gemeinsam mit dem ELZ ein entsprechendes Konzeptpapier für die Installation genau solcher Lernzonen erarbeitet.

Der fachliche Austausch

Im Gespräch mit den Lehrenden, habe ich erfahren, mit welchen Werkzeugen und Methoden gearbeitet wird. Die Uni setzt Moodle als Learning Management System ein und hat Erfahrungen mit Mahara als ePortfolio Werkzeug sowie mit Adobe Connect für Webinare gesammelt. Sie werden als Basis Tools betrachtet und stoßen ähnlich wie an der HWR auf unterschiedliche Akzeptanz. Insgesamt habe ich hier sehr viele Parallelen festgestellt. Studierende können im Rahmen ihrer Projekte selbst wählen, mit welchen Werkzeugen sie arbeiten. Auch hier ist Google sehr beliebt, kommunizieren und kommentieren (google+), Dokumente erstellen und teilen ist hier eben sehr einfach. Zudem gibt es auch hier den Trend, dass Studierende immer mehr Arbeitsergebnisse in Form von Videos erstellen und auch von ihren ProfessorInnen zunehmend audiovisuelles Material erwarten.

im eLL, eigenes Bild

Ich habe in einem Vortrag über die Aufgaben und Ziele des ELZ gesprochen, ebenso über die organisatorische Verankerung und die mit der Hochschulleitung vereinbarten Ziele. Das ELZ ist mit seiner fachlichen und organisatorischen Ausrichtung auf großes Interesse gestoßen. Eine Serviceeinrichtung, die sowohl mediendidaktische als auch medientechnische Beratung und Weiterbildung anbietet, gibt es an der Uni Aalborg nicht. Ich habe im Gegenzug betont, dass ich im eLL der Uni Aalborg als Gruppe von Wissenschaftlern, die sich mit Forschungsfragen des mediengestützten Lernens in welcher Form auch immer beschäftigen, auch große Vorteile sehen. Die Mischung aus zentraler Serviceeinheit und Forschungsgruppe haben wir dann als das Optimum identifiziert. 🙂
Das ELZ bietet einmal im Semester den Onboarding Kurs für neue Lehrende an. Meine Aalborger Kollegen, alle Lehrende, waren sehr interessiert an meinen Ausführungen hierzu und insbesondere vom Aufbau und der Vorgehensweise beeindruckt. Sie waren mehrheitlich der Meinung, dass alle neuen Professor/innen diesen Kurs absolvieren sollten. Ich bin mir sicher, würden wir diesen Kurs auf Englisch anbieten, wir hätten sicher den ein oder anderen dänischen Teilnehmenden.

 

 

im eLL, eigenes Bild

Womit beschäftigt sich die Forschungsgruppe aktuell? Ich habe im Gespräch einige Themen erfahren. Jacob Davidsen hat unzählige Videodaten gesammelt über die Gruppenarbeit von Studierenden, die es nun auszuwerten gilt. Ulla Konnerup arbeitet gemeinsam mit Kollegen an der Umsetzung des sogenannten flipped PBL. Jette Egelund Holgaard hat mit mir über den Online Master in PBL gesprochen, der international sehr nachgefragt ist. Mit Kathrin Otrel-Cass aus dem learning lab habe ich über Fortbildungsprogramme für Lehrende gefachsimpelt. Gemeinsam mit Mette Skov und Marianne Lykke haben wir über das Design von Online-Kursen in Moodle diskutiert und dabei jeweils Erfahrungen ausgetauscht. Alle sind Supervisors von zahlreichen Projektgruppen und verschwinden immer wieder mit Studierenden in den Besprechungsräumen. Beim Meeting mit dem Moodle-Administrator Brian Moller Svendsen in der IT haben wir uns über aktuelle Themen, Plugins und Schnittstellen unterhalten. Hier konnten wir punkten, auch unsere Medienplattform hat bleibenden positiven Eindruck hinterlassen.

Der Wohlfühlfaktor

Ich habe diese Woche als aufregend und sehr intensiv erlebt. Marianne Lykke und Thomas Ryberg waren sehr freundliche und warmherzige Gastgeber. Das eLL ist eine sehr internationale Einrichtung, es gibt hier immer einen Schreibtisch für Gäste. Ich teilte mein Büro mit Wissenschaftlern aus Costa Rica und Schweden, der Kollege aus Afrika war gerade in seiner Heimat. Ich wurde hier in mehr Gespräche verwickelt, als ich erwartet hatte und alle waren aufrichtig interessiert an meinen Ausführungen und haben gerne von ihren Arbeiten berichtet.

Aalborg ist eine Reise wert, ein sehr schönes Städtchen im Norden von Dänemark mit Studentenflair. Dass ich Aalborg auch noch bei für diese Jahreszeit außergewöhnlich schönem Wetter erleben durfte, war natürlich besonders schön. Ich hatte mich über das Employee+ Programm der Hochschule für den Auslandsaufenthalt qualifiziert und möchte dieses Weiterbildungsprogramm hiermit uneingeschränkt weiterempfehlen.

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Ein Gedanke zu „Problem based learning an der Universität Aalborg

  1. Toller Reisebericht – besonders interessant die andere Art des Unterrichts. Ich denke auch zunehmend, dass das für diejenigen Studierenden, die mit der traditionellen Lehrform Probleme haben, besser ist. Und vielleicht ist es auch interessanter – außer für die Dozenten, die eben keine guten Coaches sind. Gibts ja auch. Würde es gerne mal in der Konsequenz, die du hier dokumentiert hast, probieren. Und Aalborg looks like a winner for a trip – tolle Fotos. Danke für die Inspiration! – Eine Frage hätte ich trotzdem noch: wenn PBL als ausschließliche Lehrmethode verwendet wird, heisst das, dass die Studierenden sich ALLE Inhalte selbst aneignen müssen? Also keine Vorlesungsteile mehr? Du schreibst, dass hier ein “Trend” zum Digitalen besteht und das es vielleicht noch Hörsäle gibt, aber das müsste hier doch extrem sein? Unsere Hochschule ist rein topologisch, von der Gebäudearchitektur auch überhaupt nicht auf PBL ausrichtbar, d.h. wir müssten die Gebäude in Schöneberg bspw. “aushöhlen”, um da hin zu kommen…

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