Second Life in Argentinien

Seit ein paar Jahren unterrichte ich Online-Kurse für eine argentinische Agentur. Unsere Kursteilnehmer wollen sich zu Online-Tutoren weiterbilden lassen oder haben einfach ein besonderes Interesse daran, sich näher mit der eLearning-Technologie, dem Design von Kursmaterialien oder den didaktischen Methoden in diesem Bereich auseinanderzusetzen. Sie arbeiten in größeren oder kleineren Betrieben und Agenturen, in Schulen, Universitäten oder Behörden und einige studieren noch. Ungefähr 50% von ihnen wohnen im Großraum Buenos Aires, etwa 25% im restlichen Argentinien und 25% in anderen lateinamerikanischen Ländern oder Spanien.

Die technischen und fachlichen Vorkenntnisse der Teilnehmer variieren stark. Es herrscht aber immer eine herzliche und ambitionierte Stimmung in den Gruppen, wobei es zwischen den Gruppen je nach konkreter Zusammensetzung und Stimmung der Teilnehmer spürbare Unterschiede gibt. Die Teilnehmer freuen sich, über große Entfernungen hinweg an Diskussionen teilnehmen zu können, neue Themenwelten und Menschen kennenzulernen und mit diesen gemeinsame Erfahrungen zu machen.

In diesem Jahr haben wir angefangen, Second Life in einige Kurse einzubeziehen – sowohl als Lerngegenstand als auch als Unterrichtsmedium. Wir vermitteln den Studenten in diesem Kontext, was MUVEs (Multi-User Virtual Environments) überhaupt sind und welchen Wert sie für Online-Lernen haben können. Wir unterstützen ihren Prozess der Schaffung eines ersten Avatars in Second Life und helfen ihnen zu lernen, sich durch die virtuelle Welt zu bewegen, zu kommunizieren und verschiedene Orte zu erkunden. Außerdem nutzen wir Sloodle, ein System, welches es den Teilnehmern erlaubt, direkt aus Second Life heraus auf die didaktischen Werkzeuge der Lernplattform Moodle zuzugreifen.

Die Lerner probieren den Sloodle Quiz Chair aus
Die Lerner probieren den Sloodle Quiz Chair aus

Unsere bisherigen Erfahrungen mit Second Life sind heterogen. Positiv erleben wir die durchgängige Neugierde und Offenheit der Teilnehmer. Schwierigkeiten ergeben sich aufgrund der Variation der Vorkenntnisse sowie der Unterschieden in den technischen Voraussetzungen. Beispielsweise fühlen sich einige Teilnehmer, denen bereits das “normale” Internet und die ständige Flut von neuen Web-Diensten und Begriffen Probleme bereiten und die noch kein Computerspiel gespielt haben, sehr unsicher. Das Erlernen der neuen Form der Navigation und Kommunikation in Second Life ist für diese Teilnehmer eher stark gewöhnungsbedürftig. Obwohl Second Life eigentlich dem realen Leben näher erscheinen sollte als die geläufige hypertext-, bild- und videobasierte Kommunikationsform des Internets, erfordert es von den Kursteilnehmern häufig ein radikales Umdenken, was einigen leicht, aber anderen weniger leicht fällt.

Gleichzeitig lösen die ersten Schritte in dieser neuen Welt bei fast allen, die den Eintritt geschafft haben, positive und überraschende Erlebnisse aus, besonders das erste Treffen mit anderen Kursteilnehmern in selbiger. Zum Beispiel, dass ein Mitstudent, bislang nur von einem Foto und mit Namen im Forum oder Chat der Lernplattform bekannt, plötzlich als Avatar vor einem steht, mit einem spricht, gemeinsam mit einem fliegt, Aufgaben in bestimmten Simulationen löst oder neben einem im Auditorium Platz nimmt. All dies macht Spass und verstärkt die Lernmotivation.

Diese Erfahrungen machen uns neugierig, wie sich diese Art des Lernens weiterentwickelt: Wir sind auf der Suche nach Lösungen, die die beobachteten Schwierigkeiten reduzieren. Und wir wollen Second Life mehr und mehr als didaktisches Werkzeug in unsere Kurse integrieren. Demnächst auch auf Aya’s Rock.

– jörn schultz (aka juanito schwarz)

Print Friendly, PDF & Email

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


CAPTCHA-Bild
Bild neu laden