Sind MOOCs gescheitert? Und wenn ja, was kommt danach?

"Extension Learning Centre" © The University of Queensland
“Extension Learning Centre” © The University of Queensland

 

Der unabhängige und selbstbestimmte Student lernt online, hört der Lehrkraft abends nach dem Abendessen vor seinem PC zu und kann zwischen drei verschiedenen Kursen in Deutschland, USA und Shanghai auswählen. Diese Hochschulbildung für alle, egal ob reich oder arm, versprachen Massive Open Online Courses (MOOCs).

Plattformen dafür heißen Udacity, edXoder Coursera und sollen helfen diese einfach und überall auf der Welt zugänglich zu machen. Der Trend startete 2012 als ein Mooc Kurs von der Harvard University veröffentlicht wurde und auf dem Modul „Einführung in die Computerwissenschaft“ basierte. Die Ziele waren damals hochgesteckt und ambitioniert. Die Kosten pro Student sollten durch die hohe Teilnehmerzahl massiv sinken und somit für jeden erschwinglich gemacht werden.

Sebastian Thrun, Mitbegründer von „Udacity“ erklärte in einem ZeitOnline Interview (2012) seine Ziele, die er mit seiner Plattform verfolgte:

Wir wollen mit dem neuen Online-Portal Udacity die Hochschulbildung demokratisieren. Kurse, in deren Genuss sonst nur Studenten an renommierten Hochschulen kommen, sollen für alle Menschen verfügbar werden, völlig unabhängig von Herkunft, Vermögen, Alter, Geschlecht.

 

Seitdem ist das Feld der Kritiker gewachsen und der Hype um das Thema MOOCs ging spürbar zurück. Eine Studie, die Ende letzten Jahres von zwei Forschern der Harvard University und Massachusetts Institute of Technology (MIT) veröffentlicht wurde, zeigt, dass MOOCs Nutzer vor allem aus dichtbesiedelten Gebieten kommen, welche deutlich über dem Durchschnittseinkommen von US-Haushalten liegen. Ebenfalls bekannt ist, dass die Abbruchquote bei solchen offenen Kursen meist über 90% liegt.

Diejenigen Teilnehmenden, die ihre Kurse erfolgreich abschließen, erzielen jedoch erhebliche Vorteile in Bezug auf ihre eigene Karriere bzw. Bildung. Das haben Forscher von den Univeristy of Pennsylvania durch eine Befragung von 52.000 Personen auf der Plattform „Coursera“ herausgefunden.

Unter diesen Befragten gaben 52 Prozent an, hauptsächlich an einer Verbesserung ihrer beruflichen Lage durch ein MOOC interessiert zu sein. In dieser Gruppe berichteten 87 Prozent von diversen beruflichen Vorteilen, sei es eine Beförderung, ein neuer Job oder lediglich verbesserte Fähigkeiten für aktuelle Arbeitsaufgaben.

Als Hauptgründe für die hohe Abbruchquote gilt die mangelnde intensive Betreuung durch eine Lehrkraft und die unterschiedlichen fachlichen und sozialen Hintergründe der Studierenden. Zusätzlich fehlt vielen die nötige Selbstdisziplin, die aufgebracht werden muss, um einen Kurs neben der Arbeit zu absolvieren.

Allein durch diese Aspekte kann es nicht den einen, universellen MOOC geben, der alle Teilnehmende zufrieden stellt. Dadurch ist es notwendig, die Zielgruppe (z.B. Berufstätige) mit einem geeigneten Modell der akademische Bildung näher zu bringen.
Selbst Sebastian Thrun hat seine Plattform mehr für die Zielgruppe der Berufstätigen ausgerichtet, wie er dem Handelsblatt kürzlich berichtet.

Als eine passende Lösung bietet sich an, die beiden Welten, Online und Präsenzlehre miteinander zu verknüpfen. Im aktuellen NMC Horizon Report von 2016 ist dazu als kurzfristiger Trend der „zunehmender Einsatz von Blended-Learning-Modellen“ beschrieben. Dieser hybride Ansatz kombiniert die klassischen Präsenzanteile mit zusammenhängenden Onlinebestandteilen. Primäres Ziel ist es hierbei, die Präsenzlehre optimal auf die Bedürfnisse der Studierenden zuzuschneiden damit diese ihren beruflichen und familiären Verpflichtungen weiterhin nachkommen können.

Vor allem in Südasien ist dieser Trend schon stark verbreitet, da die wachsende Mittelschicht eine große Nachfrage nach höheren Bildungsabschlüssen hat und die Studierenden meist weit über das Land verteilt sind. In Indien kooperieren Fachhochschulen mit der MOOC-Plattform edX um kleine private Online-Kurse anzubieten und diese dann mit der Präsenzlehre zu kombinieren.

Im Report wird auch das Extension Learning Centre der University of Queensland vorgestellt. Diese bietet neben klassischen Vorlesungsräumen auch Blended-Learning Räume für Studierende der Ingenieurwissenschaften an, in denen ein projektorientiertes Lernen praktiziert wird und unterstützt den interdisziplinären Austausch mit Lehrkräften, Studierenden und Tutoren.

An vielen Hochschulen werden durch die veränderten Unterrichtsformen besondere Areale benötigt, die den neuen Lerngewohnheiten der Studierenden entsprechen. So wurde im Eingangsbereich der Bibliothek an der Deaking University ein Bereich mit Sofas und Lernecken eingerichtet welcher 24-Stunden geöffnet ist.

Ab dem Wintersemester 2016/17 bietet auch die HWR ihren Studiengang „Business Administration“ im Blended Learning-Format an. Das heißt, die eine Hälfte der Lerninhalte werden online (über Moodle) zur Verfügung gestellt und die andere Hälfte wird im Rahmen von klassischen Präsenzveranstaltungen an der Hochschule vermittelt.

 

Hier gilt es jedoch ähnlich wie bei MOOCs klar abzugrenzen. Blended Learning ist nicht das Allheilmittel, sondern nur ein Tool in der Box aus denen sich die Bildungsanbieter bedienen können. Das beste Lernerlebnis ergibt sich wenn alle Tools optimal für den einzelnen Studierenden kombiniert werden. Dazu zählen Lehrkräfte, Lernumgebung, Betreuung, Administration, Flexibilität sowie Lernräume offline und online.

 

Falls Sie persönlich schon erste Erfahrung mit den neuen Blended-Learning-Modellen gemacht haben, berichten Sie gerne davon!

Falls nicht, sind Sie interessiert diese selbst zu besuchen/lehren?

 

Weiterführende Informationen:

NMC Horizon Report 2016 (PDF): Higher Education Edition German Translation

Schweizer Bildungsforum 2014 (Video, YouTube): Ein Referat von Prof.Dr. José Gomez, Thema:
Offene Hochschulbildung – Eine Analyse am Beispiel von MOOCs
Power Point Folien zu dem Referat

Züricher Hochschule (PDF, S. 19): Bericht Foresight in Higher Education
Weitere Analysen über Gamifaction (S.18) und Mobile Learning (S.18)

Washington Post: The big misunderstanding about MOOCs
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6 Gedanken zu „Sind MOOCs gescheitert? Und wenn ja, was kommt danach?

  1. Sehr schön recherchiert und geschrieben, vielen Dank! Der erwähnte Artikel im Handelsblatt ist in der Tat etwas merkwürdig, weil Thrun sich dort (jedenfalls vom Layout der Seite her) ein “Duell ” mit Manfred Spitzer, dem deutschen Digitale-Demenz-Demagogen, liefert. Dabei wird klar, dass Deine Analyse stimmt: MOOCs (genauso wie digitalisierte Lehre) sind weder rundum gut noch rundum schlecht, sondern gut für die einen, nicht so gut für die anderen. Und auch das nicht über alle Zeit(zon)en, Klassen- und Gender-Grenzen hinweg, sondern dynamisch in Abhängigkeit von den lokalen Gegebenheiten.
    Ich selbst habe im vergangenen Semester Erfahrung mit einem 50/50 (Online/Präsenz) Kursus gemacht – notgedrungen: der Dozent sprang 1 Woche vor Semesterbeginn ab & ich sprang ein. Mein Plan stand aber schon und selbst mit Unterstützung eines Freundes aus der Industrie bekam ich nicht mehr als 50% Präsenzstunden hin. Für den Rest gabs dann Webinar-Meetings (live im Web), Online-Lektionen und 24/7 Unterstützung via Slack.com (einem Messenger-Service wie WhatsApp, für Projekte geeignet). Die Lektionen wurden sehr gut angenommen: es hätten bloß mehr sein können – aber gute, interessante und “bringige” Online-Lektionen zu erstellen, ist eine echte Kunst und lässt sich nicht mal eben so über Nacht machen (wie die ersten MOOC-Menschen gemerkt haben müssen). Die Abschlussveranstaltung (mit Präsentationen der Studierenden) war gestern: Klasse! Alle haben was gelernt! Fazit insgesamt: eine gute Erfahrung, schwieriger als erwartet, ohne die Notsituation hätte ich das nicht durchgezogen! Ohne Kollegen und Hilfe ist das eine fast hoffnungslose Sache: Community counts! Im kommenden, von Dir erwähnten neuen Studiengang “Business Bachelor Blended” mit (höchstens) 50% Online-Lehre arbeiten viele Dozenten und Studenten zusammen: eine echte Gemeinschaftsleistung – bin sehr, sehr gespannt, wie das laufen wird!

  2. Wellnhofer Ernst

    Lieber Herr Birkenkrahe,
    mein Name ist Ernst Wellnhofer. Ich bin 64 , Privatdozent an der Charite und betreue das Modul Medizintechnik und Telemedizin im Fernstudiengang Medizininformatik an der Beuth Hochschule.
    Ich liebe MOOCS ich habe mittlerweile mehrere MOOCS (Coursera) abgeschlossen:
    Process Mining (University of Einthoven)
    Machine Learning(Stanford University)
    Data Scientists tools, R-Programming, Getting and Cleaning Data (john Hopkins)
    Und ich bin in weiteren MOOCs eingeschrieben.
    Meine Erfahrungen:
    • Wesentliche Vorzüge der MOOCS sind das self-paced learning und das Informationsangebot inklusive der weltweiten Diskussion im Internet. Ich kann das mit meinem eigenen Fernstudiengang an der Apollon Hochschule in Bremen vergleichen, der auch Präsenzphasen beinhaltete. Den finde ich auch sehr gut aber nicht ganz so flexibel. Das persönliche Networking funktioniert im klassischen Fernstudiengang besser.
    • MOOCS sind nicht geschenkt. Es gibt Deadlines und inhaltliche Hürden. Ich kann mir schon vorstellen,dass manche das abbrechen. Für mich war es sehr hilfreich, dass ich schon mit MATLAB und anderen Sprachen programmiert hatte, über Kenntnisse in Linearer Algebra und Statistik verfüge etc.
    • Der Spass bei den MOOCS hängt von der Qualtät des Lehrers ab. Am Besten fand ich Andrew Ng
    • Ich glaube nicht, dass MOOCs ein Auslaufmodell sind in einer Zeit in der man sein ganzes Leben dazu lernen muss unabhängig von Karriere. Wir werden mit pluralen Bildungsangeboten leben.
    Mit besten Grüßen
    E. Wellnhofer

  3. Stefanie Quade

    Vielen Dank für den tollen Artikel! Ich bin auch sehr gespannt, wie sich der Mix aus online + offline beim Lehren und Lernen entwickeln wird.
    Ich selbst unterrichte nur noch mit Online-Anteilen – mir fehlt sogar richtig etwas, wenn ich nicht nach einer Präsenzeinheit virtuell Themen mit den Lernenden im Anschluss vertiefen, reflektieren oder in Bezug zu ihrem eigenen Kontext setzen kann. Für mich als Dozentin – und das positive Feedback vieler Studierender spiegelt das wieder – ist die Online-Phase der (fast) intensivere Teil, bei dem ich von jedem einzelnen Ergebnisse sehen, lesen und wiederspiegeln kann und so wirklich sehe, was funktioniert hat und wo ggf. noch online eine Lektion nachgeliefert werden muss, da einzelne Themen noch nicht vollständig verstanden wurden. Die Lernenden haben in den Online-Phasen die Möglichkeit, zeitlich flexibel nach eigenem Tempo die Themen anzuwenden und ein individuelles Lernen zu realisieren.
    Der neue “Business Bachelor Blended” Studiengang an der HWR Berlin bietet da ein vielversprechendes Konzept und ich freue mich auf den Start im Oktober 2016!

  4. @Wellnhofer

    Lieber Kollege Wellnhofer, ich stimme Ihnen völlig zu, insbesondere Ihrer Schlussbemerkung, “wir werden mit pluralen Bildungsangeboten leben” (lernen müssen, als Lehrende wie als Lernende)!

    Wie ich in meinem Kommentar unter dem Blog andeutete, habe ich gerade 50/50 (Präsenz/Online) als Ersterfahrung hinter mir: das war bisher bei uns nicht möglich – 100% Online hingegen (also MOOC-mode) schon. Die Studierenden waren allerdings Erstsemester – da ist das Angebot der weltweiten Vernetzung und Verknüpfung von Themen, Problemen, Personen (noch) nicht ganz so prickelnd, denke ich. MOOCs waren interessanterweise bei diesen Studierenden überhaupt nicht bekannt, obwohl der Studiengang englischsprachig ist. Coursera hatten sie schon mal gehört, aber noch nie erfahren.

    Ihr (vermutetes) Profil ist als Nutzer/Lernender offenbar gut auf die Angebote zugeschnitten – bei den MOOCs, die ich selber erzeugt habe (als Lehrender) stelle ich auch fest, dass die “Passgenauigkeit” auf die Kohorte bzw. auch auf Einzelne viel ausmacht. Diejenigen, denen es passt, finden den für sie guten MOOC – das ist genau das Gegenteil unseres Setups an der Hochschule.

    Sie heben die Qualität des Lehrenden hervor – das wird bei vielen MOOC-Diskussionen vergessen: man denkt an “Konserve” und vergisst, dass auch hier hinter dem Kurs (und vor den online-Lernenden) eine Person steht: obwohl man das natürlich steuern kann. In meinem MOOC “Research Methods” an der HWR habe ich z.B. 150 Interview-Clips mit anderen Forschern und viele der “Vorlesungen” sind aufgenommene Dialoge zwischen zwei Forschern – dadurch wird der Druck auf einen Dozenten deutlich verringert. Aber solche Dinge wie Tonfall, Akzent, Aussehen, sind hier m.E. sogar noch wichtiger als im Hörsaal.

    Andrew Ng (Stanford U. Machine learning) finde ich auch Klasse übrigens! Aber am Besten gefallen hat mir Annemarie Zand Scholten von der University of Amsterdam (Kurs: Quantitative Methoden. Inhaltliche Beispiele: YouTube Playlist)

    Den Pilotkurs habe ich selber mitgemacht & viel über MOOC-Machen gelernt. Das Team, das hinter einem solchen Kurs steht, umfasst übrigens fast 20 Personen (!!), davon die Hälfte Professoren. Ich habe das i.W. alleine gemacht…Wahnsinn eigentlich. Aber man muss dann halt bei Qualität/Quantität einfach deutliche Abstriche machen.

  5. Marian Bauersachs

    @Wellnhofer
    Auch wenn ich hier MOOCs etwas negativ betrachtet habe, wollte ich eher aufzeigen dass diese zu hoch bewertet wurden und zum Beispiel SIe (genau wie es Studien gezeigt haben) auf die angesprochene Zielgruppe passen. Bildungsnahe Teilnehmer die flexibel in ihrem Feld sich weiterbilden möchten. Und Sie haben auch recht, man braucht hier Selbstdisziplin, die nicht jeder hat und die man u.a. auch in der Uni gelernt bekommt.
    Und ich stimme Ihnen auch zu, das (Online) Angebot an Bildungsdienstleistungen wird sich mehr diversifizieren.

    @birkenkrahe, quade
    Ich glaube jedem Beteiligten der gerade mit am neuen “Blended Learning” arbeitet wird sehr deutlich dass eine hohe Qualität eines Modules mit einem hohem Aufwand verbunden ist. Ich selbst habe an einem Modul mitgearbeitet und miterlebt welcher Aufwand nötig ist vor allem wenn man einen hohen Anspruch an der Qualität eines Modules hat. Pure Präsenzmodule haben einen meistens einen geringeren Aufwand, da die Erstellung von Inhalte und die Betreuung der Studierenden weniger Zeit beanspruchen.
    Ich bin zum Beispiel eher der Typ “Präsenzveranstaltung”, da ich vor allem ein auditiver Lerntyp bin, aber jeder Student ist anders und lernt anders. Hier ist sehr wichtig, wie schon angesprochen, zu diversifizieren und jedem eine optimale Lernumgebung anbieten.

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