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Studierende modellieren Startup-Prozesse

birkenkrahe 18 Dezember 2016 One Comment

Bild: Scrum User Stories mit Post-Its.

In Startups fehlen typischerweise Mitarbeiter/innen. Gleichzeitig gibt es unheimlich viele Jobs zu erledigen. In der Lehre gibt es Studierende ohne Ende, aber die Aufgaben im Unterricht werden oft als trocken und realitätsfern empfunden. Was liegt näher, als beide Gruppen zusammenzubringen? Seit 2013 entwickeln deshalb Studierende des kooperativen Siemens-Studiengangs Prozessmodelle für Startups des Startup Incubator Berlin, dem Gründungszentrum der HWR Berlin.

Die Startups werden über die Vorteile des Verfahrens informiert und gemeinsam mit dem Dozenten werden Prozesse ausgewählt, die von Teams von 4-5 Studierenden im Verlauf von 6-8 Wochen bearbeitet werden können. Für das Projektmanagement wird die agile Methode Scrum benutzt, die aus der Softwareentwicklung stammt.

Wir präsentieren spannende Beispiele dieser Kollaborationen von einer Reihe verschiedener Startups der letzten Jahre. Wir erläutern die Vorteile für die Teilnehmenden und stellen den Prozess dar – zum Nach- und Mitmachen. Ein ausführlicher wissenschaftlicher Artikel über dieses Lehr-Experiment ist in Vorbereitung (mit Julia Gunnoltz).

Diese Präsentation gibt ebenfalls einen illustrierten Überblick mit Beispielen (zum Anklicken). Die Präsentation wurde für die Tagung „Deutscher Entrepreneurship Campus 2016″ erstellt, bei der ich gemeinsam mit Boris Goldshteyn (von ALLVR.de) einen Mini-Workshop leitete.

Bild: die Studierenden nutzen die Project Canvas

Welche Prozesse sind hier gemeint?

Hier nur eine kleine Auswahl beispielhafter Geschäftsprozesse, die in der Veranstaltung von Studierenden modelliert wurden:

  • User Onboarding für eine App, mit der Events organisiert werden, nachdem der Startup merkte, dass die Konversionsrate (von Nutzern, die sich die App nur angucken zu Nutzern, die sie auch wirklich benutzen) sehr gering war (ohne dass bekannt war, wieso).
  • Internationalisierung eines Startups, der eine App entwickelt, die unmittelbar global attraktiv und einsatzbar wäre.
  • Installationsprozess für Kunden einer VR-Brillen-Software.
  • Ideen für Prozesse, um eine vollständige Transparenz der geschäftlichen Transaktionen auf einer Merchandise-Seite für die Klienten zu etablieren.
  • Login-Prozess für die Nutzer einer E-Commerce Portal-Lösung.

Man sieht, dass die Prozesse durchaus komplex und umfangreich sein können. Dass die Startups alle App (d.h. Software) basiert waren, ist vielleicht kein Zufall, weil dort Ideen und neue Ansätze leichter und schneller umsetzbar sind. Es gibt aber im Prinzip keinen Grund, Software-Startups vorzuziehen.

Was haben die Startups (= Klienten) davon?

Startups haben in der Regel kein „Fett“, keine überflüssigen Ressourcen: das war ja genau der Hauptanlass für diese Kollaboration von Uni und Inkubator. Deshalb müssen die Vorteile für Startups aber auch auf der Hand liegen und tatsächlich erarbeitet werden. Zu diesen gehören:

  1. Bild: Ausschnitt aus einem BPMN Prozessmodell

    Startups können die Prozessmodelle nutzen, um einen raschen, systematischen, genauen Überblick wichtiger Prozesse zu erhalten – z.B. um Probleme zu lösen oder Prozesse mit Investoren, Experten, Entwicklern oder Fokusgruppen zu diskutieren.

  2. Prozessmodelle können verwendet werden, um Prozesse über einen längerne Zeitraum hinweg zu verbessern. Sie können von den Startups nach Projektabschluss selbst mit vergleichsweise geringem Aufwand gepflegt bzw. weiterentwickelt werden.
  3. Das Projekt selbst liefert dem Startup externes Feedback sowohl von Studenten als auch vom Dozenten, mit denen Prozesse geprüft werden können.
  4. Es gibt verschiedene Nebenprodukte des Projekts, die vom Startup z.B. für Marketing oder Entwicklung genutzt werden können – bswp. Videos, Animationen, und Szenarien.

Was haben die Studierenden (= Berater) davon?

Auch die Studierenden haben wenig Extra-Zeit – die Kursbelastung ist m.E. durchgängig hoch. In den hier diskutierten Kursen kommt noch hinzu, dass die Lehrveranstaltungen als Block gegeben werden, so dass für Projektarbeiten außerhalb des Unterrichts (eigentlich) kaum Zeit bleibt. Dass diese Projekte aber dennoch so erfolgreich sind, liegt auch daran, dass die Vorteile für Studierende deutlich werden. Zu diesen gehören:

  1. Die Studierenden erfahren, wie es in realen Startups in einer (kritischen) Phase ihrer Entwicklung als Unternehmen zugeht. Das ist für Studierende, die von Siemens kommen, die eine ganz anderer Kultur gewohnt sind, besonders wertvoll (und evtl. auch für Siemens!).
  2. Die Studierenden lernen, wie man zielführend ganz verschiedene Methoden, wie Modellierungsstandards (BPMN) und nicht standardisierbare kreative Methoden (Video, Animation, Szenarien, Storytelling) gemeinsam anwendet, um komplexe Probleme zu lösen.
  3. Die Studierenden müssen schwere, zeitkritische, komplexe Probleme in einem konkreten Kontext lösen und im Rahmen einer agilen Projektmanagement-Methode (Scrum) praktisch verwertbare Ergebnisse erarbeiten.
  4. Die Studierenden lernen, mit Klienten im Rahmen eines Beratungsauftrages zu kommunizieren und die vielen Klippen, die dabei auftauchen, zu umschiffen. Hierbei hilft ihnen professionelles Team-Coaching, das sie vom Dozenten erhalten.

Bild: Studierende erstellen Szenarien der fernen Zukunft für den Startup

Von diesen Vorteilen wurde von den Studierenden immer wieder betont, dass die Anwendung des im Studium gelernten, oft als sehr theoretisch empfundenden Wissens, im unternehmerischen „Ernstfall“ das beste an der Projektarbeit war.

Aus Dozentensicht haben Projekte, die mit realen Klienten durchgeführt werden, eigentlich immer viel, viel mehr Energie als Projekte ohne Klienten.

Wie läuft es ab?

Der Prozess ist von Semester zu Semester immer etwas anders – denn die jeweils Beteiligten sind (außer dem Dozenten) immer andere. Aber die folgenden Schritte sind immer in dieser Reihenfolge im Grunde immer dabei.

  1. Die Startups sind selbstgewählt. Interessierte Startups treffen sich mit dem Dozenten, wo sie informiert werden und wo für das Projekt geeignete Prozesse identifiziert werden.
  2. Die Studenten lernen von Beginn der Lehrveranstaltung an verschiedene Methoden kennen, die sie sukzessive in ihrem Projekt anwenden können.
  3. Das Projekt beginnt mit einem ordentlichen Kick-off – danach arbeiten die Studierenden selbstständig im Rahmen der agilen Scrum-Methode.
  4. Dazu gehören regelmäßige Sprint-Reviews (im Abstand von 3-4 Wochen), bei denen die Projektteams ihre Prototypen (= vorläufige Ergebnisse) präsentieren.
  5. Am Ende des Projekts (nach 6-8 Wochen) halten die Studierenden eine Abschlusspräsentation und übergeben den Startups Dokumentation und Endergebnisse.

Wie wird bewertet?

Bild: Ausschnitt des Bewertungsschemas (Quelle: CMU)

Wenn ich dies im Workshop erzähle, wird manchmal die Frage gestellt, wie ich als Dozent denn mit der Bewertung umgehe. Konkret bewerte ich unter Rückgriff auf ein Schema wie dieses von der Carnegie-Mellon-Universität – durch die einzelnen Abschnitte und die textuelle, detaillierte Erläuterung wird Transparenz hergestellt. Gleichzeitig sind die Bewertungen für Praktiker nachvollziehbar und nicht wirklich überraschend. So eine Rubrik verwende ich für alle „weichen“ Leistungsbewertungen, d.h. nicht für Klausuren, aber für Abschluss- und Hausarbeiten, Blogs, Präsentationen und Projekte.

Caveat: tatsächlich kann man als Dozent natürlich nicht gleichzeitig von Studierenden besondere Leistungen (oft weit) über die Anforderungen der Modulbeschreibung hinaus fordern und bei der Bewertung einen einfachen Standard anlegen. Irgendwo muss ein Preis gezahlt werden, wenn man was Eigentümliches, Experimentelles und Energiegeladenes machen möchte! Unter Berücksichtigung der üblichen ethisch und professionell geforderten Bedingungen (die mehr oder weniger anschaulich in der Prüfungsordnung niedergelegt sind), bedeutet das konkret bei mir immer, dass ich dazu neige, die Studierenden für ihr besonderes Engagement zu belohnen. Mein Glück bisher: dieses besondere Engagement hat sich bisher in diesen Kursen IMMER gezeigt. Da ich ansonsten derselbe bin wie immer, bleibt nur der Schluss, dass der besonderer Setup dieser Veranstaltung dafür verantwortlich ist.

Wie gehts weiter?

Ein ausführlicheres Paper ist in Vorbereitung. Die Methode „Studierende kollaborieren mit Startups“  lässt sich nicht nur, wie in diesem Beispielen, im Rahmen von Prozessmodellierung und Beispiele dafür kann man in der bereits erwähnten Präsentation finden: http://bit.ly/DEEC16 – in der Tat führe ich seit 2 Semestern mit dem Berliner Startup Link-Projex sogar solche Projekte sehr erfolgreich im 2. Semester durch. Auch hierbei arbeiten wir häufig mit Startups, aber nicht nur. Und auch zu diesem Experiment wird es 2017 ein Paper geben (mit Stephan Hodel).

Über Kommentare, Fragen und Ergänzungen würde ich mich freuen!

 


Dieser Artikel wurde ebenfalls im Blog des Autors veröffentlicht.

Quellen:

  • Birkenkrahe, M., Gunnoltz, J., Goldshteyn, B. (2016) Startup Process Modeling [Online Presentation]. Deutsche Entrepreneurship Education Campus (9. Dezember 2016), Berlin. Online: benhu.de. (Zugriff: 17.12.2016).
  • Eberly Center for Teaching Excellence, Carnegie Mellon University (2015) “Creating and Using Rubrics” [Website]. In: whys & hows of assessment, Online: cmu.edu. (Zugriff: 17.12.2016).
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