Warum nutzen wir unsere technischen Möglichkeiten nicht?

Quelle: Library of Congress

Wir alle genießen den technischen Fortschritt, insbesondere die immer schnelleren Internetverbindungen, günstigere Daten-Tarife, smarte Geräte und tolle Apps. Wir sind fast alle, fast immer online. Trotzdem findet sich online kaum Bildungsmaterial aus unseren Vorlesungen frei für alle verfügbar. Es gibt generell fast keine Video-Streams, und selbst die einfachen Powerpoint-Folien sind nur intern über moodle erreichbar…. Warum schöpft die Gesellschaft die Chancen und Möglichkeiten der technischen Entwicklung hier nicht voll aus? Gibt es etwas, das uns hemmt? Gibt es vielleicht Aspekte, die uns, die Studenten, die Professoren, die Verwaltung, verunsichern?

Ich möchte hier die rechtlichen Aspekte ansprechen. Das Thema „Urheberrecht“ beispielsweise ist sicher für keinen von uns neu. Man denkt, dass man schon das Wichtigste darüber weiß. Und die eine oder andere interessante Geschichte über unglücklich Bestrafte und Abgemahnte hat man auch schon irgendwo mitbekommen und mit Humor weiter erzählt, so nebenbei als eine lustige Geschichte über jemanden, irgendwo….

Aber wer hat eigentlich schonmal darüber nachgedacht, dass solche Rechtsprobleme wirklich existieren, nicht irgendwo weit weg, bei irgendwelchen Fremden, Unbekannten? Sondern hier in der Uni, dass es also auch Teil unseres alltäglichen Lebens ist?

Ich wusste natürlich schon, dass man keine Filme, Musik oder Bücher hochladen soll. Und natürlich, dass man auch immer die Quellen diverser Zitate angeben muss.
Und ohne mir weiter Gedanken zu diesem Thema gemacht zu haben, habe ich mich einfach über mein neues Smartphone gefreut. Es hat so viele Funktionen, die das Studentenleben sicher erleichtern können. Jetzt würde ich zum Beispiel endlich wichtige Vorlesungen einfach aufnehmen, um sie nacharbeiten zu können….
So dachte ich mir jedenfalls, bis ich neulich in einer Zeitung einen Artikel über die Rechte am eigenen Bild und eigenen Wort gelesen habe. Demnach sei es verboten, eine Vorlesung in Bild oder Ton aufzuzeichnen, ohne ausdrückliche Einwilligung des Professors. Denn, so die Argumentation, wenn der Professor nicht weiß, dass seine Veranstaltung mitgeschnitten wird, gibt er sich vielleicht weniger Mühe, eine optimale Vorlesung zu halten, und es wäre ihm dann später unangenehm, wenn das auf youtube erscheint. Sogar ohne es zu veröffentlichen oder mit anderen Studenten zu teilen, sondern nur für den eigenen privaten Gebrauch ist es problematisch, da man das Recht am eigenen Wort und Bild verletzen würde.
Hinzu kommt, dass Professoren bei ihren Präsentationen wohl regelmäßig auf fremdes Material zugreifen, so verbietet sich jedes Abfotografieren einer Powerpoint-Folie, da man hier gleich doppelt Gefahr läuft, Rechte zu verletzen.

Es bleibt trotz aller technischer Möglichkeiten letztlich zum ernsthaften Lernen meist nur die händische Mitschrift bzw. die Kommentierung der heruntergeladenen Folien direkt in der Vorlesung – wenn sie denn schon rechtzeitig zur Verfügung stehen. Natürlich kommt es auch oft vor, dass eine Vorlesung mal zu schnell oder zu langsam für den jeweiligen Studenten verläuft. Wie praktisch wäre es, mal kurz auf „Pause“ oder „Replay“ zu drücken. Aber diese Möglichkeit gibt es leider (noch) nicht.

Denn der technische Fortschritt kommt oft nur im Rahmen einer Spielerei, vielleicht auch einer Zurschaustellung der Fortschrittlichkeit anhand ausgewählter Vorzeigeprojekte zum Einsatz. Im Alltag hingegen spielen viele der an sich vorhandenen Möglichkeiten leider keine große Rolle.

Ich wünsche mir, dass dies nur eine Phase in der Geschichte des E-Learning sein wird, und für Bildungszwecke aller Art eine Rechtssicherheit geschaffen wird, und für Lehrmaterial und Vorlesungen die rechtlichen Rahmenbedingungen entschärft werden.

Print Friendly, PDF & Email

8 Gedanken zu „Warum nutzen wir unsere technischen Möglichkeiten nicht?

  1. susannemey

    Hallo Natalija,
    Danke für den interessanten Artikel. Das wäre doch mal die Gelegenheit zu recherchieren, welche Open-Source-angebote sich für gemeinsame Mitschriften (vergl hier zu ggf. Karteikartensystemen) sich sinnvoll für Studierende einbinden oder zweckentfremden lassen…

  2. Ein schöner Artikel, ich finde es besonders gut, dass Du auch aus deiner persönlichen Perspektive als Studentin schreibst. Als Hochschullehrer habe ich, wie auf diesem Blog beschrieben, meine eigenen Erfahrungen mit dem Urheberrecht machen müssen… Es ist alles gut gegangen, aber trotzdem hat mich der Maelström, in den ich durch die Verwendung von Internet Blogs im Unterricht geriet, auch dazu gebracht, jetzt den ganzen Kursus in Moodle stattfinden zu lassen (obwohl ich zusätzlich noch Google Docs verwende, aber das ist doch ziemlich schützbar). — Außerdem fragte ich mich nach deinem Artikel, wie ich mich wohl fühlen würde, wenn ein Student eine Aufnahme meiner Veranstaltung machte. Erst dachte ich: toll! Aber dann: na, wissen würde ich von dieser Aufnahme schon gerne, und die Möglichkeit zu haben, sie erst zu sehen bzw. löschen zu lassen, bevor sie weitere Internetkreise zieht, möchte ich auf jeden Fall haben! Was deine Hoffnung am Ende anbetrifft, dass Rechtssicherheit geschaffen werden wird, wird möglicherweise die Probleme nicht alle abstellen. Schon deshalb nicht, weil die digitale Welt sich so schnell entwickelt: wir wissen jetzt noch nicht, mit welchen Werkzeugen und auf welche Weisen zukünftige Studierende Daten sammeln und miteinander austauschen werden. Nur ein Szenario: was, wenn in fünf Jahren jeder studierende mit einer Google-Brille (Google Glass) in den Unterricht kommt, weil die Brille nur noch 20 € kostet, und damit eigene Aufnahmen macht. Nicht nur von meinem Unterricht, sondern auch von deinem Hinterkopf!

  3. Natalija Petrova

    Ja Susanne, das stimmt, danke für die Ideen und den Link. Ich werde mich darüber informieren und vielleicht einen zukünftigen Blog-Artikel über solche Werkzeuge schreiben.

  4. Natalija Petrova

    Hallo Herr Professor Birkenkrahe,

    vielen Dank für die ausführliche Antwort!

    Diese Argumente hatte ich ganz außer Acht gelassen. Ich würde auch nicht gerne irgendwelche heimlich hergestellten und unpassend zusammengeschnittenen Filme von mir im Internet sehen.

    Vielleicht wäre es ja machbar, dass man solche Vorlesungs-Streams stattdessen gleich professionell von der Uni-Seite aus aufzieht.

    Wenn erstmal deutschlandweit jeden Tag Hunderte oder Tausende von Vorlesungen aus allen möglichen Fächern online gestellt werden, würden kleinere „Pannen“ oder Ungenauigkeiten vielleicht gar keine Kreise ziehen. Weil dann ja jeder genau wüsste: „Es ist nur eine ganz normale Vorlesung“, und keine ausgewählte Spitzenveranstaltung, in der alles geprobt und jedes Wort auf die Goldwaage gelegt wird.

    Und wenn doch mal etwas zu sehr schief laufen würde, könnte man es ja Seitens des E-Learning-Teams noch editieren. Dann dürfte es natürlich nicht live sein, sondern leicht zeitversetzt.

    Ich frage mich auch, ob es sich nicht vielleicht positiv auf die durchschnittliche allgemeine Vorlesungs-Qualität auswirken würde,
    denn wenn alle Vorlesungen online wären, würde es wohl bei allen Beteiligten automatisch zu mehr Selbstreflektion kommen, weil man sich bewusst wäre dass man gefilmt wird.

    Aufnahmen meines Hinterkopfes wären ja nicht schlimm, aber natürlich wäre die Scheu wohl ziemlich groß, zu „dumme Fragen“ zu stellen oder die Vorlesung durch Zuspätkommen zu stören oder sonst irgendwie aufzuhalten. Es könnte also auch dazu führen, dass die Studenten – sofern anwesend – auch in einer wachen, konzentrierten Stimmung mitmachen. (Wer verschläft, kann sich die Vorlesung ja sowieso später vom Frühstückstisch aus streamen.)

    Aus dem amerikanischen Raum bekommt man den Eindruck, dass mehr und mehr Vorlesungen online gestellt werden, und dass dieses Vorgehen für viele inzwischen zur professionellen Routine geworden ist. Alle Teilnehmer wirken meistens einfach top motiviert und vorbereitet, und sind dabei durch den Gewöhnungseffekt doch irgendwie auch locker.

    Trotz aller klaren Nachteile in Bezug auf die Persönlichkeitsrechte glaube ich: Die Qualität vieler Veranstaltungen könnte von einer “bewusst optimalen” Vorbereitung und stets voller Konzentration der Professoren bzw. Dozenten wie auch der Studenten profitieren.

    Wenn es gut umgesetzt werden würde, und nach einer gewissen Eingewöhnungszeit etabliert wäre, könnte es vielleicht auch allen viel Spaß machen, und eine Motivation sein, wirklich das Allerbeste aus einer jeden Vorlesung herauszuholen.

  5. Natalija, gut, dass du nicht so leicht locker lässt! — Ehrlich gesagt, wenn ich an meine Veranstaltungen denke (und mittlerweile hast du sie ja auch erlebt) hätte ich wohl nichts dagegen gefilmt zu werden. Für mich ist jede Lehrveranstaltung auch eine Performance, was mir sehr liegt – auch nach sechs Jahren fühle ich mich in dieser Hinsicht noch nicht verbraucht, und wenn ich mich mal unfähig fühle, eine spannende Lehrveranstaltung anzuleiten, bleibe ich lieber zuhause. Dafür gibt es ja immer noch Adobe Connect oder Second Life!

  6. Natalija Petrova

    Herr Professor,

    ich glaube, dass beispielsweise Ihre Veranstaltung, und wie sie durchgeführt wird, online sicher ziemlich gut ankommen würde.
    Vielleicht könnte man ja irgendwann in der Zukunft einmal mit freiwilligen “guten Vorbildern” anfangen, und so gleichzeitig eine Art Benchmark setzen für die anderen Veranstaltungen.
    Soweit ich es von meinen Kommilitonen mitbekommen habe, sind sich die meisten Studenten einig, dass zwar viele Veranstaltungen an der HWR ziemlich gut sind, aber bei weitem nicht alle auf gleich gutem Niveau liegen.
    Vielleicht wäre ein wenig “Inspiration” der Professoren untereinander auch ganz interessant und belebend für den gesamten Lehrbetrieb?

  7. Die Aufzeichnungen über das Intranet unter http://intranet.hwr-berlin.de/ und nicht das Internet zur Verfügung stellen? Dann wäre ein unkontrolliertes Verbreiten eindämmbarer und es könnte vorher evtl. nachbearbeitet werden und erst rausgehen, wenn der Dozierende sein Einverständnis gegegen hat. Allerdings sollte das alles recht zügig passieren, damit die Studierenden die Inhalte möglichst zeitnah bekommen, wobei damit die aus meiner Erfahrung sozial-psychologisch günstige Wirkung des körperlichen Besuchs einer VL reduziert würde.

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


CAPTCHA-Bild
Bild neu laden