E-Portfolios als kombinierte Prüfungen in Moodle

Die Prüfungszeit hat diesmal nicht nur Studierende beunruhigt. Auch unser Team schaute mit Herzklopfen auf diese spannende Zeit. Dank gründlicher Vorbereitung und Testläufe einzelner Dozenten liefen die Prüfungen gut. Im Nachhinein freuen wir uns über den Lernprozess und Entwicklungsschub dieser besonderen Zeit. So sehen wir den Bezug zum chinesischen Schriftzeichens für Krise, welches Elemente von Risiko und Chancen enthält.

Gilt das nur für die technischen Aspekte der E-Prüfungen?

Neben der Auswertung der absolvierten Onlineprüfungen in Moodle möchten wir das Thema der Leistungsbeurteilung mit digitalen Werkzeugen inhaltlich näher betrachten.

In meinen Unterlagen bin ich auf eine ältere Ausarbeitung gestoßen. Die Uni Kassel erarbeitete 2005 die Handreichung „Von H wie Hausarbeit bis P wie Portfolio“. Damit sollten sich neue Formen des Leistungsnachweises etablieren. Der Begriff „Portfolio“ steht dabei für eine Sammlung, bei der Lern- und Arbeitsprozesse der Studierenden mit Arbeitsergebnissen dargestellt werden. Die Handreichung der Uni Kassel orientiert sich dabei an Empfehlungen für die (Lehrer)Bildung, die wiederum schon 150 Jahre alt sind:

  • Selbststeuerung und Selbstbewertung ist i.d.R. erfolgreicher als Fremdbewertung;
  • kreative, dem Thema und dem Lernenden angepasste Dokumentationsformen eignen sich und sind nachhaltiger als normorientierte vergleichende Verfahren

Durchgesetzt hat sich das Portfolio als Sammlung von Einzelleistungen seit damals nicht.

Werden Portfolioprüfungen an der HWR Berlin eingesetzt?

An der HWR Berlin dominieren Klausuren und Studienarbeiten, etwas seltener werden mündliche Prüfungen eingesetzt. Kombinierte Prüfungen sind möglich, beinhalten aber selten mehr als 2 Prüfungsteile.

In unserer aktuellen Rahmenstudien-und –prüfungsordnung heißt es: „(In) Portfolios werden von Studierenden mehrere eigene Arbeiten, die sie in einem Modul erbracht haben, und die ihren Kompetenzerwerb dokumentieren, zusammengestellt. Für den Einsatz der Prüfungsform „Portfolio“ sind konkrete Teilleistungen und ihre Gewichtung zu definieren. Den Studierenden sind zu Beginn der Lehrveranstaltung die spezifischen Anforderungen an das Portfolio zu erläutern.“

Wir haben an der HWR Berlin mit Mahara zwar ein spezielles E-Portfoliowerkzeug, dieses wird jedoch oft für Einzelleistungen eingesetzt. In Moodle lassen sich Teilleistungen gut zusammenstellen und bewerten. Entsprechend des Berliner Hochschulgesetzes BerlHG § 30 (3) können die Einzelleistungen dabei kompensierbar transparent dargestellt werden.

Kriterien Prüfungen

vergl. Konzeption und Durchführung von Fernprüfungen an Hochschulen

 

Es ist wichtig, schon am Semesteranfang deutlich darzustellen, wie die Art, der Umfang und die Gewichtung der einzelnen Teilleistungen aussieht.

Warum gerade jetzt alternative Prüfungsformen?

Die Coronakrise verhinderte einen Großteil der Prüfungen in Präsenz. Bei digitalen Klausuren steht der Verdacht auf Betrugsversuche immer im Raum. Mit jede Überlegung zur Erhöhung der Sicherheit öffnen sich neue Unsicherheiten. Keine technische und organisatorische Lösung wird alle Eventualitäten ausschließen können. Schon damit ergibt sich die Notwendigkeit zur Suche nach alternativen Prüfungsformen.

In der Veröffentlichung „Step-by-step Guide to Create Competency-Based Assignments as an Alternative for Traditional Summative Assessment“ (06/2020) heißt es dazu: „…The traditional summative assessment tools have collapsed during this Pandemic…E-assignments … need to be innovative, engaging, competency-based, well-designed, with defined rubrics, integrated, and interdisciplinary whenever possible…These should also enforce the concepts of self-assessment and student peer assessment. Including the students in the formulation and design enhances their self-motivation where there is no face-to-face education. Designing an assignment with a quality product as an outcome increases the students’ enthusiasm and self-confidence.

Lehrende erproben bei der Umgestaltung der bisherigen Lehre neue didaktische Methoden. Bei vielen dieser Methoden bieten sich andere Formen des Leistungsnachweises besonders an.

Lt. der Umfrage zum Coronasemester fehlt Lehrenden oft die Resonanz und die Interaktion mit den Studierenden. Kleine formative Prüfungen und studierendenzentrierte Aufgabenstellungen können immer wieder zeigen, dass der Input nicht “im Nichts versinkt”.

Aktive Beteiligung als Prüfungsform

Viele Dozent/innen testeten im letzten Semester Moodlewerkzeuge mit aktiver Studierendenbeteiligung, wie die „gegenseitige Beurteilung“ und das „Studentquiz“. Bei der Suche nach „benefits of peer assessment + students“ gibt es viele Bezüge zu aktuellen Studien, „deeper learning experiences through reflection and self-criticism“, „higher student involvement“, „deeper understanding of assessment criteria“ sind nur einige Schlagwörter.

Auch das Moodleplugin „Studentquiz“ überzeugt uns in vieler Hinsicht. In unserem Onboardingkurs für Lehrende entstanden damit z.B. tolle Fragen, die mittlerweile Teil der Abschlußprüfung sind.

Diese beiden Aktivitäten eignen sich m.E. besonders dazu Teil einer Prüfungsleistung zu sein (und damit auch extrinsisch zu motivieren). Kleine Zwischenprüfungen, das Glossar, Forenbeiträge, Aufgaben zur Erstellung von Infografiken und Fachlandkarten u.v.m. können über Moodle den Lernprozess auf hohen Kompetenzstufen (Evaluieren/Erschaffen) widerspiegeln und mit Punkten belohnen. Durch gründliche Vorgaben zu (Bewertungs-)Kriterien lässt sich die Bearbeitungstiefe für den kontinuierlichen Kompetenzaufbau steuern. Der Vorbereitungsaufwand ist hoch, dafür sind die Lehrenden im Prüfungszeitraum deutlich entlastet.

Ein Entwurf könnte z.B. so aussehen:

Prüfungselement Werkzeug wann Umfang (Maximal)Gewichtung
Portfolioprüfung Moodlekurs   6 Elemente 100 Punkte
1.      schriftliche Ausarbeitung Gegenseitige Beurteilung 30.11. 2000 Zeichen 10 Punkte (durch Kursteilnehmer)
2.      Bewertung und Feedback im Peer Review Gegenseitige Beurteilung/ Beurteilungsbogen 8.12.  > 100 Zeichen 20 Punkte (automatische Auswertung)
3.      Postersession Datenbank oder Glossar 30.10. eine Infografik 15 Punkte (durch Dozent
4.      Entwurf Testfragen, Beantwortung der Fragen der vorhergehenden Einheit Studentquiz 31.10./30.11./
23.12./31.1./
15.2.
Je eine Frage, alle Antworten, Bewertung der Fragen Je 5 Punkte (nach Rangliste)
5.      Forenbeiträge Forum jederzeit offen 10 Punkte
6.      Abschlusstest Quiz oder Aufgabe Im Prüfungszeitraum 10 Fragen/ OpenBook, Random, Zeitbegrenzung 20 Punkte

Anstatt der schriftlichen Ausarbeitung könnten Studierende kleine Lerneinheiten für andere Studierende zur Verfügung stellen. Als H5P-Einheiten, Moodlelektionen oder als kleine Erklärfilmchen (z.B. mit MySimpleShow). Frei lizensiert können besonders gute Lernhäppchen später noch breite Verwendung finden.

Wenn der Abschlusstest nur wenig Punkte generiert, sind Betrugsversuche unwahrscheinlich. Der Workload verteilt sich kontinuierlich über das ganze Semester. Gleichzeitig erfordern die Aufgaben eine vertiefende Auseinandersetzung mit den Lehrinhalten. Gute Fragen zu entwerfen ist mitunter herausfordernder als die Beantwortung einer Frage. Die optionale Einbindung der Studentquizfragen in der späteren Klausuren erhöht die intrinsische Motivation und entlastet die Lehrenden.

Wäre eine Umstellung der Prüfungsform möglich?

Welche Regelungen gibt es dazu an der HWR Berlin? Im Pandemieplan heißt es:

„…Kombinierte Prüfungen und Präsentationen müssen online abgenommen werden. Diese Prüfungen dürfen flexibel gestaltet werden. Das bedeutet, dass mündliche Teile durch schriftliche ersetzt werden können, … Kombinierte Prüfungen können auch in mehrere oder andere Teilprüfungen aufgeteilt werden, als dies die Prüfungsordnungen vorsehen…“ (Seite 14)

Um eine Gleichbehandlung der Prüflinge zu gewährleisten muss „…die Entscheidung darüber, welche Prüfungsformen angewendet werden, … moduleinheitlich getroffen werden“ (Seite 13). Die „Ordnung der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin zur Anpassung von Studium und Prüfungen an die Vorgaben der SARS-CoV-2-Eindämmungsmaßnahmenverordnung vom 30.06.2020“ präzisiert noch, daß eine „… rechtzeitige Festlegung der Prüfungsform“ nötig ist um „… Studierenden Planungssicherheit“ zu geben. Dabei können für diese Semesterabschlussprüfungen auch Prüfungsformen angewendet werden, die ohne Präsenz der Studierenden auskommen. Dazu sind Abweichungen von den für die jeweilige Prüfung geltenden Regelungen erforderlich und möglich, wobei über die …der Fachbereichs- oder der Institutsrat entscheidet.“

Würden auch Sie gern neue Prüfungswege gehen? Wir beraten Sie gern, egal ob Sie –im kleinen Rahmen- Einzelaktivitäten für Bonuspunkte einsetzen oder gemeinsam mit anderen Dozenten Modulprüfungen in gemeinsamen Kursen neu denken.

 

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HWR-Verordnungen:
Sonstige Quellen:
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Bildquellen

  • Kriterien Prüfungen: susannemey
  • Krise: susannemey

One thought on “E-Portfolios als kombinierte Prüfungen in Moodle

  1. Marcus Birkenkrahe

    Meine Erfahrungen mit Portofolio-Prüfungen sind ebenfalls ausgezeichnet. Ich organisiere das als “agiles Projektmanagement”, weil es tatsächlich wichtige Elemente dieser populären Methode beinhaltet. Hierbei kommen zu den Leistungen noch 2 weitere Elemente hinzu: ein “Berichtswesen” (Sprint Reviews), und die Betonung von “Prototypen” – d.h. die Studierenden arbeiten zwar auf 1 Endergebnis zu, Zwischenergebnisse haben aber ihre eigene Gültigkeit. In meinem Fall sieht das so aus, dass jedes Studi-Team einen aktuellen Forschungsartikel erhält, zu dem sie die folgenden Portfolio-Prototypen erarbeiten (und einreichen) müssen: (1) ein Glossar, (2) eine Mindmap, (3) eine Infografik, und (4) eine virtuelle Präsentation mit interaktiven Elementen (z.B. einem Kahoot-Quiz) als krönenden Abschluss. Insgesamt machen diese Leistungen 50% der Gesamtnote aus – es handelt sich also nicht bloß um “kleine Zwischenprüfungen”. Die verbleibenden 50% kamen aus einer E-Klausur. Bei der Erstellung der Portfolio-Elemente, die aber alle auf dasselbe komplexes Thema (im einleitenden Forschungsartikel behandelt) hinauslaufen, sind von den Teams erhebliche Leistungen im Hinblick auf Koordination, Qualitätsmanagement usw. zu erbringen. Auch vor Corona mussten die Studierenden sich hier bereits weitgehend virtuell organisieren. Vielleicht hat die Übertragung dieser agilen Methoden auch im Sommersemester 2020 deshalb so gut geklappt? Die Studierenden beklagen sich zwar immer über den Arbeitsaufwand (mit oder ohne Corona), aber die Ergebnisse rechtfertigen diesen Aufwand eigentlich immer (das geben auch die Studierenden zu). Man könnte aus Lehrendensicht noch einwenden, dass die Unterteilung von Gesamtleistungen zu Mehraufwand führt – und das ist zweifelsohne richtig. Auch in meinem Fall war das am Anfang ziemlich aufwändig – wie bei vielen Routinetätigkeiten liegt das Geheimnis der Bewältigung in der Erfindung eines guten Workflows, der einem persönlich wie angegossen passt. Außerdem ist es auch für mich schön, zu wissen, dass nicht sämtliche Bewertungen erst am Ende der Vorlesungszeit auf mich einstürzen, sondern z.T. bereits im Semester erledigt werden können. Ein weiteres positives Ergebnis für die Studierenden (auch wegen der E-Klausur): sie kriegen meine Endergebnisse jetzt bereits am Tag nach der Klausur, in diesem Semester am 31. Juli. Das hat sich gut angefühlt!

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